Über den Wohlstand

Ich möchte euch über meinen Wohlstand berichten. Ich fuhr nämlich mit dem Velo durch die Freiestrasse, das ist noch unter dem eigentlichen Züriberg, aber, nun, es ist irgendwie Züriberg. Ich tat das mit einer Katze im Gitterkorb vorne auf der Ladefläche meines Fahrrads, ich musste sie zum Tierarzt bringen, weil sie war krank. Ich habe diese Katze noch nicht lange und deshalb googelte ich nach Tierärzten in der Nähe und es gab gleich zwei. Ich konnte zwischen einem homöopathischen Tierarzt und der Praxis, zu der ich nun fuhr, auswählen. Diese eine Konsultation kostete 100 Franken. Vielleicht, dachte ich kurz, vielleicht wäre die homöopathische Behandlung günstiger gewesen. Es war übrigens ein ausgesprochen schöner Herbstnachmittag, der erste seiner Art in diesem Jahr, und im angenehm frischen Fahrtwind sah ich mich etwas um, und erst da fielen mir die Fahnen auf, die auch in diesem Quartier hier und dort aus Fenstern und an Balkonen hingen. «We are the 99%» stand dort drauf. Sind wir das? Sind wir die 99 Prozent? Bin ich das? Ich brachte das jammernde Tier erstmal nach Hause. 

 

Ich habe keine drei Millionen angelegt, und das müsste ich, wollte ich zu dem einen Prozent gehören, das von der Initiative überhaupt betroffen ist. Aber mir war globaler zumute, denn so weltweit gesehen braucht man keine Millionen, um zu den ganz wenigen, ganz Privilegierten zu zählen. In diesem Vergleich gehören wir hier in der Schweiz zu dem einen Prozent, das weltweit über mehr Wohlstand verfügt als die meisten anderen Menschen. Man stelle sich das vor. So wohlständig sind wir. Aber wir scheinen darob hoffnungslos verdummt, anders ist nicht zu erklären, weshalb wir uns Diskussionen leisten, die absolut absurd und zynisch sind. Ebenfalls weltweit gesehen. 

 

Denn nur aus einer eigentlichen Wohlstandsverblödung heraus, so scheint mir, kann man ernsthaft über eine Impfung lamentieren, die eine Pandemie stoppen könnte, die uns allen unser schönes Leben ziemlich versaut hat. Wir sind das eine Prozent, das über Sinn und Unsinn der Impfung streitet, während die anderen 99 Prozent Schlange stehen, um eine der raren Impfdosen zu ergattern. 

 

Das geriet mit jetzt lustiger als ich es meine. Denn im Grunde genommen ist es eine bodenlose Frechheit. Ich verstehe schlicht nicht, warum nach wie vor schwurblige Impfgegner die gleiche Plattform erhalten wie ÄrztInnen und WissenschafterInnen. Das ist keine ausgewogene Berichterstattung, sondern ein ganz verkehrtes Verständnis davon. Man muss nicht jeder Meinung Platz einräumen, nur weil es sie gibt. Man darf, würde ich meinen, schon auch schauen, wie gehaltvoll diese Meinung an und für sich ist. Und Äusserungen von Menschen, die keinerlei medizinische Grundausbildung haben und gleichwohl Studien aus diesem Fachbereich zitieren, die sie irgendwo im Internet gefunden haben, sind es nicht.

 

Zudem erschüttert mich die ganze Chose sehr grundsätzlich. Ich dachte immer, wir hätten eine Art Konsens über wenige, aber zentrale Punkte des Zusammenlebens. Darüber zum Beispiel, dass meine persönliche Freiheit nur soweit gehen kann, wie sie die eines Mitmenschen einschränkt. Ich kann eigentlich tun was ich will, solange das nicht dazu führt, dass andere nicht mehr tun können, was sie wollen. Meine persönliche Freiheit steht eben gerade nicht über allem. Wer sich nicht impfen lässt, obwohl er oder sie könnte, tut genau das. Die eigene Freiheit über das Wohl aller anderen stellen. Das ist egoistisch und auch sehr dumm. Aber was soll man machen in einem Land, in dem man auch Haustiere homöopathisch behandeln kann.

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