S’isch äben e Mönsch

Manchmal sang ich es leise, dieses Guggisberglied. In der letzten Zeit sogar sehr oft, leise und für mich allein, weil ich so gar kein Talent zum Singen habe. Auch letzten Montag, als ich diesen Artikel in der NZZ über das Schlusskonzert des Flüchtlingschors las. Was für ein Idiot, dachte ich und hörte mit dem Singen auf.

Im Hauptbahnhof und später auf der Opernhaustreppe hätten erst mehrere hundert, dann gegen zweitausend Personen gesungen. Schweizer Liedgut. Darunter aber nur etwa 100 Flüchtlinge, die Einheimischen hätten die überwiegende Mehrheit gebildet. Eine Enttäuschung also, die Schlusskonzerte hätten den eigentlichen Höhepunkt bilden sollen, meinte der Journalist.

Nun ist es so, dass ich auch dabei war. Nicht nur im Hauptbahnhof und bei der Oper, sondern auch zuvor, während mehr als einem halben Jahr wöchentlicher Proben am Montag, und auch davor, als es darum ging, Geld zu beschaffen für dieses Projekt, das unter dem Titel «S’isch äben e Mönsch» Einheimische und Flüchtlinge zum gemeinsamen Singen zusammenbringen wollte. Christoph Homberger hatte diese Idee vor zwei Jahren und nach und nach sammelte sich eine Handvoll Menschen, die mithalf, diese Idee Wirklichkeit werden zu lassen. Der Artikel in der NZZ hat mich nicht einfach deshalb rasend gemacht, weil ich zusammen mit allen Helferinnen und Helfern im Hauptbahnhof und vor dem Opernhaus kaum die Tränen zurückhalten konnte vor Überwältigung, die Wut kam vor allem ob der Ignoranz des Schreibenden.

Erstens und ganz banal nähme mich wunder, wie er die Flüchtlinge gezählt hat, und ich möchte ihn an dieser Stelle gerne darauf hinweisen, dass nicht nur Menschen mit dunklerer Hautfarbe Flüchtlinge sind und auch nicht alle Hellhäutigen Einheimische. Einfach falls er sich wieder einmal aufmacht, um an einer Veranstaltung anhand des Teints auf den Aufenthaltsstatus zu schliessen.

Zweitens wird mir nicht ganz klar, was enttäuschend sein soll an der Tatsache, dass zweitausend Stimmen zusammenkommen für mehr Respekt und Menschlichkeit. Und drittens hat er schlicht das Essenzielle nicht begriffen: Diese Schlusskonzerte waren wohl das Finale, eines, das uns und so viele andere unglaublich berührt hat, aber sie sind nicht der eigentliche Erfolg dieses Projekts. Der Erfolg war der Montag.

Aus «S’isch äben e Mönsch» wurde der Montagschor. Wir trafen uns zum ersten Mal im letzten September. Dreissig Menschen, Flüchtlinge und Einheimische, standen auf dem Lindenhof und sangen. Und mit jedem Montag wurden es mehr, über 500 waren es an den letzten Proben. Aber es ist auch hier nicht die Zahl, die den Erfolg ausmacht. Durch das Singen, und mehr noch einfach durch das Zusammensein, wurden sämtliche vermeintlichen Grenzen aufgehoben, schlicht weggewischt. Ich habe an diesen Proben (und es beschämt mich, das zu schreiben) zum ersten Mal überhaupt mit Flüchtlingen gesprochen. Und lernte Menschen kennen.

Wäre dieser Journalist der NZZ einmal zu uns an die Proben gekommen, hätte er genau das erfahren können. Dieser Chor fragte nicht nach Herkunft, nicht nach Religion, nicht nach der eigenen Geschichte. Ein rares Gefühl für jene, die nach langer und gefährlicher Reise hier bei uns angekommen und nicht willkommen sind.

Ein rares Gefühl für uns alle, die wir ständig gegen Vorurteile, Verunglimpfungen und Ablehnung gegenüber Menschen ankämpfen, die unseren Pass nicht haben, aber doch zu uns gehören. Es ging nicht mehr um Einheimische und Flüchtlinge in diesen paar Stunden am Montagabend, sondern um Menschen, die sich auf Augenhöhe begegneten.

Das ist der Erfolg. Und es ist das, was wir hinaustragen sollten in unser Land. «S’isch äben e Mönsch», ich werde es noch oft singen. Vielleicht sogar einmal laut, und sei es nur, dass dieser Journalist und alle, die noch immer nicht verstanden haben, es hören. Es hören müssen.

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