«Eine Stimme der linken Frauen* in der Schweiz»

Natascha Wey, Zentralsektretärin beim VPOD Zürich, tritt zur Wahl ums Co-Präsidium der SP Frauen* an.

 

Ist Sexismus in der Schweiz noch ein Problem?

Natürlich ist Sexismus in der Schweiz noch ein Problem. Im Übrigen nicht nur in der Schweiz, denn Sexismus ist kein nationales Phänomen. Vieles von dem, was Frauen tun oder sagen, wird weniger wahrgenommen, hat weniger Relevanz und ist weniger sichtbar. Sexismus ist der Grund, wieso Frauen weniger verdienen oder eher in Tieflohnbranchen arbeiten. Wäre Sexismus also kein Problem mehr, dann würden wir in einer Schweiz leben, in der vorgefertigte Geschlechterstereotype keine Rolle spielen. Dann wären in Politik und Wirtschaft gleichviele Frauen wie Männer vertreten, es gäbe nicht mehr eine klare Aufteilung in Berufe, in denen vor allem Frauen, und Berufen, in denen vor allem Männer arbeiten, sondern die Möglichkeit für jedes Individuum, sich nach seinen Neigungen und Fähigkeiten zu entwickeln, und die unbezahlte Arbeit wäre gleichmässig zwischen den Geschlechtern aufgeteilt.

 

Was ist ihre Haltung zum Sternli im Namen der SP Frauen*?

Ich habe diesen Antrag der Juso-Frauen an der letzten MV unterstützt. Sprache ist wichtig, sie formt unsere Art des Denkens. Das * hat sich als neue soziale Kategorie etabliert und wirkt einem heteronormativen Verständnis von Geschlecht und Sexualität entgegen. Das Sternchen bringt zum Ausdruck, dass wir als SP Frauen* offen sind für Menschen, die sich nicht einem binären System von Geschlecht zuordnen aber darunter leiden, dass verschiedene Formen von Frau* sein in der Gesellschaft nach wie vor abgewertet werden.

 

Sollen bei den SP Frauen* in Zukunft auch Männer eingebunden werden?

Diese Frage stellt sich im Moment nicht. Es gibt mit der Arbeitsgruppe Gleichstellung ja auch Gefässe innerhalb der SP, wo alle Geschlechter gemeinsam Geschlechterpolitik machen können.

 

«#aufschrei» wird seit Anfang 2013 verwendet, um über sexistische Erfahrungen zu twittern. Wollen Sie diese oder andere Social Media-Bewegungen bei den SP Frauen* aufnehmen?

Ja, ich finde, wir müssen die sozialen Medien viel mehr als neue Form der Öffentlichkeit nutzen. Phänomene wie Sexismus werden in den sozialen Medien sichtbar. #aufschrei war aber kein kuratiertes Phänomen. Anne Wizorek hat #aufschrei zwar initiiert und mit dem Hashtag versehen, die Geschehnisse dieser Twitternacht konnte aber auch sie nicht voraussehen. Es bestand offenbar ein grosses Bedürfnis unter Frauen*, über Sexismus und sexualisierte Gewalt zu berichten. Es gibt aber auch andere Blogs oder Social-Media-Projekte im Netz, die Alltagserfahrungen von Frauen* mit Sexismus und sexualisierter Gewalt sammeln und sichtbar machen. Zum Beispiel das everydaysexism-Project von Laura Bates. So oder so ist es wichtig, sich online zu vernetzen und gemeinsam Projekte zu planen. Wir Feministinnen tun das ja bereits weit über nationale Grenzen hinweg. Die SP Frauen* müssen Teil davon sein. Meines Erachtens gehört das auch zur Aufgabe der SP Frauen*, denn diese sind nicht nur eine Art Arbeitsgruppe der SP für parlamentarische Vorlagen, die mit Frauen-Themen zu tun haben, sondern auch eine feministische Organisation und Bewegung, eine Stimme der linken Frauen* in der Schweiz.

 

Was halten Sie von einer Geschlechterquote in Verwaltungsräten?

Ich unterstütze die Quote. Sie ist ein Machtinstrument, das die Kompetenzfrage stellt und die Leute ärgert. Das ist prinzipiell mal gut, weil es eine Diskussion provoziert und zumindest ein wenig Gerechtigkeit schafft. Frauen, welche ein Mandat über eine Quote erhalten, wird ja oft die Qualifikation und Kompetenz abgesprochen. Männer, die bereits da sitzen und über irgendwelche Netzwerke oder persönliche Verbandelungen dahin gekommen sind, müssen sich dieser Kompetenzfrage gar nie aussetzen! Man geht einfach davon aus, dass ein Mann, der ein Mandat erhält, bestimmt qualifiziert ist, sonst hätte er es ja nicht bis ganz nach oben geschafft. Wer oben ist und männlich, der kann nicht inkompetent sein. Es ist quasi eine Self-Fulfilling-Prophecy. Die Quote stört diesen Mechanismus und zeigt, dass die vorherrschende Form von Meritokratie sowieso nur für Männer funktioniert. Für mich als Sozialdemokratin ist die Quote in Verwaltungsräten aber auch nicht mein wichtigstes politisches Projekt. Denn ich will ja eine andere Form von Wirtschaft, die demokratischer ist, und in der die Mitarbeitenden bestimmen und nicht die Verwaltungsräte oder Aktionäre.

 

Die Care-Arbeit ist ein Problem: Ein grosser Teil davon wird unentgeltlich verrichtet, der andere Teil schlecht bezahlt. Betroffen sind meistens Frauen. Was könnte man dagegen tun?

Die Aussage, es seien meist Frauen davon betroffen, zäumt das Pferd verkehrt herum auf, das Problem ist viel tiefgreifender: Es ist Teil von vorgegebenen Rollen-Mustern, dass diese Arbeit vor allem von Frauen ausgeübt wird und sie wird genau deswegen schlecht bezahlt, weil es Frauen-Arbeit ist. Wir brauchen auf jeden Fall eine grössere Debatte über diese Frage. Die Care-Frage müsste im Zentrum der linken Politik stehen. Als Linke müssen wir fordern, dass wir alle genügend Zeit haben, diese so wichtigen gesellschaftlichen Aufgaben zu verrichten. Wir können schliesslich nicht alle 100 Prozent arbeiten und gleichzeitig Kinder haben und irgendwann unsere betagten Eltern pflegen. Wir wollen doch verhindern, dass Kinderbetreuung und qualitativ gute Pflege für Kranke und Betagte vom Portemonnaie abhängen.

Um wirkliche Lösungen in dieser Frage zu finden, müsste man aber anfangen, die feministische Ökonomie als zentralen Aspekt ökonomischer Theorie zu behandeln. JournalistInnen etwa könnten beginnen, jedes Mal, wenn sie mit ‹Avenir Suisse› sprechen, auch eine feministische Ökonomin zu zitieren.

 

Was bedeutet Feminismus für Sie?

Feminismus ist für mich einerseits eine politische Haltung. Als Feministin fordere ich die gleichberechtigte soziale, ökonomische und politische Teilhabe von Frauen in der Gesellschaft. Ich will weg von den vorherrschenden Machtverhältnissen und hin zu einer freien Gesellschaft ohne stereotypisierte Geschlechterrollen, denen wir uns unterordnen müssen, teils durch externen Druck, teils aber auch einfach deswegen, weil diese Rollen uns von Anfang an formen, wir uns selbst so zu sehen beginnen, weil uns das überall beigebracht wird. Feministin sein heisst auch, dass ich das Geschlechterverhältnis als Basis davon anerkenne, wie unsere Gesellschaft organisiert und strukturiert ist. Es ist quasi meine Brille, mit der ich in die Welt blicke. Und schliesslich ist Feminismus für mich eine ganz konkrete politische Praxis.

 

Ihr Wahlspruch – in einem Satz?

Für eine Politik ausgehend von der Realität – der Frauen*.

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