Stolpern in Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus

Heute Freitag stellt der Verein «Stolpersteine Schweiz» sein Projekt in Anwesenheit von Jacqueline Fehr und Richard Wolff im Zürcher Rathaus vor. Gleichentags werden vier «Stolpersteine» vor Wohnhäuser gesetzt, in denen Menschen wohnten, bevor sie in einem KZ landeten.

 

Hannes Lindenmeyer

Die Idee, kleine Gedenktafeln vor Wohnorten von Opfern des Nationalsozialismus in den Boden zu verlegen, stammt vom deutschen Künstler Gunter Demnig. 1992 hat er die ersten Steine gesetzt, zum 50. Jahrestag der Deportation von 1000 Sinti und Roma aus Köln. Auf den quadratischen Messingtafeln sind Namen und Lebensdaten der Deportierten festgehalten. Demings Idee ist es, den von den Nazis zu Nummern degradierten Menschen ihre Namen zurückzugeben – und zwar an die Orte ihres Lebens, in unseren heutigen Alltag. «Es geht nicht darum, dass wir mit den Füssen über diese Steine stolpern» (sie liegen trittsicher im Boden); «man soll mit dem Kopf und mit dem Herzen stolpern», erklärt Deming.

 

Die Schweiz als Nachzüglerin

In Europa sind 75 000 Stolpersteine versetzt: in 1200 deutschen Städten und in 25 Ländern. In der Schweiz gibt es bis jetzt nur drei Steine: In Kreuzlingen, wo Grenzgänger in der Nachbarstadt Konstanz in die Fänge der Nazis gerieten. Gemäss dem landläufigen Geschichtsverständnis hängt dies wahrscheinlich damit zusammen, dass die Schweiz im Zweiten Weltkrieg nicht besetzt war. Selbst historisch Informierte staunen, wenn sie hören, dass 719 Menschen – etwa die Hälfte von ihnen mit Bürgerrecht, die andern in der Schweiz geboren und aufgewachsen – in einem KZ inhaftiert waren; 263 überlebten, die andern wurden ermordet oder starben an den KZ-Folgen.

Fast 30 Jahre nach Beginn der europaweiten Stolperstein- Aktion schliesst sich nun auch die Schweiz an, in Erkenntnis: Wir sind auch da kein Sonderfall. Würden Stolpersteine auch dort gesetzt, wo Menschen an der Schweizergrenze zurück in den Tod geschickt wurden, wäre der Boden unserer Zollstationen mit Tausenden von Messingtafeln gepflastert. 

 

Wer waren die KZ- Häftlinge aus der Schweiz?

Die menschenverachtende Katalogisierung der KZ- Häftlinge unterschied – mit farbigen Winkeln an der gestreiften Häftlingskleidung – zwischen Roma und Sinti, Juden, Politischen, Homosexuellen, Zeugen Jehovas, Kriminellen. Die meisten Inhaftierten mit Bezug zur Schweiz wurden aus rassistischen oder politischen Gründen verfolgt. Die Schweizer Behörden waren über die meisten Fälle bestens informiert. Statt Verantwortung für ihre Landsleute wahrzunehmen, verweigerten sie bei rassistisch Verfolgten den Flüchtlingsstatus und anerkannten NS-Urteile gegen politisch Verfolgte als rechtmässig, insgeheim dankbar, wenn sie Linke von der Schweiz fernhalten konnten.

 

Albert Mülli aus dem Kreis 4 hat Dachau überlebt

Der 18-jährige Heizungsmonteur Albert Mülli, Mitglied in der SP 4, wird 1938 in Wien verhaftet, weil er einen Koffer mit kommunistischen Flugblättern ins besetzte Österreich schmuggelt. Er kommt in U-Haft. Die Schweizer Behörden interessieren sich für seinen Fall: Sie fordern von der Gestapo Unterlagen an, nicht um ihm beizustehen, sondern um das politische Umfeld von Mülli in der Schweiz auszukundschaften. 1940 wird Mülli wegen Umsturzversuchs verurteilt. 1942, nach Ende der Haftzeit, wird er ins KZ Dachau überstellt: Diese Massnahme sei zum Schutze des Deutschen Reichs bei politischen Häftlingen erforderlich, wird den Schweizer Behörden erklärt, die sich damit zufrieden geben – obschon sie sehr genau wissen, was sich in den KZ abspielt. 

Mülli erzählt später, er habe nur dank seines handwerklichen Geschicks überlebt. Er wird im KZ zum Unterhalt von Gebäuden eingesetzt. Er hält durch bis zur Befreiung durch die Alliierten. In Häftlingskleidern kehrt er zurück in die Schweiz. Als erstes erhält er eine Steuerrechnung für sieben Jahre Militärdienstersatz.

Nach seiner Rückkehr will Mülli über die Nazi-Verbrechen in den KZ berichten; er hält Vorträge. Aber, wie sein Nachbar Koni Loe­pfe erzählt, stossen seine Berichte auf kein grosses Interesse. Einige verdächtigen ihn als Kommunisten. Schon bald nach Kriegsende überdeckt der zunehmende Antikommunismus die Gräueltaten der Nazis. Ein latenter Antisemitismus dämpft in breiten Kreisen die Empörung über die Vernichtungslager.

Albert Mülli wird still; er arbeitet als Schulhausabwart, sitzt für vier Jahre für die SP im Kantonsrat, besucht alle Sektionsversammlungen. 1991 erfährt er mit Empörung, dass er seit Dachau von den Schweizer Behörden immer beobachtet und fichiert wurde. Im hohen Alter, von Demenz gezeichnet, holt ihn die schreckliche Vergangenheit mit Albträumen wieder ein.

Es ist höchste Zeit, dass Albert Mülli an der Gamperstrasse einen Stolperstein erhält, in Gedenken an ihn, an das Versagen der Schweizer Behörden, als Aufruf gegen die Gleichgültigkeit.

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