Schlüssellocheffekt im Park

Heute würde Aristide Maillol ein Fetischist genannt. Seine als ideal empfundene Figur der Frau ist eine fantastische Überhöhung, will gar keine naturalistische Wiedergabe darstellen. Im Museum wirken die Statuen sehr viel sonderbarer entrückt als während einer Zufallsbegegnung im Park.

 

Der Busen vom Korsett gepusht, das Gesäss aufgeplustert. Schon die Mode für die feine Dame im ausgehenden 19. Jahrhundert schnürte die Trägerin in ein menschenfremdes Bildnis. Zieht man die dieser Betonung von Rundungen gegenläufige Sittlichkeit der Zeit mit in Betracht, bleibt dem männlichen Begehren allein eine ominöse Vorstellung von etwas völlig Unbekanntem. Frauen direkt anzustarren, geziemte sich zu keiner Zeit. Während des Lustwandelns durch die ausgedehnte Parkanlage aber zwischen Ästen und Buschwerk einen verwegenen Blick in Richtung der sich präsentierenden fleischigen Innenschenkel und prallen Brüsten in Stein oder Bronze zu wagen, dürfte von manch einem Mannsbild als die sonntägliche Konversation auf dem obligaten Spaziergang nach dem Diner ungemein reizvoll bereichernd angesehen worden sein. Die meisten der berühmten Skulpturen von Aristide Maillol (1861 – 1944) stehen auf Sockeln im Aussenraum, wo ihnen die jahrzehntelange Einwirkung von Witterung zusätzliche Lebendigkeit alias Patina verleiht. Dieselbe Figur als makellos weisse Gipsform in einem Innenraum wirkt eigenartig deplatziert. Und auch ihrer Projektionsfunktion enthoben.

 

Erst im Alter erfolgreich

Je geringer die Distanz für eine Betrachtung wird, desto irritierender fallen die Unstimmigkeiten hinsichtlich Proportionen und Perspektive ins Auge. Schon in den frühen Gemälden wie etwa «Les couronnes des fleurs» (1889) fällt das auf und wird erst mal als Unvermögen wahrgenommen, was sich ein paar Meter weiter bei der einzigen ausgestellten männlichen Figur «Le cycliste» (1909), also knapp zwanzig Jahre später, als nicht mehr haltbar heraustellt. Die Chronologie im Katalog legt die Vermutung nahe, dass diese sehr naturalistische Kunstfertigkeit unter dem Einfluss der Begegnung mit beiden antiken Schönheitsidealen par excellence auf einer Reise mit seinem langjährigen deutschen Mäzen und Förderer Harry Graf Kessler durch Griechenland und Süditalien gestanden haben könnte. Allein es bleibt die einzige Figur, der die Natur das Vorbild war. Bereits auf der zweiten Textseite des französischen Kataloges ist eine Aussage Maillols protokolliert, in der er frei übersetzt seinen Kampf mit der Natur eingesteht und die Kunst als kompliziert benennt, weshalb er sich entschliesst, die Vereinfachung zu suchen. Dies tut er jedoch nicht in dem Masse, wie seine Zeitgenossen Amedeo Modigliani oder gar Constantin Brancusi, die ihre Formenreduktionen sinnbildlich auf den einzelnen Strich hinunterbrechend weiterentwickelten, sondern Maillol bleibt im akademischen Klassizismus verhaftet. Die schemenhafte Vereinfachung eines sogenannt idealen Körpers wird seine Beliebtheit bei seinen ohnehin bereits bedeutenden Kunden aus Deutschland noch steigern, deren Kontakte ihm schon im Ersten Weltkrieg, aber noch einschlägiger während des Vichy-Regimes Kollaborationsvorwürfe einbrachte und seinen Ruf, wie es ein Satz in der Ausstellung benennt, «nachhaltig beschädigen».

 

Solitär trotz reger Künstlerkontakte

Von einer proaktiven geäusserten Begeisterung für die Ideale der Nationalsozialisten ist nirgends konkret die Rede, allerdings dass sein Sohn und ein Neffe glühende Anhänger von Maréchal Petain waren. Maillol selbst war bei der Besatzung bereits annähernd 80 Jahre alt. Auffallend wird in dieser chronologisch aufgebauten Ausstellung inklusive Maillols Gestaltungsversuche in Kunsthandwerk und Malerei, dass er die Mehrheit seiner einprägsamsten Werke erst um die Fünfzig und später realisierte, was für einen Durchbruch als Künstler jetzt nicht gerade jung ist und was nur ungefähr erahnbar werden lässt, welchen Widerstreit zwischen Wollen und Können er ausgefochten haben muss. Trotz offensichtlich reger Künstlerkontakte in bereits frühen Jahren blieb er von seinem Schaffen her ein Solitär. Nur in einzelnen flachen Arbeiten sind Einflüsse der damaligen Strömungen des künstlerischen Aufbruchs erkennbar und Vertreter des Nabis etwa bildeten seine «Léda» (1901) und andere Kleinfiguren in ihren Stillleben ab, aber er muss mit der eigenen Fokussiertheit ziemlich schräg in der Landschaft gestanden haben. Was einen zur heutigen Rezeption führt, die aus ganz anderen Aspekten berechtigte Vorbehalte anmeldet und sein Frauenbild für problematisch erklärt.

 

 

«Aristide Maillol. Die Suche nach Harmonie», bis 23.1.23, Kunsthaus, Zürich. Ausführlicher Katalog in Französisch bei Gallimard.

 

 

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