Un-doing the Un-doing

Angesichts der regredierenden Gleichberechtigung stösst eine Feministin unweigerlich auf die beziehungshaften Rollen der Mutter und Hausfrau. Hier vollzieht die Genderdebatte geradezu eine Umkehrung der feministischen Forderung nach der Gleichwertigkeit weiblicher Lebensentwürfe: Nicht die Gesellschaft soll in politischen Prozessen die Lebensnotwendigkeit weiblichen Tuns anerkennen und die arbeitsintensive Gewährleistung menschlicher Bezogenheit gerecht entgelten – sondern die Frauen sollen mit ihren kulturellen Praktiken einen Lebensstil pflegen, der sie möglichst weit von einer typisch weiblichen Rolle wegführt. Anstelle einer Emanzipation der Gesellschaft von patriarchalen Strukturen impliziert dies eine Emanzipation der Frauen von ihrer Beziehungshaftigkeit.

 

Der Praxisratgeber «Gender in der Kita» (Julia Nentwich u.a. 2014; im Nationalen Forschungsprogramm 60 zur «Gleichstellung der Geschlechter») widmet sich dem «Un-doing Gender» – also der Auflösung von Geschlechterstereotypen – in der Kinderbetreuung. Der Befund: «Die gelebte Kultur in einigen Kitas orientiert sich … noch zu häufig an Bildern der ‹guten Hausfrau›» … «und die damit verbundene Wahrnehmung des Berufs als ein Arbeitsfeld für Frauen» erschwere «die Etablierung des Berufs als Profession». (Wohingegen die Wahrnehmung als Arbeitsfeld für Männer keinen Beruf entwertet.) Die typisch weibliche Beziehungsarbeit muss also «modernisiert» oder «entrümpelt» werden, damit sie Männer anspricht und eine «Erhöhung des gesellschaftlichen Stellenwerts institutionalisierter Kinderbetreuung» möglich wird. Damit will man einerseits Mädchen zu ausserhäuslicher Arbeit animieren und andererseits Männer vom Beruf des Kleinkinderziehers überzeugen.

 

Beidem stehen in heutigen Kitas offenbar «überstrukturierte» Beziehungen und ein Zuviel an Hauswirtschaft im Wege: Gemeinsame Znüni und Zvieri, Rituale und Singkreise führen anscheinend zu «Langeweile, Frustration und … Zwang»; WC- und Wickelroutinen, Putzen, Händewaschen und Warten drohen die kindliche Selbstbestimmung zu beschneiden, das ewige Aufräumen sei «weder bei Kindern noch bei Erwachsenen beliebt». In der Verkleide-Ecke wird zu viel Pink, Glitzer und Hausfrauenzubehör ausgemacht; hingegen vermisse man Aktenkoffer, Krawatten und männliche Berufsutensilien. Sträflich vernachlässigt werde das ausgedehnte Freispiel, wie auch Herumtoben und Dreckeln in der guten Stube. (Unerwähnt bleiben die erstaunlich vielen Mädchen, die trotz Überdosis an Pink, Glitzer und dämlichen Rollenspielen später doch berufstätig wurden.)

 

In Abgrenzung vom allzu Mütterlich-Beziehungshaften wird eine Kita besonders gelobt, die den Znüni im Selbstbedienungsstil offeriert, denn «diese Organisationsform impliziert ein Bild von einem Kind, das ‹Experte› oder ‹Expertin› für die eigenen Bedürfnisse ist.» Der Dreikäsehoch als lonesome Cowboy braucht angeblich niemanden und soll alle Bedeutung aus sich selbst schöpfen. (Er wird sie dort nicht finden, sondern nur ihre untoten Wiedergänger auf dem Markt der Möglichkeiten: In medialen Communities ohne die Verstrickungen einer Dorfgemeinschaft, in Konsum-Families ohne die Abhängigkeit von Verwandten, bei Social-media-Friends ohne die Verbindlichkeiten der Freundschaft, als News-Content ohne Sinn…)

 

Zwischen den gendergerechten Zeilen scheint die neue universelle Gesellschaftsnorm auf, die neopatriarchale Matrix, der im Kern wieder eine männliche Super-Figur zugrunde liegt – nämlich der ungebundene Adult-Worker, der beziehungslose und daher radikal marktfähige Held des Neoliberalismus. Ob genau er dereinst kleinen Kindern oder alten Menschen die Windeln wechseln wird, bleibe dahingestellt.

 

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