Freundschaft in schwierigen Tagen

Im Frühling beschloss der Zürcher Gemeinderat die Prüfung eines «Brückenschlags» mit der kurdischen Stadt Diyarbakir im Südosten der Türkei. Letzte Woche waren Gülten Kısanak und Firat Anlı in Zürich zu Besuch. Die Co-BürgermeisterInnen der Stadt schilderten die schwierige Lage und zeigten sich dankbar für die Freundschaftsinitiative.

 

von Tim Rüdiger

 

Im Südosten der Türkei ist die Situation seit dem einseitigen Abbruch der Friedensgespräche mit der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) durch die Regierung im letzten Sommer eine Katastrophe: In verschiedenen Städten riefen militante Jugendliche als Reaktion die kurdische Autonomie aus und errichteten Barrikaden. Die Reaktion war massiv. Es kam zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit der Polizei. Grosse Teile der Städte sind kaputt, teilweise wurden ganze Gassen abgerissen, um den gepanzerten Fahrzeugen der Polizei das Durchkommen zu ermöglichen. «Diyarbakir ist eine der Städte, die es am meisten gespürt hat», sagte Co-Bürgermeisterin Gülten Kısanak am Donnerstag letzter Woche im Begegnungszentrum ‹Mosaik› in Zürich. «Die Quartiere von Diyarbakirs schwer beschädigter historischer Altstadt Sur wurden abgeriegelt und stehen unter militärischer Besatzung. Viele Menschen können dort nicht mehr leben», so Kısanak. Sur ist das Herzstück von Diyarbakir und war erst kurz vor den Gefechten ins UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen worden. Umgeben von alten Stadtmauern stehen hunderte historische Bauten verschiedener Kulturen: Kirchen, Moscheen, Hamame – darunter die grösste armenische Kirche im Nahen Osten. «Die Aufnahme durch die UNESO hatte uns grosse Hoffnung gegeben, heute sind die Probleme gravierend», ergänzt Firat Anlı, der mit Kısanak das Bürgermeisteramt teilt. Die Aussicht auf eine Rückkehr für die Vertriebenen ist gering: Im Frühling hat die Regierung faktisch die gesamte Altstadt verstaatlicht. Sie plant einen Wiederaufbau als blitzblanke neo-osmanische Tourismusattraktion – die Auslöschung der multikulturellen Geschichte.

 

Interesse am Knowhow
Im Mai hatte der Zürcher Gemeinderat ein Postulat überwiesen, das die Förderung eines «Brückenschlags», eine Art Städtepartnerschaft auf zivilgesellschaftlicher Ebene, zwischen den zwei Städten fordert. Im Anschluss gründeten engagierte GemeinderätInnen, aber auch Privatpersonen und VertreterInnen von Hilfsorganisationen das ‹Solidaritätskomitee Zürich-Diyarbakir›. Als erste Aktion wurden die zwei Co-BürgermeisterInnen eingeladen, begleitet von Beamten der kurdischen Stadtverwaltung. Die Delegation wurde von Stadtpräsidentin Corine Mauch empfangen, besuchte eine Sitzung des Gemeinderats und traf sich zu Briefings mit den Verkehrsbetrieben und der Denkmalpflege.
Beeindruckt hat sie das Zürcher ÖV-Netz: «In Diyarbakir, wo 1,6 Millionen Menschen leben, werden heute vor allem Busse genutzt. Wir planen, in Zukunft auch ein Tramnetz zu bauen und erhoffen uns, vom Zürcher Knowhow profitieren zu können», sagte Kısanak. «Für eine Stärkung der freundschaftlichen Brücke sollten aber vor allem die Menschen der zwei Städte zusammenkommen.» Besonders wichtig seien Kontakte unter Frauen oder Jugendlichen.

 

Pessimismus des Verstandes…
Die kurdische Partei DBP, der auch die beiden Co-BürgermeisterInnen angehören, stellt im Südosten der Türkei rund hundert Stadtverwaltungen, stets jeweils mit Co-Vorsitzsystem: «Die Frauenbefreiung ist einer der Hauptpunkte unserer Politik, Geschlechtergleichheit sehen wir deshalb als oberste Priorität», so Kısanak, «und genauso wie in Zürich setzen wir auf direkte Demokratie.» Beide machen sich jedoch grosse Sorgen um die Demokratie. Vor Ort gebe es de facto zwei Regierungsstrukturen. Einerseits die von der Bevölkerung gewählten BürgermeisterInnen und Stadtverwaltungen. Andererseits GouverneurInnen, die von der türkischen Zentralregierung eingesetzt wurden. Diese kontrollieren auch die Polizei.
Kontakte gebe es seit dem Abbruch der Friedensgespräche nicht mehr, nur ein ungleiches Ringen um die Kontrolle. Vor rund einem Monat hat die Zentralregierung die BürgermeisterInnen von 28 kurdischen Rathäusern durch StatthalterInnen ersetzt – in den meisten Fällen unter dem Vorwurf der PKK-Unterstützung. In den betroffenen Orten wurde der Zugang zum Internet eingeschränkt und die Rathäuser polizeilich durchsucht. In Diyarbakir traf es drei Stadtkreisverwaltungen, darunter diejenige von Sur. «Die gewählten VolksvertreterInnen stehen dort unter grosser Repression», sagt Anlı.

 

… und Optimismus des Willens
Doch die Co-BürgermeisterInnen zeigten sich auch zuversichtlich: «Es kann nicht ewig so weitergehen. Eines Tages wird der Wille des Volkes durch freie Wahlen wieder zum Ausdruck kommen und der Frieden siegen. Wir werden diese schwierige Zeit mit demokratischen Aktionen überbrücken können und schätzen die Zürcher Entscheidung zu einem Brückenschlag sehr», sagte Firat Anlı und schloss mit einem kurdischen Sprichwort: «Freundschaft in schwierigen Tagen ist die lobenswerteste Freundschaft.»

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