Heuchlerpack

Radu Jude führt in seiner satirischen Groteske «Bad Luck Banging» vor,
wie das mit der Obszönität ist.

 

Jedem Tierchen sein Plaisierchen. Das Sexspiel auf Bewegtbild festhalten zum Beispiel. Dumm halt, wenn das dann online und viral geht und die weibliche Protagonistin Emi (Katia Pascariu) nichts von letzterem weiss. Und Grundschullehrerin ist. So weit, so banal. Oder im Gegenteil Anlass für einen bitterbösen Rundumschlag gegen die allgemeine Bereitschaft zur verlogenen Empörung alias das Heuchlerpack einer sogenannt zivilisierten Gesellschaft. Ferngesteuerter Bombenhagel, Mensch und Natur ausbeutende Multis, sich gegenseitig niedermetzelnde Horden, die vielfältigen Ausprägungen von Korruption, Methoden zur Erlangung der Alleinherrschaft unter dem Deckmäntelchen von Demokratie – wo bleibt da das feu sacré der Empörung? Im Mittelteil des satirisch überhöht didaktisch aufgebauten Unterhaltungsfilms jagt ein solch vergleichender Vorwurf den nächsten in einem Tempo, das bei einmaligem Zusehen nicht vollständig erfasst werden kann.

 

Die Kernaussage aber wird sonnenklar. Wegen dem bisschen Rein-Raus, das in einer schon länger anhaltenden Verbindung sogar noch durch eine verspielte Variation lustvoll am Leben erhalten wird, bricht die Welt zusammen. Zumindest die rumänische, die ja sonst als idealtypisch für eine heile Welt steht. Diese stellt Radu Jude komplett verquer zum Inhalt der Erregung in total beiläufigen Alltagsbildern, in denen seine Hauptfigur teils noch nicht mal eine Funktion erfüllt, sondern bloss am Rand vorkommt dar und als stark wirkenden Kontrast einer Elternversammlung gegenüber.

Das Video wird integral vorgeführt, damit alle wissen, worums geht. Dass bloss einer seinen Schwanz auspackt und Emi auffordert, ihm Erleichterung zu verschaffen, ist bloss als Spitze eines Eisbergs zu verstehen. Einem Eisberg der zeigt, hinter welches Kampfbanner sich alle willig einzureihen bereit sind, wenns um die natürlichste Sache der Welt geht. froh.

 

«Bad Luck Banging or Looney Porn» spielt in den Kinos Piccadilly, Uto.

 

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