Radikaler Superlativ

 

Wir erleben im Moment Tage und Wochen des Superlativs. Des traurigen und dann auch wieder hoffnungsvollen Superlativs. Die Europäische Union erlebt die grösste Belastungsprobe ihrer Geschichte, wir sind Zeugen des grössten Flüchtlingsstroms seit dem Zweiten Weltkrieg. Der Superlativ in seiner grausamsten Ausprägung tropft als Verwesungsflüssigkeit beinahe auf unsere eigenen Schuhe, der tote Junge, der stellvertretend für alle anderen an den Strand und vor unsere Augen gespült wurde, er ist der eigentliche Superlativ der aktuellen Tragödie. Und deshalb handeln wir nun auch im Superlativ. Eine beispiellose Hilfsbereitschaft bewegt uns, wir bringen Essen, Trinken, Windeln an die Bahnhöfe, an denen die Erschöpften ankommen. Wir bemalen Transparente mit «Refugees welcome», wir klatschen, wenn diese Menschen nun aus den Zügen aussteigen.

Ich will daran glauben, dass es kein nur kurzes Aufflammen von Menschlichkeit ist, einfach weil ich weiss, dass die Belastungsprobe erst noch kommt.

Ich weiss es spätestens seit letztem Freitag, als ich am Bahnhof Stadelhofen Wahlflyer verteilte. Vor mir baute sich der lebendig gewordene Onlinekommentar auf. Die Syrer können kommen, sagte er, die täten ihm auch leid, aber nicht die Eritreer, die sollen sich zusammennehmen. Schliesslich hätten auch die Chinesen keine Meinungsfreiheit und kämen trotzdem nicht in Scharen zu uns. Und überhaupt erwarte er Dankbarkeit, da habe es doch diesen Fall eines Flüchtlings gegeben, der sich beklagte, weil er mit seiner Familie in einem einzigen Zimmer wohnen musste.

Was ich nicht mehr sagen konnte, weil seine S-Bahn kam, sage ich nun hier. Und ich sage es weniger zu ihm als zu uns, die wir vor allem in der Pflicht sind.

Der eigentliche Test in dieser Sache kommt noch. Dann nämlich, wenn kein Superlativ mehr die mediale Diskussion dominiert, sondern der Alltag, so wie wir ihn von früher kennen. Wenn wir uns vielleicht – im Moment noch unvorstellbar – an diese Bilder und diese Berichte von Flüchtenden gewöhnt haben. Dann vor allem, wenn sich diese Menschen bei uns nicht einfach ducken und vor lauter Dankbarkeit schweigend in der Masse verschwinden, sondern Ansprüche stellen. Oder dann, wenn unter ihnen auch einer ist, der ein Arschloch ist. In beiden Fällen werden wir etwas verteidigen müssen, was uns bisher nicht so gut gelungen ist. Den Rechtsstaat. Er sieht für alle Menschen die gleichen Rechte vor. Was unzumutbar ist für uns, die hier geboren wurden, ist auch unzumutbar für Menschen, die erst gerade angekommen sind. Ein einziges Zimmer für sechs Personen zum Beispiel, denn das ist kein Leben in Würde. Mehr zu fordern ist keine Anmassung. Wer vor Krieg, Hunger und Perspektivenlosigkeit flüchtet, verpflichtet sich nicht zu Anspruchslosigkeit und ewiger Dankbarkeit. Diese beiden sind nicht die Währung, mit der eine Aufnahme bezahlt werden muss. Sie muss gar nicht bezahlt werden.

Ebenso gilt das für Arschlöcher. Wir haben selber welche, hausgemacht, andere kommen dazu. Das Recht auf Flucht gilt für alle, auch für Diebe und Betrüger und ebenso gilt für sie das gleiche Strafrecht. Eigentlich wäre es einfach. Es kommen jetzt Menschen, es ist ihr Recht, wir nehmen sie auf, es ist unsere Pflicht. Es gibt keine «Ängste der Bevölkerung», die wir ernst nehmen müssen, es gibt nur die, die ein Glück nicht teilen wollen, für das sie nichts getan haben, sie wurden am richtigen Ort geboren, andere nicht.

«Migration ist kein Problem, das zu lösen ist, sondern eine humane Realität, die man organisieren muss», sagte William Swing, der Generaldirektor der Internationalen Organisation für Migration kürzlich in einem Interview in der NZZ. Der Rechtsstaat ist das Instrument, das uns bei dieser Organisation hilft. Haben wir den Mut, ihn radikal zu leben, dann ist das der Superlativ, der allen Menschen in diesem Land zu Gute kommt. Auch dem Bürger vom Bahnhof Stadelhofen. Es steht auch ihm zu.

 

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