Im Stadtzentrum am Rande der Gesellschaft

Wie lebt es sich ohne Dach über dem Kopf in Zürich – und welchen Einfluss hat die nicht enden wollende Pandemie auf die Betroffenen? Simon Muster hat mit Walter von Arburg vom Sozialwerk Pfarrer Sieber gesprochen.


Walter von Arburg, die Festtage liegen hinter, die kälteste Jahreszeit vor uns. Wie erleben Sie diese Zeit in den Notschlafstellen des Sozialwerks Pfarrer Sieber? 

Walter von Arburg: Die Weihnachtszeit war bereits vor der Pandemie für viele armutsbetroffene Menschen die einsamste Zeit im Jahr. Viele verbinden die Festtage mit Kindheitserinnerungen: Kekse backen mit den Eltern, Heiligabend mit der ganzen Familie vor dem Christbaum. Das führt zu emotionalen Momenten, die wir mit unseren drei Seelsorgestellen aufzufangen versuchen. Und natürlich sind die Wintermonate jedes Jahr die intensivste Zeit, weil die tiefen Temperaturen das Schlafen auf der Strasse lebensgefährlich machen. 


Gleichzeitig sind wir immer noch inmitten einer Pandemie…

Genau, wobei wir diese bisher gut überstanden haben. Wir hatten relativ wenige Ansteckungen unter den obdachlosen Menschen, die bei uns verkehren. Ein Grund dafür könnte sein, dass viele bereits vor der Pandemie wenige soziale Kontakte hatten. Für einmal scheint hier die Einsamkeit einen positiven Nebeneffekt zu haben. 

Gleichzeitig aber hatten die Massnahmen gegen die Ausbreitung des Virus ganz spezifische Konsequenzen für obdachlose Menschen. Während dem Lockdown im März 2020 waren sie plötzlich alleine in der sonst belebten Innenstadt. Das erschwerte für jene, die aufs Betteln angewiesen sind, das Leben. Dazu kam, dass die Menschen wegen der Pandemie kaum noch Bargeld bei sich tragen. Auch das erschwert das Betteln, Twint ist auf der Gasse keine Option. 


Hat sich die Einsamkeit der Menschen am Rande der Gesellschaft in den letzten zwei Jahren akzentuiert? 

Ja, das kann man schon so sagen. Für viele stellt das Sozialwerk Pfarrer Sieber und seine Angebote eine Art Ersatzfamilie dar. Doch wegen der Pandemie mussten auch wir, als letztes Auffangnetz, gewisse Abstandsregeln einführen. Etwa im Gassencafé Sunestube im Langstrassenquartier, ein niederschwelliger Treffpunkt. Dort können wir unter normalen Umständen bis zu 20 Armutsbetroffene gleichzeitig bewirten, aber wegen dem Schutzkonzept mussten wir die Kapazität auf zehn Gäste reduzieren. Auch mussten wir persönliche Kontakte neu denken, also auch persönliche Beratungen und Betreuungen pandemiekonform ausgestalten. 


Wie haben Sie den Kontakt mit dem Kanton während den ersten Monaten der Pandemie erlebt?

Die Gruppe der armutsbetroffenen und obdachlosen Personen ist sicher in einer ersten Phase von der Politik vergessen worden. Dafür habe ich ein gewisses Verständnis: Die ganze Schweiz hat auf Antworten und Massnahmen gewartet, da konnte die Politik wohl nicht die Bedürfnisse jeder Gruppe abbilden. Das hat aber dazu geführt, dass die spezifischen Bedürfnisse von obdachlosen Menschen in der ersten Welle vergessen gingen. Aber insgesamt haben wir die Kommunikation konstruktiv wahrgenommen und haben stets Hilfe erhalten, wenn wir nachgefragt haben. 


Die Pandemie ist auch für viele Menschen wirtschaftlich einschneidend, die bisher nicht in einer Notsituation waren. Hat sich das Klientel in den Notschlafstellen verändert?

Nein, wir stellen keine grösseren Veränderungen fest. Jene, die in den letzten zwei Jahren in eine unserer Notschlafstellen kamen, sind grösstenteils die gleichen wie vor der Pandemie. Das hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass Obdachlosigkeit in der Schweiz primär ein soziales und kein materielles Problem ist. 


Wie meinen Sie das?

Grundsätzlich konnten wir nicht feststellen, dass das soziale Sicherungsnetz aus Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe gerissen ist, sodass mehr Personen bei uns in der Notschlafstelle gelandet wären. Natürlich gibt es Einzelfälle, bei denen genau das der Fall ist. Aber viel häufiger geraten Menschen in die Obdachlosigkeit, weil sie keine tragfähigen familiären oder sozialen Strukturen haben. Sie sehen sich mit Schulden konfrontiert oder verlieren ihren Job und haben kein soziales Umfeld, dass sie kurzfristig auffangen könnte. So werden vermeintlich bewältigbare Probleme plötzlich zu Fallstricken, die eine Person sozial abstürzen lassen. Diese familiäre und soziale Einsamkeit hat sich während der Pandemie sicher verschärft. 


Wenn die Probleme sozialer und nicht materieller Natur sind, erschwert das natürlich die politische Antwort auf Obdachlosigkeit. 

Genau, ein soziales Netz kann man schlecht staatlich verordnen. Natürlich können in der Familien- und Erziehungspolitik die einen oder anderen Massnahmen getroffen werden. Aber für unsere sozialen Beziehungen sind wir im Endeffekt selber verantwortlich. 

Wobei: Ganz so einfach ist es dann doch nicht. So hat Obdachlosigkeit etwa eine Geschlechterdimension: Rund 80 Prozent der obdachlosen Personen, mit denen wir zu tun haben, sind Männer. Dieses Verhältnis hat sich auch während der Pandemie nicht verändert. Meiner Vermutung nach handelt es sich hierbei um eingeprägte Geschlechterrollen, die Männer dazu verleiten, weniger Sorge zu sozialen Kontakten zu tragen. Das bedeutet allerdings nicht, dass Frauen nicht obdachlos sind. Wahrscheinlich ist ihr Anteil in der sogenannten unsichtbaren Obdachlosigkeit deutlich höher.


Was muss ich mir unter «unsichtbarer Obdachlosigkeit» vorstellen?

Damit sind all jene Personen gemeint, die eine prekäre Wohnsituation haben, aber nicht auf der Strasse oder in einer Notschlafstelle übernachten. Sie schlafen etwa für ein paar Tage bei FreundInnen auf dem Sofa, haben aber keinen festen Wohnsitz. Ich kenne zwar keine Studien dazu, aber meiner Vermutung nach ist hier der Anteil von Frauen höher, weil sie trotz aller Widrigkeiten noch stabilere soziale Netzwerke haben als Männer in ähnlichen Situation. 


Wie sieht es mit Jugendlichen aus? In Bern ist Ende letztes Jahr ein Crowdfunding für eine Notschlafstelle zu Ende gegangen, die sich spezifisch an junge Menschen richtet. 

In Zürich gibt es mit der Notschlafstelle «Nemo» vom Sozialwerk Pfarrer Sieber bereits ein Angebot, dass sich spezifisch an 16- bis 23-Jährige richtet. Auch hier konnten wir keinen Anstieg an Übernachtungen feststellen. Das ist aber nicht eine gute Nachricht: Unsere jungen obdachlosen Gäste waren bereits vor der Pandemie psychisch am Ende. Die Pandemie hat ihre Situation insofern nicht verschlechtert – sie ist einfach ein Problem mehr, dass sie belastet.


Obdachlosigkeit ist und bleibt aber auch ein politisches Problem. Wo sehen Sie erfolgsversprechende Strategien?

Ein Ansatz, der im Zusammenhang mit Obdachlosigkeit oft diskutiert wird, ist «Housing First». Die Idee dahinter ist, dass der Staat für obdachlose Personen zuerst eine stabile Wohnsituation schafft, in einer Wohnung oder einem Zimmer. Und das unabhängig von Aufenthaltsstatus, finanzieller oder sozialer Situation. Dadurch erhalten sie eine Sicherheit und einen Rückzugsort. Zudem ist eine Adresse für viele alltägliche Dinge eine Voraussetzung, etwa im Kontakt mit staatlichen Institutionen. 

Ein weiterer Ansatz, den wir auch beim Sozialwerk Pfarrer Sieber vermehrt verfolgen, ist die «Peer-to-Peer»-Hilfe, also dass Betroffene sich untereinander helfen. Menschen, die bereits einmal obdachlos waren, können kompetenter und glaubhafter unterstützen als gut situierte SozialarbeiterInnen. Deswegen gibt es unter Betroffenen das geflügelte Wort: «Hilf dir selbst, sonst hilft dir ein Sozi». 


Aktuell steigen die Fallzahlen erneut wieder stark. Haben Sie weitere Massnahmen ergreifen müssen?

Wir sind aktuell daran, die Isolationszimmer auszubauen. Jetzt, wo sich so viele Menschen anstecken, müssen wir sicherstellen können, dass sich auch eine obdachlose Person bei Symptomen oder einem positiven Test isolieren kann. Im Moment bieten wir zehn solche Zimmer an. Zum Glück haben aber unsere KlientInnen eine im Schweizer Vergleich hohe Impf- und Boosterquote: Bei jenen, die wir in unserem Fachspital Sune-Egge stationär betreuen, sind alle geimpft und geboostert. Bei den ambulant Betreuten sind, Stand Dezember, mehr als 80 Prozent zweimal geimpft. 


Wie erklären Sie sich diese hohe Impfquote bei obdachlosen Menschen in Zürich?

Wir haben viel Überzeugungsarbeit geleistet, weil wir Massenansteckungen in den Notschlafstellen verhindern wollen. Wir haben die Betroffenen auch auf die Risiken einer Ansteckung hingewiesen. Diese sind besonders hoch bei obdachlosen Personen, weil fast niemand, der oder die auf der Gasse lebt, bei guter Gesundheit ist. Aber natürlich ist auch bei uns die Impfung freiwillig.

 

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