Von wegen Jugend

So richtig alt kommst du dir erst vor, wenn du dir im Museum begegnest. Das ist mir zwar schon vor fünf Jahren passiert, als ich an einer Ausstellung zur Jugendbewegung in den Städten alte Bekannte traf, natürlich nur auf Fotos. Aber so richtig los geht es jetzt mit dem Abfeiern der Zürcher Unruhen, obwohl ein 35-Jahre-Jubiläum ja eigentlich ziemlich gesucht ist.

 

Erinnern wir uns also, bruchstückhaft, an den Umgang mit der Jugend vor 35 Jahren. Natürlich nicht mit der ganzen Jugend, wie die Landjugend schon damals nicht müde wurde zu betonen, aber mit einem Teil, dem mit den Schlagzeilen. Damals in den 80ern, als Züri brannte, war das Weltbild der städtischen Machthaber simpel: Es gab Drahtzieher und Mitläufer. Drahtzieher (war nicht Klaus Rosza dabei?) waren Leute, die teilweise mit knackigen Methoden bis hin zur Präventivhaft kaltgestellt wurden. Will heissen, das wurde versucht, klappte aber nicht. Dies, weil die Drahtzieher gar keine waren, sondern einfach nur eine grössere Klappe hatten als wir, die Mitläufer. Dass diese versimpelte Kommandostruktur noch nicht mal den Spitzeln auffiel, die auf die Bewegung angesetzt waren, ist auch im Nachhinein erstaunlich, aber bezeichnend für den Dilettantismus der Polizei. Der Stadtrat stand dem allerdings in nichts nach. Derart weltfremd, hysterisch und rachsüchtig wie die damalige Exekutive hat sich nie wieder eine Gruppe PolitikerInnen in Zürich verhalten.

 

Trotz unbesiegbarem Humor der Bewegung war rein gar nichts zum Lachen. Weder die staatliche Zensur von Film und Zeitschriften noch die Berufsverbote, weder die Repression noch die Schleifung des AJZ, weder dass die Behörden die Entstehung der Drogenszene verschliefen, noch die dauernde Manipulation der Öffentlichkeit. Nicht zu vergessen die Todesopfer: Dani, Michi, Renato, Max, siehe Richard Dindos Film dazu, oder Silvia, die sich auf dem Bellevue angezündet hat.

 

Ich boykottiere heute noch die Bar im Rondell, die von der Stadt subito eingerichtet wurde, weil wir den Innenraum als Erinnerungsstätte nutzten. Und auch mir ist das allmorgendliche Kratzen der Schaufeln noch im Ohr, mit denen die nächtlich angebrachten Blumen und Kerzen entfernt wurden. Das kennt man aus Diktaturen. Das war derart schäbig, niederträchtig und gleichzeitig spiessig, dass man unschwer erahnen kann, weshalb Wut und Hass unsere Befindlichkeit prägten, auch und gerade bei Demos. Ich erinnere mich an den Tag, als die Trachtengruppe Urania mit ihren lächerlichen Korbschilden auf der einen Seite der Quaibrücke stand, wir auf der anderen. Und mittendrin Pfarrer Sieber mit seinem Esel. («Ich fühlte mich klein, mein Esel kämpfte mit dem Tränengas.») Ich nehme an, dafür kommt er in den Himmel, denn an diesem Tag, da bin ich mir sicher, hätte es mehr als nur ausgeschossene Augen gegeben. Es war ausweglos. (Der Ausweg bestand dann, wie man weiss, im Needle-Park oder im Gang durch die Institutionen. Und einige wenige wurden Polizeichef.)

 

Natürlich, es gab auch Silberstreifen am Horizont, zum Beispiel vier jugendliche Gemeinderäte bei den Wahlen 1982. Und es gab diese enorme Schaffenskraft im Kulturbereich, von der man sagt, sie habe die Stadt bis heute geprägt. Bis heute ist allerdings auch eine Menge Borniertheit vieler BürgerInnen und PolitikerInnen geblieben, wenn es um andere Ansichten, andere Lebensformen und andere Auffassungen von Bewegung geht. Ausgenommen natürlich, man könne Geld verdienen damit.

 

Fassen wir also nochmals kurz zusammen: Bespitzelung, Präventivhaft, Repression, Zensur, Berufsverbote, zwei zu Tode Gehetzte, ein Erschossener, ein zu Tode Geknüppelter. Und eine Selbstverbrennung. Zürich und seine Jugend vor 35 Jahren. Wie hiess es doch so schön an einer Mauer am Zähringerplatz: «Ihr wollt nur unser Bestes. Aber ihr bekommt es nicht.»

 

 

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