Ohne Polemik verkauft sich nichts

Anhand von Aufstieg und Fall eines begnadeten Poeten verfilmt Xavier Giannoli zweihundert Jahre nach Honoré de Balzac dessen Sittengemälde «Illusions perdues». Mit seiner virtuos spitz geführten Feder wird das Funktionieren von Marktmacht, Opportunismus und Erfolgsrausch so kunstfertig seziert, dass einen die Parallelen zur Aktualität erschaudern lassen.

 

Der Teil der Aristokratie, den die Guillotine nicht erwischt hat, sitzt zwei Jahrzehnte nach der Französischen Revolution wieder vermeintlich so fest im Sattel, dass er wieder nahe der vormaligen Dekadenz agiert. Allein die Bourgeoisie mit ihrem wirtschaftlichen Fortkommen und dem auch via die Journaille wachsenden politischen Einfluss bedroht die Leichtigkeit seines weltabgewandten Ränkespiels. Noch sind die Positionen klar verteilt. Aber auch diese Rangordnung kommt parallel zur Erzählung ins Schleudern.

 

In der Provinz erfreut sich die zur Baronin emporgeheiratete Louise de Bargeton (Cécile de France) der weitherum höchsten Stellung und des grössten Vermögens. Ihr greiser Mann begnügt sich mit Jagd und Völlerei, derweil sie ihre Fühler in Richtung herausragender Jungtalente ausstreckt und sie in ihren Salons der Gesellschaft vorstellt. Der überwältigend liebreizende und feinfühlige romantische Dichter Lucien (Benjamin Voisin) wird ihr neuer Protégé und natürlich auch baldiger, feuriger jugendlicher Liebhaber. So ganz ungestüm, wie sie ihre Liaison leben, wird sie bald zum Stadtgespräch. Die Baronin gönnt sich deshalb eine längere Auszeit bei ihrer Cousine, der Marquise d’Espard (Jeanne Balibar), einer der höchsten und einflussreichsten Damen in Paris, und Lucien, der ihr amourös erlegen ist und sowieso nichts zu verlieren hat, fährt heimlich mit.

 

Haifischbecken Paris

Was in der Provinz elegant und eloquent erschien, wird in Paris als bauerntrampelhaft von oben herab belächelt. Weder Louise noch Lucien wissen sich während ihres ersten Opernbesuches standesgemäss zu benehmen. Das Desaster der gesellschaftlichen Ungnade droht. Louise verschwindet von der Leinwand, während Lucien, der sich statt seines Familiennamens Charbon jenen seiner ehemals adeligen Mutter de Rubempré für seine literarische Karriere zulegt und damit natürlich den Adel erneut brüskiert. Den aufkommenden Journaillen, den sogenannten Canards à deux Sous, die verschiedene Vertreter der Bourgeoisie wie Pilze aus dem Boden wachsen lassen und sich damit einen unverhohlen zynischen Wettstreit um Aufmerksamkeit, Leserschaft und bezahlten Werbebotschaften liefern, ist ein derartiger Dünkel egal. Luciens sprachliche Begabung ist genauso irrelevant wie sein Traum, ein grosser Romancier zu werden. Bevor er keinen stadtbekannten Ruf erlangt hat, also weitherum verehrt oder gefürchtet wird, ist er inexistent. Rund um den analphabetischen Krämer Dauriat (Gérard Dépardieu) tummelt sich eine Schar ehrgeiziger junger Männer, die nur Ruhm, Erfolg und Reichtum im Sinn haben und sich die schärfsten Wortduelle liefern. Nur Polemik verkauft sich. Mit einer vernichtenden Kritik aus dem Stegreif – eine Ansammlung von Nichtigkeiten – gegenüber dem neusten Werk des Royalistenschnösels Nathan (Xavier Dolan) verschafft sich Lucien im Handumdrehen Gehör in einschlägigen Kreisen. Der Verleger Finot (Louis-Do Lencquesaing) nimmt ihn unter Vertrag und dessen Chefredaktor Etienne (Vincent Lacoste) ihn unter seine Fittiche.

 

Erfolg macht sexy

Von nun an zählen nur noch die zynischste Schlagzeile, die hellste Aufregung und dazu wird Champagner getrunken, Haschisch geraucht und in Absprache mit dem Chefclaqueur Singali (Jean-François Stévenin) jedes neue Theaterstück entweder in den Himmel gelobt oder in den Boden gestampft. Eine Zeit der gefühlten grossen Freiheit, die den jungen Männern, insbesondere Lucien in den Kopf steigt. Mit seiner Varitétéschönheit Coralie (Salomé Dewaels) bezieht er ein Stadtpalais und gebärdet sich als unangreifbar. Ist er natürlich nicht. Aber er gerät als gefürchtete Feder in die Ränkespiele zwischen Bourgeoisie und Royalisten, was sein opportunistisches Wesen nicht schert, ihn aber den Kopf kosten wird. Die Mutter der Porzellankiste hat er mit seinem Grössenwahn längst zerdeppert und sich in eine so delikate Lage manövriert, dass selbst Louise seinem Untergang nichts mehr entgegenstellen kann. Der Film ist abgesehen von seiner sprachlichen Eleganz und Eloquenz und seiner bereits in den Sarkasmus hinein übersteigerten Romantik eine überaus erhellende Auslegeordnung der Mechanismen, die dafür sorgen, dass die Separierung von gesellschaftlichem Unten und wirtschaftlichem Oben bleibt, wie sie ist.

 

«Illusions perdues» spielt in den Kinos Houdini, Le Paris.

 

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