Verträgt der Kirchenrat keine linke Frau?

Ginge alles mit rechten Dingen zu, müsste ihre Wahl in den Kirchenrat eine Formalität sein. Warum dem nicht so ist, erklärt die promovierte Theologin, Pfarrerin der Kirchgemeinden Zürich-Saatlen und -Schwamendingen und SP-Kantonsrätin Esther Straub im Gespräch mit P.S.

 

Am 15. September wählt die Synode der reformierten Kirche des Kantons Zürich die sieben Mitglieder des Kirchenrats. Sie sind die offizielle Kandidatin der religiös-sozialen Fraktion und sollen den Sitz der zurücktretenden Irene Gysel ‹erben›. Für die liberale Fraktion verteidigt Katharina Kull den Sitz des zurücktretenden Fritz Oesch – und zusätzlich tritt mit Marlies Petrig auch noch eine Sprengkandidatin an, die offensichtlich auf Ihren Sitz aus ist: Was läuft da schief?

Esther Straub: Das wüsste ich auch gern. Kaum hatte sich die Findungskommission der religiös-sozialen Fraktion im Februar für mich entschieden und meine Nomination bekanntgegeben, reichte der Präsident der evangelisch-kirchlichen Fraktion, Willi Honegger, in der Synode eine Motion ein. Er forderte darin, in der Kirchenordnung sei festzuschreiben, dass im Kirchenrat keine Pfarrmehrheit herrschen dürfe.

 

Ist diese Einschränkung nicht längst der Fall? Einige Ihrer GegnerInnen argumentieren doch damit, Sie kämen nur deshalb nicht als Kirchenratsmitglied in Frage, weil Sie Pfarrerin sind.

Für die Wahl in die Synode, die Legislative, ist festgeschrieben, dass kirchliche Mitarbeitende keine Mehrheit haben dürfen. Der Kirchenrat ist die Exekutive, und dort ist diesbezüglich nichts festgeschrieben.

Die Kirchenordnung wurde erst vor sechs Jahren gesamtrevidiert. Auch über die Einführung einer solchen Regelung hat man damals diskutiert, sich aber dagegen entschieden. Erst ein Ja zu Willi Honeggers Motion hätte dazu geführt, dass im Kirchenrat künftig dasselbe gegolten hätte wie in der Synode. Doch die Synode lehnte die Motion am 24. März mit 54:39 Stimmen bei 5 Enthaltungen ab.

 

Laut einem Artikel im ‹reformiert.› gilt aber seit den 1970er-Jahren das ungeschriebene Gesetz, dass die PfarrerInnen keine Mehrheit im Kirchenrat haben dürfen.

Ungeschriebene Gesetze werden ja nur deshalb nicht festgeschrieben, weil man einsieht, dass es Ausnahmen geben kann. In die Kategorie der ungeschriebenen Gesetze fällt auch die gelebte Konkordanz, die je zwei Sitze für die liberale Fraktion, den Synodalverein und die religiös-soziale Fraktion sowie einen Sitz für die evangelisch-kirchliche Fraktion vorsieht. Dass diese Regel gebrochen wird, wenn Marlies Petrig gewählt würde, scheint lustigerweise niemanden zu stören.

 

Warum «gebrochen»?

Eine der drei Fraktionen, deren PräsidentInnen Petrigs Kandidatur lanciert haben, wird sie im Falle einer Wahl aufnehmen müssen. Alle drei scheuen sich jedoch, bereits jetzt Farbe zu bekennen, da sie fürchten, ihr vermessener Sitzanspruch könnte zur Abwahl eines Bisherigen führen. Der ehemalige evangelisch-kirchliche Vizepräsident der Synode hatte Marlies Petrig bereits der Findungskommission der religiös-sozialen Fraktion vorgeschlagen, und diese bezog Frau Petrig auch in ihr Auswahlverfahren ein. Der Entscheid fiel jedoch klar für mich aus. Matthias Reuter, der Präsident der religiös-sozialen Fraktion, hat bereits öffentlich klargestellt, dass es für ihn persönlich nicht in Frage kommt, Frau Petrig aufzunehmen und dass die Fraktion «selbstverständlich» an meiner Nomination festhält wie auch an der des Bisherigen Bernhard Egg.

 

Die drei FraktionspräsidentInnen schreien laut «keine Pfarrmehrheit», wollen aber gleichzeitig klammheimlich die Konkordanz abschaffen?

Dass die Pfarrmehrheit plötzlich ein Problem sein soll, erstaunt mich insbesondere angesichts der Vorgeschichte: Usus war, dass die drei grossen Fraktionen ihre Sitze im Kirchenrat mit je einer Pfarrperson besetzen. Im Mai 2011 wurde Michel Müller, Mitglied des Synodalvereins, zum Kirchenratspräsidenten gewählt. Auf diesem Posten sitzt – auch nach ungeschriebenem Gesetz – immer eine Pfarrperson (bisher nur Männer). Gleichzeitig wurde der bisherige Kirchenrat Pfarrer Thomas Plaz-Lutz bestätigt, der ebenfalls dem Synodalverein angehört. Die Fraktion war nun plötzlich mit zwei Pfarrern im Kirchenrat vertreten. Die religiös-soziale Fraktion portierte für ihren frei gewordenen Sitz Nicht-Pfarrer Bernhard Egg. Damit hatte die religiös-soziale Fraktion mit der jetzt zurücktretenden Irene Gysel zwei Nicht-Pfarrpersonen im Kirchenrat.

Mit anderen Worten: Sie akzeptierte damals die doppelte Pfarrvertretung des Synodalvereins – und soll nun offenbar im Gegenzug bestraft werden, indem man es ihr verwehren will, ihren zweiten Sitz wieder theologisch zu besetzen.

 

Das mutet seltsam an – zumal es auch niemanden zu stören scheint, dass es im Kirchenrat aktuell sechs Männer und eine einzige Frau hat.

Und dass seit Einführung der Frauenordination vor 50 Jahren erst ein einziges Mal eine Pfarrerin in den Kirchenrat gewählt worden ist…! Es ist für mich völlig unverständlich, dass meine theologische Qualifikation ein Hindernis für den Kirchenrat sein soll. Es scheint unerwünscht, dass Frauen theologisch mitdiskutieren. Dies ausgerechnet in einer Zeit, da Strukturreformen anstehen, die theologisch sorgfältig durchdacht sein müssen.

 

Eine Aussage, die Ihre Wahlchancen nicht unbedingt vergrössern dürfte…

Die Fraktionspräsidentin des Synodalvereins, Wilma Willi, liess sich im ‹reformiert.› zitieren, Petrig sei die perfekte Nachfolgerin von Irene Gysel, und ihre Stelle im Gesundheitswesen sei «mit Blick auf die Schwerpunkte Palliativpflege und Spitalseelsorge ein Glücksfall». Das tönt natürlich gut, nur: Seit der internen Umstrukturierung der Gesamtkirchlichen Dienste (GKD) und des Kirchenrats gibt es keine Departemente mehr, d.h. die Kirchenräte führen nicht mehr direkt eine Abteilung der GKD und nehmen keine operativen Führungsaufgaben mehr wahr. Dafür sind neu die Mitglieder des Leitungskonvents GKD zuständig; die Spitalseelsorge ist bei der Leiterin der Abteilung Spezialseelsorge, Rita Famos, in guten Händen. Zudem konstituiert sich der Kirchenrat selbst. Die Ressorts sind noch nicht verteilt.

 

Die Kandidatur Petrig ist laut ‹reformiert.› «der letzte Coup des zurücktretenden Vizepräsidenten»: Martin Fischer soll sie ins Spiel gebracht haben, weil der Kirchenrat «neben den jetzigen drei Pfarrern dringend vier Persönlichkeiten mit anderer Berufserfahrung» nötig habe. 

Dieser Artikel bestätigt Gerüchte, die seit längerem im Umlauf sind; anscheinend wurde das Projekt, meine Wahl möglichst zu verhindern, tatsächlich von langer Hand geplant. Doch wenn Fischer im ‹reformiert.› zitiert wird, er fürchte, dass der Kirchenrat «durch berufsständische Interessen in seiner fachlichen Kompetenz beschnitten wird, wenn nach den Wahlen vom 15. September Pfarrpersonen in der Mehrheit wären», dann lässt mich das ratlos zurück: Will er damit wirklich sagen, Pfarrpersonen betrieben grundsätzlich Klientelpolitik? Das ist eine Diffamierung unseres Berufs.

 

Welche Politik würden Sie denn im Kirchenrat betreiben bzw. was reizt Sie an diesem Amt?

Ich bin eine überzeugte Religiös-Soziale und als solche auch Co-Präsidentin der 109-jährigen Zeitschrift ‹Neue Wege›. Seit bald zehn Jahren bin ich in der Politik aktiv, neun davon im Zürcher Gemeinderat, jetzt als Kantonsrätin. Meine verknüpfte Erfahrung aus Politik und Kirche und mein Wissen würde ich gerne in die Kirchenleitung einbringen. Ich weiss, wie Politik funktioniert – und wie die Kirche auf politischer Seite wahrgenommen wird. Als langjährige Parlamentarierin kenne ich insbesondere die Finessen einer konstruktiven Zusammenarbeit zwischen Exekutive und Parlament. Und ich will Inhalte setzen.

 

Wo würden Sie inhaltliche Schwerpunkte setzen?

Ich bin der Meinung, dass die Kirche auch heute bei wichtigen gesellschaftspolitischen Themen etwas zu sagen hat, beispielsweise bei der Ehe für alle oder in der Flüchtlingsfrage. Mir fällt auf, dass gesellschaftspolitische Stellungnahmen der Kirche bei Themen, die den Anfang beziehungsweise das Ende des Lebens betreffen, also bei Themen wie pränataler Diagnostik oder Sterbehilfe, selbstverständlich sind. Mischen sich kirchliche ExponentInnen in andere Themen ein, die sich mitten im Leben abspielen, kommt Kritik von rechtskonservativer Seite und oft aus der Kirche selbst. Das prophetische Wächteramt, d.h. der in prophetischer Tradition stehende Auftrag der Kirche, die Schwachen in Schutz und die Starken in die Kritik zu nehmen, ist im 4. Artikel der Kirchenordnung festgeschrieben. Es heisst dort: «In der Ausrichtung aller Lebensbereiche am Evangelium tritt [die Kirche] ein für die Würde des Menschen, die Ehrfurcht vor dem Leben und die Bewahrung der Schöpfung.»

 

Die reformierte Kirche sollte demnach beispielsweise Abstimmungsempfehlungen abgeben?

Bei bestimmten Themen, z.B. alsylpolitischen Vorlagen, auf jeden Fall. Das heisst nicht, dass die Kirche sich in die Politik selbst einmischt, doch sie soll zu gesellschaftspolitischen Fragen im Sinne von Art. 4 der Kirchenordnung Stellung nehmen und sich auch aktiv an Lösungen beteiligen. Die Aktion «Flucht.Punkt», die unter anderem beinhaltet, dass reformierte Kirchgemeinden Pfarrhäuser und sonstige Liegenschaften, die sie zurzeit nicht nutzen, als Flüchtlingsunterkünfte zur Verfügung stellen, ist ein gutes Beispiel dafür.

 

Für Flüchtlinge hat sich die reformierte Kirche immer wieder eingesetzt: Gerade neu ist diese Idee nicht.

Aber sehr aktuell… Bedenklich ist, dass die kirchliche Migrationsstelle, die in dieser Thematik engagiert Projekte lanciert, Anfang Jahr gekürzt wurde. Die letzte Woche lancierte Migrationscharta zeigt, dass kirchliche Gruppierungen mehr Engagement ihrer Kirchen in der Flüchtlingsfrage fordern.

Ein anderes aktuelles Beispiel ist der Umgang mit Homosexualität: Hier könnte die reformierte Kirche noch aktiver agieren, statt nur auf die Aussagen von Bischof Huonder zu reagieren. Bei den Reformierten ist die Ehe kein Sakrament. Die kirchliche Trauung ist kein Akt der Eheschliessung, sondern eine Segenshandlung, und entsprechend kennt die reformierte Kirche seit rund 20 Jahren Segnungen homosexueller Paare, dennoch übt sie in der liturgischen Gestaltung immer noch Zurückhaltung.

 

Was möchten Sie sonst noch aufgreifen und bekannt machen?

Wie bereits gesagt, hat die Kirche in Vielem eine Verantwortung, was mitten im Leben passiert. PfarrerInnen sind in ihrer täglichen Arbeit immer wieder konfrontiert mit konkreten Themen.

Was soll ich einer alten Frau sagen, die seit 50 Jahren im Quartier verwurzelt ist und nun wegziehen muss, weil ihre Wohnung einem Ersatzneubau weichen muss? Und wie geht die Kirche selbst mit ihren Liegenschaften um, die aufgrund des Mitgliederrückgangs nicht mehr benötigt werden? Ein Beispiel, das zeigt, dass es nicht einfach darum geht, als Kirche Politik zu betreiben, sondern theologisch verantwortlich in der Gesellschaft mitzuwirken.

 

Dann stimmt also das Gerücht, dass Ihre Wahl vor allem deshalb verhindert werden soll, weil die Leute Angst haben vor einer Frau, die weiss, wie der Hase läuft, und kein Blatt vor den Mund nimmt? Und das, obwohl Sie nicht mal in feministischer Theologie promoviert haben…

(lacht) Meine Dissertation schrieb ich tatsächlich über ein klassisches Thema, nämlich die Frage nach einer Kreuzestheologie im Johannesevangelium – und ich bekam dafür erst noch den Jahrespreis der als doch eher konservativ bekannten theologischen Fakultät der Uni Zürich. Ich habe mich jedoch im Bibelübersetzungsprojekt für geschlechtergerechte Sprache eingesetzt, und ich wehrte mich dagegen, dass teilzeitarbeitende Pfarrpersonen, hauptsächlich Frauen, überwiegend mit befristeten Stellen Vorlieb nehmen müssen, die alle vier Jahre wieder zur Disposition stehen. Zusammen mit einer Arbeitsgruppe monierte ich, dass es schweizweit kaum Frauen in Kirchenleitungen gibt und schon gar keine Theologinnen.

 

Also doch: Sie scheinen gewissen Leuten Angst einzuflössen.

Ich finde nicht, dass man sich vor mir fürchten muss. Ich streite sehr gerne, aber nicht aus Streitsucht, sondern weil ich die sachliche Auseinandersetzung suche, die weiterführt. In der Kirche scheut man sich oft vor inhaltlichen Auseinandersetzungen, obwohl Streitgespräche und Streitschriften in der Bibel feste und weitverbreitete Gattungen sind.

 

Und Sie treten am 15. September nichtsdestotrotz frischfröhlich an?

Mal sehen, wie frisch ich dann noch bin, fröhlich auf jeden Fall.

 

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