Peter war ein Macher

Im 68. Altersjahr starb Peter Macher am Dienstag vor einer Woche. Er prägte in den letzten 40 Jahren die praktische Wohnungspolitik vor allem in der Stadt Zürich und war als SP-Mitglied 29 Jahre im Zürcher Bezirksrat.

 

Ich kenne Peter Macher seit fast 50 Jahren, die letzten rund 30 Jahre arbeiteten wir politisch eng zusammen, und seit bald 20 Jahren wanderten wir im Schnitt jeden zweiten Sonntag zusammen mit einer wechselnd grossen Gruppe. Es liegt auf der Hand, dass ich Peter Macher so zeichne, wie ich ihn subjektiv erlebte, ohne ganz auf ein paar Fakten zu verzichten.

Im Dezember 2014 warteten wir auf dem Stadelhoferplatz zur Wanderung auf ihn. Wir wussten, dass er zur genaueren Untersuchung der Lunge gewesen war. Ohne Umschweife teilte er uns mit, dass er Krebs habe. 14 Tage später die Resultate der zusätzlichen Untersuchungen: Er hatte Krebs in einem Stadium, das keine Heilung mehr zuliess. Er konnte den Kampf gegen den Krebs gar nicht aufnehmen, weil dieser Kampf schon entschieden war. Die Bestrahlungen und Chemotherapien dienten der Erhaltung einer akzeptablen Lebensqualität. Ob dies gelang, ist Ansichtssache.

Er hatte insofern Glück, als er die Behandlungen gut vertrug, bis auf die ganz letzte Zeit recht wenig Schmerzen hatte, obwohl er sich nicht mehr gesund fühlte. Er konnte seine Arbeit als Stiftungsratspräsident der Jugendwohnhilfe und jene des Bezirksrats bis zum vorgesehenen Rücktritt im Oktober 2015 weiterhin ausüben.

Er hatte insofern Pech, als sein Wohnmobil, das er nach einer erfolgreichen Erprobung zusammen mit Regula Hagmann gekauft hatte, nur einen Sommer für wenige Wochen und einige Wochenenden zum Einsatz kam. Die trotz der Krankheit geplante längere Reise mussten sie zwei Tage vor dem Start absagen. Später reichte es noch zu ein paar Wochen ohne Wohnmobil in Spanien. Peter, der ein erfolgreiches Berufs- und Politleben hinter sich hatte, wurde durch die Krankheit das Dessert genommen: er wollte mit Regula und alleine nochmals in ruhigem Tempo reisen, Landschaften und Städte sowie deren Leckereien in Ruhe kosten; wie er dies früher auch mit Kanalreisen auf Schiffen erlebte.

Wir befürchteten, dass Peter sich wie ein kranker Wolf in seine Höhle vergrübe. Das tat er zum Glück nicht, er öffnete sich sogar leicht. Er drückte seine Situation mit «verschisse» knapp und präzise aus, nahm sie mit erstaunlicher Ruhe hin. Schwer fiel ihm vor allem der kleinere Bewegungsradius. Den Umgang mit seiner Krankheit mussten wir und er lernen. Ganz praktisch: Die Wanderungen wurden kürzer und ganz ohne Steigungen. Er wollte nicht, dass alle auf ihn Rücksicht nahmen, es fiel ihm schwer zu akzeptieren, dass für uns ein Spaziergang mit ihm besser als eine Wanderung ohne ihn war. Er freute sich, wenn einige kamen. Es schmerzte mitunter, bei den Besuchen zu sehen, wie es ihm schlechter ging. Er wollte kein Mitleid, und er glaubte nicht immer, dass ein Gespräch mit einem kranken Peter besser als keines war. Zumal er im Kopf sehr klar und trocken-präzise blieb. Es war ja auch nicht immer einfach, dies zu erklären, da wir selten über Gefühle gesprochen hatten.

Peter Macher starb am Dienstagmorgen mit Hilfe von Exit. Er hätte gerne weitergelebt. Er ging erst, als klar war, dass er seine letzten wenigen Wochen in einem Spitalbett verbringen müsste und seine Selbstständigkeit verlieren würde – er benötigte bisher Hilfe von Regula, aber keine professionelle Pflege.

 

Berufliches

Peter Macher kostete nach einer kaufmännischen Lehre sein Leben als junger Mann mit Festen reichlich aus. Er wurde, nachdem er seine Architekturfachzeitschrift verkauft hatte, in den frühen 80er-Jahren Sekretär der SP der Stadt Zürich und Gemeinderat. Als Sekretär der Partei während des AJZ stand er mitten im Trubel, und es gelang ihm, das Gespräch zwischen der Jugend und den Traditionellen in der Partei halbwegs in Gang zu behalten. Seine Sympathie und seine Engelsgeduld (nicht zu verwechseln mit Blindheit) mit den JungsozialistInnen behielt er bis zum Schluss. 1986 begann er im Deutschschweizer Mieterverband, dem er bis im Sommer 2014 treu blieb. Ausser in den letzten zwei Jahren mied er die Stellung eines Geschäftsleiters, obwohl er mehr wusste, als alle andern, und sich auch nicht scheute, seine Meinung zu sagen. Dabei war ihm immer sehr bewusst, dass viele Wege nach Rom führen konnten und er nur von Irrwegen abriet. Diese Kombination von klarer eigener Auffassung und Akzeptanz von anderen machte ihn zu einem guten Vermittler, den fast alle akzeptierten. 1989 wurde er zum Bezirksrat gewählt. Er blieb es 26 Jahre. Statthalter zu werden, kam für ihn nie infrage. Er hätte zu vieles auf sich nehmen müssen, was er nicht wollte. Titel benötigte er nicht. Er strebte auch in der SP kein Amt an, obwohl man sich ihn als Stadtrat gut vorstellen konnte. Er dachte nicht daran.

 

Grosser Leistungsausweis

Ende der 70er-Jahre konnten er und ein paar andere zwei Häuser an der Zentralstrasse kaufen. Sie organisierten sich als Genossenschaft. Weil er und ein paar andere sahen, dass für die Zukunft zwei Häuser nicht genügten, gründeten sie 1981 die Wogeno. Diese Genossenschaft mit sehr viel Mitbestimmung, die Häuser in der Stadt und Umgebung kaufte, besitzt heute gut 400 Wohnungen und hat 3000 Mitglieder. Die Wogeno ist das Werk von vielen, aber ohne Peter Macher wäre sie zumindest nicht sicher entstanden.

Das Gleiche gilt für die PWG, die gemeinnützige Stiftung für preiswerten Wohnraum. Für dieses erfolgreiche Projekt fühlen sich etliche als Vater. Peter zog den dazu nötigen 50-Millionen-Franken Gründungskredit durch die SP und die Volksabstimmung und verteidigte den unerwarteten Abstimmungserfolg in Lausanne. Die PWG besitzt heute in 134 Liegenschaften 1576 Wohnungen und günstigen Gewerberaum. Das Areal an der Hellmutstrasse im Zentrum des Kreises 4 mit seinen Altbauten und der Möglichkeit zu Neubauten stand in den 80er-Jahren im Zentrum der politischen Auseinandersetzung. Peter sorgte politisch dafür, dass die Wogeno den Zuschlag erhielt: Etliche Bürgerliche hofften, er und die junge Genossenschaft würden mit den ‹schwierigen› BewohnerInnen des Altbaus auf die Schnauze fallen. Er lebte mit vielen anderen bis zu seinem Tod dort. Auch bei der Stiftung Jugendwohnhilfe (heute 2800 MieterInnen) war er bei der Gründung dabei und verhandelte mit viel Freude als Stiftungspräsident Neukäufe.

 

Gourmet-Picknick

Peter wusste, was er wollte, lebte nach seinen Prinzipien und Gewohnheiten, war in seinen Engagements sehr beständig und wirklich ein Macher. Mitunter eigenwillig, gerne alleine, für Regula ein Fels im Wasser. Seine Tochter Iva war fast sein alles. Kam sie an eine Wanderung mit, packte er aus seinem Rucksack statt eines Cervelats mit Gurke und Aromat ein globusreifes Picknick aus. Geblieben ist von vielen Bildern von ihm ein wunderschönes: Wie er bereits krank mit seiner Enkelin Zazie an der Hand, die gerade laufen gelernt hatte, die Rolltreppe zum Durchgangsbahnhof hinabkam, beide strahlend vor Glück.

Peter, es war gut und schön, dass es Dich gab. Und auch wenn Du immer in Schwarz gekleidet warst, wird das Leben für einige während einiger Zeit etwas weniger farbig sein.

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