Warum das Fragezeichen?

Vor einem halben Jahrhundert erschien «Die Grenzen des Wachstums» – ein Buch, das im Kern eine Binsenweisheit enthielt. Doch im Bericht des ‹Club of Rome› wurde diese mit alarmierenden Computermodellen untermauert. Trotzdem kommt jetzt ein aktuelles ‹Denknetz›-Jahrbuch mit einem Fragezeichen hinter dem «Postwachstum» im Titel daher. Meint es wenigstens nur das Wie der notwendigen Begrenzung?

 

Hans Steiger

 

1972 war ich noch Buchhändler, der nicht zufällig ‹buch 2000› getaufte Versand war um 68 herum massiv gewachsen, wobei Umweltfragen im vorab pazifistisch profilierten Sortiment eher Randthemen waren. Unserer damaligen ‹information für morgen› entnehme ich, dass «Grenzen des Wachstums» zwar gleich auf die Liste der Bestseller kam, jedoch in hinteren Rängen. Tophit war «Göhnerswil» – eine Streitschrift zum «Wohnungsbau im Kapitalismus». Erst der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für den Club und die Taschenbuch-Ausgabe seines Berichtes «zur Lage der Menschheit» – so der Untertitel – sorgten für den Durchbruch. Sie rückte im 3. Quartal 1973 auf Platz 2. Davor die in Aarau bei Sauerländer publizierten Bilderbogen von Jörg Müller: «Alle Jahre wieder saust der Presslufthammer nieder. Oder: Die Veränderung der Landschaft.» Der rundum erkennbare, inzwischen viele erschreckende Wandel seit den 1950er-Jahren wurde dort exemplarisch in sieben Etappen festgehalten. Eigentlich ein Kinderbuch, aber auch Protestmanifest. Denn noch sei kaum begonnen worden, «ernsthafte Programme für Umweltschutz und Umweltgestaltung zu entwickeln», steht im Kommentar.

 

Politisch willkommene Argumente

Politisch war mir der von Industriellen gegründete, sogar irgendwie mit der Autoindustrie verbandelte ‹Club of Rome› zwar suspekt, aber die von ihm veranlasste Studie enthielt willkommene Argumente für den Kampf gegen die Autobahn im Knonaueramt, die wir nicht als Fortschritt, sondern als Bedrohung empfanden: Exponentielles Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum werde zur Erschöpfung von Ressourcen, Zerstörungen sowie schweren globalen Krisen noch vor dem Jahr 2100 führen.

 

In der nun übervollen Öko-Ecke des Estrichs fand ich den ersten Bericht nicht mehr, nur das «30-Jahre-Update», von Donella und Dennis Meadows auch als «Signal zum Kurswechsel» gedacht. Dieser sei «trotz technologischer und institutioneller Fortschritte» ausgeblieben. Sie schätzten die Lage jetzt sogar pessimistischer ein, hofften jedoch «inständig», dass «die Menschen der Welt» den richtigen Weg wählen würden – «aus Liebe und Achtung für ihre menschlichen und nichtmenschlichen Mitbewohner auf der Erde in der Gegenwart und Zukunft.» Gleich daneben im Regal postum veröffentlichte Gedanken von Donella Meadows zu «Grenzen des Denkens». Wie wir sie mit System erkennen und überwinden können …

 

Einfach «qualitativ» weiter wachsen

Dann stachen mir noch die Bändchen der Dokumentation einer internationalen Tagung der Industriegewerkschaft Metall ins Auge. Auch sie fand 1972 statt! Die erste von zehn thematisch gegliederten Publikationen trug die dort geforderte «Qualität des Lebens» im Titel. Der in der SPD auch entwicklungs- und friedenspolitisch profilierte Erhard Eppler hielt dazu ein Hauptreferat. Der schwedische Ministerpräsident Olof Palme fragte: «Ist Zukunft machbar?» Aber die meisten Markierungen hatte ich beim Lesen am Rand des Vortrages eines Wirtschaftshistorikers aus den USA angebracht: «Hat der Kapitalismus eine Zukunft?» Der könne, befand Robert T. Heilbroner, von tiefgreifenden Veränderungen alltäglicher Lebensgewohnheiten untergraben werden, «genauso tödlich, wenn auch vielleicht weniger rasch oder romantisch» als in Visionen einer proletarischen Revolution erwartet. Dem scheinbar so erfolgreichen Kapitalismus sei es nämlich nicht gelungen, «die soziale Harmonie zu sichern». Hinzu käme noch «das alles überschattende Problem der schädlichen Nebenwirkungen bestimmter Formen wirtschaftlichen Wachstums», zumal im Umweltbereich. «Wir werden vielleicht die Produktion allgemein einschränken müssen, wenn wir unsere blosse Existenz sichern wollen.» Auch den sozialistischen Ländern würden «ökologische Herausforderungen» ernste Probleme aufgeben.

 

Intensiv wurde auch über Bildung, Verkehr, Umwelt, Regionalentwicklung, Gesundheit debattiert, eine tiefgreifende Demokratisierung postuliert. Einer der Bände zeigt, was die teils kontroversen Positionen als Kompromissformel vereinte: «Qualitatives Wachstum». Gottfried Bombach, Nationalökonom an der Uni Basel, warf die Frage auf: «Konsum oder Investitionen für die Zukunft?» Thema einer Podiumsdiskussion: «Öffentliche Armut und privater Wohlstand.» Alles nach wie vor hochaktuell.

 

‹Scheidewege›, alte & neue Skepsis

Noch ein Jahr früher, also 1971, starteten die ‹Scheidewege›. Denen begegnete ich dank Jürgen Dahl, dem prägenden Mitherausgeber. Mit seiner «Einrede gegen die Mobilität» und der Prophezeiung vom «Anfang vom Ende des Automobils» motivierte er mich mehr als die generellen Warnungen vor Wachstumsgrenzen. Die dem Zeitgeist widersprechende Zeit-Schrift wird in der Wikipedia als «Forum für konservatives, technikkritisches, ökologisches und fortschrittsskeptisches Denken» charakterisiert. Manchmal brachten die Ausflüge ins weltanschaulich fremde Terrain auch meine jungsozialistischen Gewissheiten ins Wanken. Als später grüne Bewegungen und Parteien in die politische Konkurrenz traten, waren mir viele Haltungen gut vertraut, die im progressiv-revolutionären Umfeld als eher reaktionär galten.

 

Wahrscheinlich mochte ich die «Jahresschrift für skeptisches Denken» auch ihres Auftritts wegen. Einfach, aber gediegenen, in gewohnter Verpackung eine immer überraschende Mischung. Mit dem 51. Jahr wurden die ‹Scheidewege› nun zu «Schriften für Skepsis und Kritik». Für die ‹Neue Edition› wird auf kühlerem Cover ein Kernthema plakatiert: «Krise und Transformation». Programmatisch skizziert Niko Paech in der Abteilung ‹Positionen› vorab eine künftige Postwachstumsökonomie. Diese sei angesichts der «Trümmerhaufen doppelt geplatzter Fortschrittsverheissungen» und nach einem nun offenbaren Scheitern bisheriger Krisentherapien der einzige Ausweg. Sie entspricht dem «endlichen System Erde», könnte Leben bewahren und neue Lebensqualität schaffen. Da sie politisch nicht mehrheitsfähig ist, müssen Minderheiten in der Praxis damit beginnen –auch um Mehrheiten zu gewinnen.

 

Ein starker Einstieg. Doch die folgenden Beiträge nehmen den Ansatz kaum auf. Dafür wird im ‹Kontroverse›-Teil mit provokativem Gestus über Postökologie, Bioutopien und humantechnologische Visionen disputiert. «Die tiefen Spiele der Menschenoptimierung» werden am Ende verworfen. Will der neue Herausgeber seinem älteren Publikum so ein von ihm verfasstes Buch schmackhafter machen, das auf der letzten Seite angezeigt wird? «Sich den Tod geben. Suizid als letzte Emanzipation?»

 

Präzisierung – und Ausrufezeichen!

Aber nun endlich zum ‹Denknetz›-Jahrbuch. «Postwachstum» auch hier – mit Fragezeichen. In mehreren Beiträgen wird die Geschichte der Wachstumskritik aufgezeigt, dazu heutige Einschätzungen im Überblick. Ein paar wichtige Stimmen sind im O-Ton vertreten. So aus der Schweiz beispielsweise Irmi Seidl. Das oben zitierte Plädoyer von Niko Paech
ist hier in leicht veränderter Fassung zu finden. Es schien mir gar prägnanter, präziser, doch der Ausblick bleibt gleich: Weil die Green Growth-, Energiewende- und Entkopplungsversuche «systematisch zum Scheitern verurteilt» sind, wären «reduktive Entwicklungsschritte» keine moralische Bevormundung, sondern ein Gebot «schlichter Mathematik». Dazu passt, dass Ulrich Brand, der schon in mehreren Büchern den Nord-Süd-Aspekt und unsere imperiale Lebensweise, also die Klimaungerechtigkeit ins Zentrum der Debatte rückte, im Titel seines ‹Denknetz›-Textes hinter «Postwachstum» ein Ausrufezeichen setzt.

 

Fragen und Zweifel finden sich vorab in Beiträgen aus dem Gewerkschaftsbereich. Hans-Jürgen Urban von der deutschen IG Metall stellt die «sozial-ökologische Transformation» explizit «gegen Degrowth-Bestrebungen», denn «die Wirtschaft solle wachsen dürfen, wo sie wachsen müsse», und nur dort auf Wachstum verzichten, wo es die Gesellschaft spalte und die Natur überfordere. Nötig sei «ein neuer Wachstumstyp». An die Arbeit wären mehr «qualitative Anforderungen» zu stellen; Wirtschaftsdemokratie muss Thema werden. «Dass hier in vielerlei Hinsicht konzeptionelles und politisch-praktisches Neuland betreten werden muss, ist offensichtlich.» Aber es gebe Anknüpfungspunkte … Satz für Satz wartete ich auf Bezüge zum IG-Metall-Kongress vor fünfzig Jahren. Nichts! Keine stolze Erinnerung an den Aufbruch, keine Bilanz. Dafür neue Formeln. Auch andere Diskutanten alter Schule möbeln ihr Vokabular auf. Da wird «Postkapitalismus statt Postwachstum» postuliert, für den globalen Klassenkampf sei nun «ein multilineares, indeterminiertes und weltweit verortetes Revolutionskonzept» geboten.

 

Grenzen oder weitere Bündnisse

Hans Hartmann hingegen zeigt in seiner Betrachtung über «das Wachstum, seine Grenzen und die Gewerkschaften» nüchtern Widersprüche zwischen Klimadeklamationen, dem Ruf nach einem «ökologisch-sozialen Umbau» und alltäglicher linker Interessenpolitik. Er steckt als Projektleiter für Strategie- und Organisationsentwicklung bei der Unia mittendrin. 2019 hat Vania Alleva an der wahrscheinlich grössten je in der Schweiz erlebten Demonstration als Präsidentin der grössten Gewerkschaft der «rücksichtslosen Ausbeutung von Mensch und Umwelt» den Kampf angesagt, den «Klimanotstand» aber als das «Werk einer kleinen Herren-Elite» taxiert. Pierre-Yves Maillard, Präsident des Gewerkschaftsbundes, hob vor Kurzem als dessen wichtigste Erfolge die Durchbrüche bei Lohnverhandlungen sowie die Sicherung des Sozialstaates hervor. Und «das Beste» sei, fügte er bei: «Die Schweiz hatte in den vergangenen zwanzig Jahren ein stärkeres Wirtschaftswachstum als Frankreich und Deutschland.» Darin steckt ein Stück ökonomischer Wahrheit, aber auch ökologischer Sprengstoff. Ein intern erarbeitetes Positionspapier sollte hier einiges klären. Corona hat die Debatte blockiert. An einer Unia-Tagung von Ende Februar könnten «die in diesem Text skizzierten widersprüchlichen Herausforderungen» diskutiert werden. Oder der Kongress «behauptet sie lediglich weg». Dann würde das hoffnungsvolle Streik- und Gerechtigkeits-Bündnis mit der Klimajugend wohl bald enden. Statt gemeinsamer Mobilisierung eine Enttäuschung mehr.

 

Harmonischer scheint das rotgrüne Zusammenspiel bei den hierzulande dafür zen­tralen Parteien. Ein im Jahrbuch leicht gekürzt wiedergegebenes Gespräch zwischen SP und GP, vertreten durch Mattea Meyer und Balthasar Glättli, wirkt wohltuend. «Besser statt mehr», und zwar «für alle statt für wenige». Eine hübsch vereinte Parole. Heikleres wird nicht oberflächlich geglättet, sondern im Dialog vertieft angegangen. Verbote etwa sind «als Teil der Lösung» zu begründen. «Wir haben die Kinderarbeit auch nicht über ein Label oder eine Steuer abgeschafft», stellt der Grüne fest, und die Rote ergänzt mit Seitenblick auf das abgelehnte CO2-Gesetz und unnötige Kurzflüge: «Verbieten, aber für alle. Auch für den Millionär.»

 

Pascal Zwicky vom Denknetz, der als Moderator des Gesprächs immer wieder nachhakt und billige Zuversicht nicht zulässt, stellt sich im Schlusstext des Bandes selbst nochmals der unbequemen Frage, ob die fällige Wende in der noch zur Verfügung stehenden Zeit «demokratisch machbar» sei. Weder ein Ja noch ein Nein resultiert. Aber «die autoritäre Versuchung», der komplexen Situation mit unkontrollierter Staatsmacht zu begegnen, müsse zurückgewiesen werden. Und im politischen Streit bringe die Sehnsucht nach «widerspruchsfreier Einfachheit» kaum Gutes. Sich zusammentun, sich engagieren, protestieren und Widerstand leisten, nachdenken, zuhören, widersprechen und zu überzeugen versuchen – das sind Stichworte aus diesem letzten Abschnitt. Der gut lesbare Sammelband, der den neusten Stand dieser wichtigen Zukunftsdebatte dokumentiert, kann dabei helfen.

 

Krise und Transformation. Scheidewege – Schriften für Skepsis und Kritik. Neue Edition, Band 51. Hirzel, Stuttgart 2021, 227 Seiten, 38.90 Franken.

 

Postwachstum? Aktuelle Auseinandersetzungen um einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel. Denknetz Jahrbuch 2021. Edition 8, Zürich 2022, 216 Seiten, 23 Franken.

 

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