Warum tust Du mir das an?

Mit etwas Glück kann die Jubiläumsausgabe des 25. schwullesbischen+ Filmfestivals PinkApple dieses Jahr wieder in seiner gewohnt marathonhaften Geballtheit an Themen, Formen und Fragestellungen stattfinden. Weil die Filme 2021 erneut übers ganze Jahr verteilt gezeigt werden mussten, folgt hier die konzentrierte Besprechung einer Auswahl.

 

Die Witze im Kastenwagen der Bukarester Polizei bedürfen keiner lustigen Pointe. Sie dienen höchstens zu einem Bruchteil der allgemeinen Unterhaltung, also dem Zeitvertreib während der ereignislosen Periode einer Nachtschicht. Die sechs Männer in Uniform überbieten sich gegenseitig vielmehr in der verbalen Beweisführung ihrer heroischen Männlichkeit, was am einfachsten über die Herabwürdigung der Frau und allem Weibischen funktioniert. Cristi (Conrad Mericoffer) hat die Überassimilation der eigenen Attitüde schon dermassen eingeübt, ja nachgerade verinnerlicht, dass es ihm scheinbar selbst gelingt, sich die dahinter liegende Selbstverleugnung als Ideal schönzureden. 

 

Das Drehbuch von Ioana Morain für «Poppy Field», das Eugen Jebeleanu bis zum klaustrophobischen Kammerspiel steigert, beginnt in der Isolation im Schutzraum der Privatwohnung, wo Cristi seinen französischen Geliebten angstfrei herzen kann, und endet in der hierarchisch verordneten Isolation im leeren Kinosaal, damit der Einsatzleiter seine Existenz grundsätzlich verleugnen kann. Die Polizei wurde gerufen, um einen Eklat zwischen BesucherInnen eines LGBT-Filmfestivals und nationalistisch-religiösen GegendemonstrantInnen zu verhindern, die bis in den Saal vorgedrungen waren und den Abbruch der Vorführung provoziert hatten. Wie bereits in der Privatwohnung, als Cristis Schwester mit ihrem Überraschungsbesuch, um «seine Gay-Phase einmal in Echt zu sehen», reagiert er auch in der aufgeheizten Stimmung im Kino mit übergriffiger Aggression. Gegenüber der Schwester rein verbal, in der Öffentlichkeit auch körperlich. Durch die Anwesenheit eines ihm bekannten Filmbesuchers fühlt er sich aus Angst vor einem Outing dermassen unter Druck, dass er ihn niederschlägt. Statt einer Beruhigung erwirkt er damit eine Steigerung des Tumults und als ihn sein Vorgesetzter allein im Kinosaal vor allen anderen separiert, um die Geschichte dieser blutenden Nase und die Beschuldigung der Polizei als unglaubwürdiges Märchen deklassieren zu können, weil ein solcher ‹Täter› überhaupt nicht anwesend wäre, wird dessen scharfe Rüge, Cristi solle sich nicht als «Schande der Truppe» aufführen, ungeheuer vieldeutig. Meint er damit die Beherrschung im Konkreten oder vielmehr im Allgemeinen, also der ruchbar gewordenen, aber nicht thematisierten ‹unmannhaften› Phase? «Poppy Field» vermittelt das ganz grosse Drama mittels einer vermeintlich unter Kontrolle befindlichen Charade und übersetzt mit der auch formalen Dualität das Verlorensein in Cristis Zwiespalt in eine fühlbare Beengtheit.

 

Sprache verschlagen

 

Eine Meeresbreite weiter östlich in der russischen Teilrepublik Tschetschenien wurden von internationalen Menschenrechtsorganisationen zwei orchestrierte Säuberungswellen gegen LGBT-Personen in den Jahren 2017 und 2019 festgestellt. Einer, der seinen geplanten, sogenannten Ehrenmord durch den eigenen Bruder überlebt und nach Belgien fliehen konnte, ist der Mixed Martial Arts-Kämpfer Khavaj. Zwei ganze Jahre lang begleitete ihn der ebenfalls nur unter Pseudonym auftretende tschetschenische Filmemacher, bevor er für «Silent Voice» erstmals die Kamera in die Hand nahm. Entstanden ist eine Stunde Dunkelheit. Im realen Sinn, weil die Begegnungen hauptsächlich nachts und/oder in abgedunkelten Räumen stattfinden mussten, und im übertragenen Sinn, weil Khavajs ausweglose Lage ihn in eine traumatische, körperlich manifeste, aber allein psychisch begründete Sprachlosigkeit versetzte. Ein Dokfilm über einen Protagonisten, der aus Sicherheitsgründen nicht gezeigt werden darf und der über seine Ohnmacht auch kein verbales Zeugnis ablegen kann, erscheint aus cineastischer Perspektive erst einmal sinnfrei. 

 

Danach sind solche Belanglosigkeiten von jedem Radar verschwunden. Denn was in Krimis anhand von Kronzeugen inklusive Überführung in eine komplett neue Identität meist als heldenhaft inszeniert wird, zeigt sich in der Realität einer umfassenden Gefahrenumzingelung als kaum fassbare Notlage. Nicht namentlich erwähnte NGOs ermöglichen den Zugang zu Therapien, besorgen die klandestinen Wohnungswechsel alle zwei, drei Tage und bieten, wie dies der Filmemacher in seiner Funktion als Aktivist höchstwahrscheinlich die erwähnten zwei Jahre zuvor gemacht hatte, eine persönliche Begleitung und organisieren in ungewisser Zukunft eine mutmasslich gesicherte neue Existenz. Sie unternehmen also alles menschenmögliche, um die Isoliertheit einer ausweglosen Leere irgendwie bewältigbar erscheinen zu lassen. Seinen Sport muss er aufgeben, weil die Kampfsportszene in Belgien von Tschetschenen kontrolliert wird. Kontakte muss er sämtliche unterlassen, weil die heimattreue Diaspora ihn an Stelle seines Bruders jederzeit meucheln würde. Sogar bezüglich der regelmässigen Sprachnachrichten seiner Mutter ist ungewiss, ob diese tatsächlich aus ihrem eigenen Antrieb oder doch auf einen organisierten Druck geschehen. Sie schimpft, lockt, droht, bettelt, versichert ihm Sicherheit  vor dem Bruder und Heilung durch den Mullah, beklagt ihre finanzielle Not ohne seine Unterstützung, bricht hörbar in Tränen aus und fragt: «Warum tust Du mir das an?» Ein emotionales Horrorszenario.

 

Individuell und situativ genauso als absolut empfunden wird der Trennungsschmerz einer amourösen Liaison. Isidore Bethel, ein Zeitgeistsurfer par excellence, verwandelt die eigene emotionale Mélange nach der Zurückweisung eines massgeblich älteren Geliebten in Mexiko in ein Kunstprojekt, worin er sich selbst in den Mittelpunkt stellt. Inwieweit diese öffentlich inszenierte Selbsterfahrung mit der Beihilfe von Co-Regisseur Francis Leplay unter dem (sarkastischen?) Titel «Acts of Love» tatsächlich zu einer Erkennis führt, sei einmal dahingestellt. Schliesslich sind Verarbeitungsprozesse in einer grossen Variantenvielfalt möglich. Er annonciert auf Grindr und ähnlichen Onlinefickportalen – alias Partnerschaftsbörsen – die Suche nach Teilnehmern für ein offenes Experiment: Die Bereitschaft zu einem Treffen, dabei gefilmt zu werden, bei offenem Ausgang. Der Lohn: «You will get back something. It might be sex or something else.» 

 

Ein rundlicher Kriegsveteran mit der Vorliebe für schlagartige Nacktheit, ein Bipoc-Hühne aus der Leder-/SM-Szene und ein im Alter mit seinem Verflossenen übereinstimmender, in einer sexuell offenen Beziehung befindlicher Dritter sind die drei hauptsächlich in Erscheinung tretenden weiteren Personen. Und die Mutter des Twens, die in ihren Telefonkommentaren dieser eher ungelenk-planlos wirkenden Anordnung die dringend notwendige Portion Witz beifügt. Ein roter Faden ist publikumsseitig nur schwer auszumachen. Die Eigenexponierung à la Instagram wird insofern konterkariert, weil sich Isidore Bethel verunsichert, angreifbar, ja gar überfordert inszeniert, statt der üblichen Hochglanzoberfläche nachzueifern. Eine Pa­rallelität zur realen Problemstellung im Leben von schwulen Männern mit häufig wechselnden Gelegenheitspartnern ist erkennbar: Die dünne Linie zwischen vorzuführen und vorgeführt zu werden, sobald eine Begegnung über die sexuelle Interaktion alleine hinausgeht. Der Film demonstriert via den Umgang damit von letztlich plusminus vier Männern, dass der Social Media-Beziehungsstatus «es ist kompliziert» zurecht zur Auswahl steht. Mit welch individuell dahinterliegender Motivation all das öffentlich gemacht werden will, ist eine andere Geschichte.

 

Selbstfindung

 

Schrille Tunten ergeben ein eingängiges Sujet, sogar wenn sie, wie im Spielfilm «Jump, Darling» von Phil Connell, während ihres Haderns mit sich selbst gezeigt werden. Russell (Thomas Duplessie) feiert als Drag-Queen Fishy Falters beeindruckendere Erfolge denn als ernsthafter Schauspieler. Seinem Bald-Ex wäre eine bürgerlichere Existenz lieber, zumal eine berufsbedingte Dauerfeierlaune in einschlägigen Clubs mit ausreichendem Rauschmittelkonsum einhergehen kann. Eine Schräglage in Sachen Erwartung. Weil die stete Wiederholung des Ewiggleichen wie die Vorwürfe der Mutter klingen, nimmt Russell reissaus und flieht aufs Land. Er nistet sich bei Oma Margaret (Cloris Leachman) ein und macht auf verständnisvollen, sie umsorgenden Enkel. Nicht, ohne sie heimlich auch noch um eine beträchtliche Barschaft zu erleichtern. In der einzigen LGBT-freundlichen Bar im grösseren Umkreis drängt er sich als DJ in den Vordergrund, bandelt offensiv mit dem Heterobarkeeper an und tappt während einer – für diesen Ort – einzigartig lasziven Dragshow in die Falle der Wiederholungstat durch Verhaltensroutine, die er in der Stadt fluchtartig hinter sich lassen wollte.

 

Russell steht am Berg. Ein Impuls geht von seiner resoluten Mutter aus, die Margaret schnellstmöglich ins Pflegeheim verbringen will. Ein weiterer vom Verhalten des Barkeepers nach ausreichend Alkoholkonsum und der entscheidende dritte, von einer gealterten Drag-Queen zurück in der Stadt, die ihn haufenweise Löcher in den Bauch fragend vor das fait accompli stellt, Russell müsse seine Taten unbedingt auf eine innere Überzeugung stützen. Erstmals hört er sich die Standpauke aufmerksam zu Ende an, die ihm zuvor schon Exfreund, Mutter und ein klein wenig auch der innere Schweinehund immer wieder zu halten versucht hatten. Von einer gealterten Drag-Queen mit Rückenhaaren und Raucherstimme nimmt er sie entgegen. «Jump, Darling» ist der eingängig inszenierte Selbstfindungstrip hin zur Festigung der eigenen Verortung an einer Aussenkante des bürgerlichen Durchschnittsdaseins.

 

Sehr viel komplexer in den ineinandergreifenden Fragestellungen bei gleichbleibender Hauptstossrichtung ist «Rurangi» von Max Currie. Caz (Elz Carrad) ist eine treibende Kraft und Stütze für den Transgender-Aktivismus in Auckland (Neuseeland). Das Drehbuch von Cole Meyers und Oliver Page nimmt die Realität vorweg, indem der Abstimmungskampf für die «Self-Identification-Bill» (definitive parlamentarische Zustimmung im Dezember 2021) bereits im vollen Gange zeigt. Transgender-Personen sollen ihr Geschlecht im Geburtsschein einfacher dem gelebten Geschlecht anpassen können. (Eine spätere Anhörungsszene verdeutlicht die Wichtigkeit dieses Dokuments in der Neuseeländischen Rechtssprechung.) Nächtliche Plakataktionen, Podiumsdiskussionen, Communitybuilding usw. Hinter all dem steht Caz mit all seiner Energie. Nur öffentlich in Erscheinung treten will er nicht. Seine Vorgeschichte wird in der Selbstkonfrontation zum Haupterzählstrang. Der Suizid seines langjährigen Partners Andy und die folgenden Hasstelefonate und Drohungen der Familie werfen Caz dermassen aus der Bahn, dass er Auckland erst mal flieht. Nach dem titelgebenden Rurangi, einem Zentrum der Milchwirtschaft, wo sich Biolandwirte wie Caz’ Vater für ein Pestizidverbot einsetzen und auf harten Widerstand stossen. Caz findet Unterschlupf bei Anahera (Awhina-Rose Ashby), seiner besten früheren Freundin, die ihrerseits mit ihrer Maori-Herkunft und der noch immer mangelhaften Sprachkenntnis hadert. Also auf einer nicht minder existenziellen Art einen Selbstfindungsprozess durchläuft. Sie sucht der Verzweiflung nahe ihre Identität, wie dies Caz zehn Jahre zuvor durchlitten hat. 

 

Geboren im Körper einer Frau und der Identität eines Mannes, wäre Caz in Rurangi zugrunde gegangen und wäre heute nicht mehr am Leben. Er musste wortlos und Hals über Kopf fliehen und den Kontakt zu allem Bisherigen abbrechen. Der Erstkontakt mit dem Vater ist kurz und herb und endet in heimlich vergossenen Tränen. Ganz anders verhält es sich mit dem Exfreund Jem (Arlo Green). Dieser findet sich in der ihn verstörenden Situation wieder, Caz – obschon jetzt auch physisch ein Mann – noch immer ebenso anziehend zu finden, wie zuvor im Körper einer Frau. Und das, obschon Jem doch überhaupt nicht schwul ist. 

 

Die Mehrteiligkeit der existenziellen Fragestellungen rund um die Frage der jeweils eigenen Identität, wie sie der Film völlig organisch wirkend einander gleichstellt, ist von einer hohen Glaubwürdigkeit. Und vermag ein Publikum anhand diverser potenzieller Anknüpfungspunkte für ein Verstehen einer jeweils als fremd empfundenen Problemstellung auch für die jeweils anderen Lebenslagen zu sensibilisieren. Rurangi stellt überhaupt keine Hierarchie in einer Dringlichkeit der Selbstfindung her und ermöglicht durch diese kluge und aufrichtige Egalisierung sämtlicher Identitätsfragen, ein Verstehen und ein Verständnis zu fördern.

 

Alltagsherausforderungen

 

Recht indirekt, aber letztlich eben doch ähnliches beabsichtigt Marco Simon Puccioni in seinem Langzeitfilmtagebuch «Tuttinsieme». Gemeinsam mit seinem Mann Giampietro Preziosa hat er vor sieben Jahren in den USA zwei Knaben adoptiert. David und Denis. Die Eispende stammte beide Male von Amanda, ausgetragen und geboren hat beide Kinder Cynthia. Die drei Familien stehen trotz der Distanz in regem Kontakt und eine der grössten Hürden in ihrem doch recht banalen Familienalltag scheint die Begrifflichkeit für die Rollen von Cynthia und noch spezifischer für Amanda zu sein. Der existierende Terminus kennt aus einer technisch kühlen Begrifflichkeit kein treffliches, also auch emotionale Hinwendung ausdrückendes Wort dafür. Da­rüber hinaus sind Kinder, wie sie sind. Ein Junge aus der Klasse beneidet Denis um seine zwei Väter, während David sich missverständlich ausgedrückt hat und einer seiner Freunde jetzt glaubt, seine Mutter wäre gestorben, was bei dessen Eltern zu Kondolenzbekundungen führte. Die Auflösung sorgte für eine allgemeine Erheiterung. Der Film, offenbar Teil zwei eines mehrteiligen Projekts, beginnt 2015 und nimmt damit den Abstimmungskampf um die gleichgeschlechtliche Partnerschaft mit hinein, die das Parlament 2016 auch dank tatkräftiger Unterstützung der Senatorin Monica Cirinnà knapp angenommen hatte. Der Rest ist ein Familienfilm, wie er im Buche steht. Eltern, die sich sorgen, Jungs, die rumalbern, ein Umfeld, das sich einmischt. So total normal, dass es einen streckenweise schon fast langweilt.

 

Für transidente SportlerInnen in den USA im jugendlichen Alter ist die offizielle Anerkennung ihres Geschlechts von entscheidender Bedeutung, wie das «Changing the Game» von Michael Barnett anhand von drei jungen Menschen demonstriert. Eine sportlich herausragende Leistung ist im US-amerikanischen Bildungssystem eine Möglichkeit, ein Hochschulstipendium zu erhalten. Eine, die den Umweg über die mehrjährige Verpflichtung zum Militärdienst (in den USA heisst das auch: Kriegseinsätze), eine annähernd lebenslange Verschuldung für die gesamte Familie oder dann halt den Verzicht auf eine höhere Bildung, also eine Karriere, überspringen liesse. Einfach durch Leistung. 

 

Der Wrestler Mack aus Texas und die nordische Skifahrerin Sarah Rose aus New Hampshire haben gegenüber der Leichath­letin Andraya aus Connecticut den herausragenden Nachteil, dass ihr Bundesstaat sie nach ihrem Geburtsgeschlecht führt und zahllose formaljuristische Begründungen findet, dies auch nicht zu ändern. Zum Beispiel: «Wenn wir sie nicht als Person, die sie ist, respektieren, sie also also als irgend etwas anderes als weiblich ansehen würden, würden wir eine diskriminierende Situation herstellen.» Aber auch Feministinnen alten Schlages sehen in der Testosteroneinnahme von Mack bei zeitgleicher Wettkampfbeteiligung bei den Mädchen einen regelrechten Verrat an den Errungenschaften der Frauenemanzipation. Die Anfeindungen durch ein Publikum kennt natürlich auch Andraya in Connecticut, aber immerhin ist dort die offizielle Haltung der Behörden, Schulen und Verbände nicht grundsätzlich transgenderfeindlich. Sie kann mit Frauen trainieren und sich im Wettkampf gegen sie behaupten. Ihr Vorbild hat Terry ermutigt, ihr Coming-out zu wagen, die für staunende oder protestierende Aussenstehende eine simple Auflösung parat hat: «Wir identifizieren uns nicht als Frauen. Wir sind Frauen.» Michael Barnett findet in Texas die junge Cis-Frau Chelsea, die in der Herausforderung, Mack zu besiegen, als mit zum Spiel des Wettstreites gehörende, also ganz herkömmliche Herausforderung sieht. Als sie an den Bundesspielen hinter Mack den zweiten Platz belegt, gelten ihre Tränen dem nicht errungenen Sieg. Gegen wen, ist für sie zweitrangig. Dass letztlich keine von beiden ein Stipendium erhielt, zeugt von einem noch langen zu gehenden Weg in Richtung Akzeptanz. Den will die Langläuferin Sarah Rose nicht abwarten, sie engagiert sich aktiv in der Lokalpolitik. Mit der Option respektive der Absicht, sich bundesweit Gehör zu verschaffen.

 

Selbstdurchsetzung

 

Bagdà heisst eigentlich Tatiana (Grace Orsato), aber der Tomboy des rein weiblichen Haushaltes in einem Arbeiterquartier São Paulos hat so überhaupt nichts mit Mädchenzeugs am Hut. Skaten, Rumhängen, Kiffen – all das tut sie nur mit Jungs aus dem Quartier, und lange während der Spielzeit von «My Name is Baghdad» von Caru Alves de Souza wirkt ihre Position innerhalb der Gruppe wie ebenbürtig respektiert. Es sind die Polizisten während einer Drogenrazzia, die das aggressive Machogehabe reinbringen. Einer droht ihr, «wenn Du mein Kind wärst, würd ich dir das Frausein schon einprügeln» und filzt sie mit übertriebener Härte und klar sexuell übergriffigem Körperkontakt. Divers ist vor allem Bagdàs familiäres Umfeld. Die Mutter verbringt ihre Zeit im von Transgenderfrauen betriebenen Frisörsalon, die Tante steht in einer kleinen Bar ihre Frau und die kleinste Schwester Bagdàs hat einen Marsflug- und Ausserirdischen-Spleen. 

 

«My Name is Baghdad» ist innerhalb des Pink­Apple-Programms thematisch am ehesten den Filmen in Gedenken an 50 Jahre Frauenstimmrecht in der Schweiz zuzuordnen. «De la cuisine au parlament» von Stéphane Goël und die hier noch sehr viel weniger bekannte filmische Würdigung der Vorreiterinnen für die Frauenemanzipation in Polen vor dem Ersten Weltkrieg, «Women Power» von Marta Dzido und Piotr Sliwowski, der semifiktional die Situation des damals noch dreigeteilten Landes Revue anhand der namentlich herausragenden Pionierinnen passieren lässt, oder besser: feiert. Die Figur der Bagdà ist vergleichbar vorbildhaft für die Feier von Frauenpower. Sie freundet sich in einem weit entlegenen Quartier mit anderen Skaterinnen an und wehrt sich erfolgreich gegen die volltrunkene Übergriffigkeit eines Gangmitglieds, den sie in der Folge in der Gang und im Quartier erfolgreich an den Pranger stellt, dass für alle anderen Jungs eine Zukunft als stereotyper Sackkratzmacho zumindest im Augenblick alles Erstrebenswerte verliert. 

 

«Sedimentos» von Adrian Silvestre betont die Diversität innerhalb einer scheinbar homogenen Gruppe. Sechs Transfrauen verschiedenen Alters reisen für ein Wochenende von Madrid nach Léon. Magdalena hat das Haus der Grossmutter geerbt. Woher sie sich kennen, bleibt bis zuletzt unbenannt. Klar und deutlich hingegen kristallisiert sich heraus, dass jede von ihnen eine individuelle Persönlichkeit ist. Verschieden in ihren politischen Ansichten, ihrer feministischen Rigorosität, ihrem Wunsch nach physischer Transition, ihrer Selbstsicherheit, wie auch ihrer Geschichte respektive den Sehnsüchten für eine Zukunft. Der Film wird zum Kammerspiel von Unterhaltungen im Privaten mit Ausflügen in die Umgebung. Sechs Definitionen von sich selbst und von Weiblichkeit streben je danach, für voll genommen zu werden, was die Konflikte nachgerade heraufbeschwört.

 

Inwieweit «Sedimentos» ein Dokumentarfilm oder vielmehr Scripted Reality ist, lässt sich nicht abschliessend beurteilen. Das Ziel indes, Transgender-Personen als ebenso divers wie Schwule oder Lesben oder Heten anzuerkennen, erlangt der Film mit links – und einem grossen Augenzwinkern.

 

Schon eher in Richtung beissender Spott geht «Goodbye Seventies» von Todd Verow. Sein Reenactment in Erinnerung an die Pioniere der höchstdilettantisch hergestellten B-Schwulenpornos im New York der 1970er-Jahre ist den Vorbildern gleich grottenschlecht. Also,… zöge man Professionalität in Licht, Handlung, Kameraführung, Dramaturgie, Location und Makeup als Vergleich hinzu. Denn schwulen New Yorkern blieb das Heteropornokino oder das Bad (die Sauna) zur mehr oder weniger ungestörten promisken Trieb- und Lustbefriedigung. Zwei Jungs, der verhinderte Tänzer Bradford (Chris Rehmann) und der dickliche Vinny (Ken Kaissar), suchten sich zum Spass Freiwillige für einen Kunstfilmdreh in der eigenen Wohnung. In New York eine platzmässig sehr beengende Angelegenheit. Mit dem Fleisch gewordenen Tom Of Finland-Traum Marco alias Horse (Justin Ivan Brown), dem Unschuldsjüngling mit Engelsgesicht Matt alias Bottom (Andrew Cawley) und einer stetig weiter wachsenden Wahlverwandtschaft drehten sie Super-8-Filme, damit die im Dunkeln zwischen den Kinosesseln Cruisenden auch auf den Leinwänden bloss noch Schwänze zu Gesicht bekämen. Es muss eine örtlich und personell recht überschaubare Szene im New York dieser Tage gewesen sein, denn ihr Aufstieg aus der totalen Schmuddelecke in den Kultstatus ging unaufhörlich voran und begann sich zusehends auch finanziell auszuzahlen. Erst die ominöse Schwulenseuche zu Beginn der 1980er-Jahre, später bekannt als AIDS, nahm diesem völlig durchgedreht-slapstickhaften und zeitgleich total überambitionierten Ulk eines alles, also auch sich selbst verballhornenden, Freizeitspasses seine Leichtigkeit. Schön schräg.

 

Natürlich finden sich auch reine Unterhaltungsfilme im Programm, wie auch Vor- oder Nachpremieren von 2021 kommerziell ausgewerteten Filmen mit LGBT-Thematik (die hier zu ihrem regulären Kinostart bereits besprochen worden sind) – schliesslich ist Pink­Apple seit jeher auch ein Publikumsfestival. Die beiden Schwerpunkte mit den Filmen der PreisträgerInnen der Festival Awards von 2021 (Eytan Fox) und 2020 (Ulrike Ottinger) konnten im Rahmen dieser Berichterstattung leider nicht visioniert werden. Was einen potenziell möglichen Eindruck (nach diesem Artikel), im letzten Jahr wären die Filme mit Transgender-Thematik überproportional vertreten gewesen, in die richtige Relation rückt und auch die Sehnsucht nach einer physischen Durchführung im 2022 bestärkt, weil eine Ersatzbesprechung halt auch nicht das einzig Wahre ist.

 

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