Sommerflucht

Diese Sommer. Sie waren endlos. Immer warm und mit einem so sanften Wind, dass es nie zu heiss wurde, die Dämmerung dauerte ewig, sie schien mir überhaupt das Schönste am Ganzen. Wir spielten dann Völkerball auf dem Acker in unserem Quartier, so im Halbdunkel, Eltern, Kinder, alle. Am späteren Abend schauten wir einen Film im Schweizer Fernsehen, man hatte vorher für einen von drei Vorschlägen anrufen können. Mit dem Festnetztelefon. Dann gab es Sissi oder Sissi oder etwas anderes, wunderbares.

 

Ich verbrachte lange Sommertage mit meiner besten Freundin, die im Haus schräg gegenüber wohnte, in ihrem schattigen Zimmer, lesend, bis mein Vater auf den Balkon stand und drei Mal kurz und laut mit den Fingern pfiff. Dann ging ich nach Hause zum Abendessen. Manchmal übernachteten wir im Zelt im Garten, das war abenteuerlich, die Geräusche der Nacht seltsam laut und unbekannt, obwohl wir in völlig vertrauter Umgebung lagen. Mit meinen Eltern fuhr ich im Fiat an die Adria, in einen Bungalow in einem Pinienwäldchen, das mal grüner und mal dürrer war, auf dem Weg an den Strand kauften wir Mortadella und weisses, ungesalzenes, weiches Brot für den Zmittag und diese gelben, süssen Pflaumen, die es nirgendwo sonst gab. Satt schlief ich im Schatten auf dem Liegestuhl ein, zum steten Rauschen der Wellen und den Stimmen der vielen Menschen.

 

Diese Sommer. Heute bin ich überzeugt, dass sie einen wichtigen Teil des Fundaments bilden, auf dem ich gehe. Dass diese Leichtigkeit, die Unbeschwertheit, das sorgenfreie Dahinleben von damals mich für heute nachhaltig gestärkt haben. 

Ich vermisse sie, diese Sommer, denn sie sind vorbei. Heute bin ich älter und ich weiss zu viel. Zum Beispiel das: Das Meer, das mir den tiefsten und schönsten Schlaf ermöglichte damals, ist heute ein Massengrab. Die grosse Mehrheit der Menschen auf der Flucht versucht es noch immer per Boot. Corona hat dazu geführt, dass wir von ihnen weniger hören, andere News dominieren, es ist auch deshalb, weil sie für eine kurze Zeit, pandemiebedingt, weniger geflüchtet sind. Aber diese Menschen sind nicht weg, sie sind einfach noch nicht losgezogen.

 

In diesem Jahr sind es bisher 28 000. Ein Viertel davon Kinder. Die Zahl der Toten, ebenfalls in diesem Jahr: 339. Mitte Juni gab es ein Bootsunglück vor der tunesischen Küste. Über 50 Menschen, die nach Europa wollten, sind jetzt tot, darunter viele Frauen. Viele Kinder.

Das ist es, was mich die vergangenen Sommer am meisten beschäftigt hat. Ich hadere mit der Schönheit meiner Erinnerungen und dem Privileg, das ich einfach so habe. Ich hadere damit, dass die Sommer meiner ersten Jahre mir ein Fundament gaben, das so vielen Kindern heute vorenthalten wird. Weil sie in ein Land geboren wurden, aus dem sie flüchten müssen, wenn sie eine Perspektive haben sollen.

 

Dass meine Abenteuer im Zelt im eigenen Garten stattfanden, während sie in einem Boot sitzen, das vielleicht untergeht, im gleichen Meer, das für mich eine sentimentale Erinnerung ist. Dass ich zu Stimmen, Rufen, Gesprächen am Strand einschlafen konnte, und das letzte, was sie hören vermutlich Schreie sind. Vor allem hadere ich damit, es nicht ändern zu können.

 

Seit 2014 starben 20 000 Menschen bei ihrem Versuch zu flüchten. An sie denke ich, wenn ich jetzt in die Sommerferien gehe. An sie denke ich, wenn ich zurückkomme.

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