«Feminismus ist Engagement für alle Geschlechter»

Die alt-Nationalrätin und Anwältin Ursual Schneider Schüttel aus dem Kanton Fribourg möchte zur Co-Präsidentin der SP Frauen* gewählt werden. 

 

Ist Sexismus in der Schweiz noch ein Problem?

Leider ist die unterschiedliche Behandlung der verschiedenen Geschlechter und insbesondere die Diskriminierung von Frauen nach wie vor ein Thema. Es geht dabei nicht (nur) darum, wie Frauen gesellschaftlich behandelt werden (Anmache, sexuelle Belästigung, verbale Herabsetzung usw.). Eine Diskriminierung geschieht zudem nicht nur bezüglich Lohn (was eher bekannt ist), sondern generell im beruflichen Einstieg, in der Karriere oder in der Vertretung in verantwortungsvollen Positionen in Unternehmen.

Die meisten Frauen erleben ihre Benachteiligung wohl spätestens dann, wenn es um die Fragen der Familiengründung oder der Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht. Kann ich eine Familie haben und trotzdem meine beruflichen Ziele erreichen? Hier bleibt noch viel zu tun, nicht nur in der Bereitstellung von Kinderkrippen und der Eliminierung von familienbedingter Schlechterstellung bezüglich Altersvorsorge (zum Beispiel durch Teilzeitarbeit bedingt), sondern in der Änderung des gesellschaftlichen Bildes der Familie und der Kinderbetreuung bzw. Familienarbeit. Männer sollen vermehrt Betreuungsarbeiten in der Familie übernehmen. Dafür sind ein besseres Angebot an Teilzeitstellen für Männer und die Förderung der Karrieremöglichkeiten für Frauen, beispielsweise durch Jobsharing, mögliche Handlungsfelder.

 

Was ist ihre Haltung zum Sternli im Namen der SP Frauen*?

Ich habe an der letzten Mitgliederversammlung der Aufnahme von Transgender-Personen in die SP Frauen zugestimmt, vor allem, weil ich finde, dass sich jede den SP Frauen nahestehende Person mit ähnlichen Interessen und ähnlicher Betroffenheit anschliessen können soll. Wir wollen ja die Gleichstellung aller Menschen, unabhängig vom Geschlecht. Das Sternchen ist allerdings noch wenig bekannt und daher erklärungsbedürftig (obwohl es zum Beispiel beim ‹Milchbüechli› bereits gang und gäbe ist).

 

Sollen bei den SP Frauen* in Zukunft auch Männer eingebunden werden?

Eingebunden ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Tatsache ist, dass eine Gleichstellung der Geschlechter nicht ohne Männer erreicht werden kann. Insofern sollten sie mit uns Frauen am gleichen Strick ziehen. Das eigentliche Ziel ist doch, dass es keine Gruppierung speziell für Frauen (oder andere Gruppierungen) mehr braucht, weil wir politisch das gleiche gesellschaftliche Ziel haben, egal ob Jung, Alt, Mann, Frau, Schweizerin oder Ausländer, nämlich eine sozial gerechte, solidarische und nachhaltig umweltbewusste Gesellschaft.

 

«#aufschrei» wird seit Anfang 2013 verwendet, um über sexistische Erfahrungen zu twittern. Wollen Sie diese oder andere Social Media-Bewegungen bei den SP Frauen* aufnehmen?

Kommunikation läuft heute zu einem wichtigen Teil über Social Media, je nach Generation mehr oder weniger intensiv. Um unsere Basis und unser Zielpublikum zu erreichen, müssen wir auf Social Media präsent sein und namentlich etablierte Mittel wie #aufschrei verwenden.

 

Was halten Sie von einer Geschlechterquote in Verwaltungsräten?

Ich halte sie als Übergangslösung für absolut notwendig. Ohne Quote werden wir in vernünftiger Zeit nie eine gute Präsenz von Frauen* in Verwaltungsräten oder anderen leitenden Funktionen von Unternehmen erreichen.

 

Die Care-Arbeit ist ein Problem: Ein grosser Teil davon wird unentgeltlich verrichtet, der andere Teil schlecht bezahlt. Betroffen sind meistens Frauen. Was könnte man dagegen tun?

Das bedingungslose Grundeinkommen wäre ein gutes Mittel gewesen, um Care-Arbeit, egal von welchem Geschlecht sie erbracht wird, zu honorieren. Dies wäre allenfalls ein Anreiz für andere Geschlechter gewesen, sich gleichermassen an der Care-Arbeit zu beteiligen. Andere Möglichkeiten sind der Ausbau an Betreuungs- und Pflegeangeboten (Spitex, Tagesstätten usw.), die Förderung der möglichst langen Unabhängigkeit der Betroffenen (Alterswohnungen, Alters-WG) oder generell generationenfreundliche Quartiere, in der die gegenseitige nachbarschaftliche Unterstützung unabhängig von einer Familienzugehörigkeit gepflegt werden kann.

 

Was bedeutet Feminismus für Sie?

Es bedeutet für mich das Engagement für eine gesellschaftliche Gleichstellung aller Geschlechter. Ziel ist eine Gesellschaft, in der alle mit den gleichen Chancen auf Bildung, Beruf oder Familie ein selbstbestimmtes, verantwortungsvolles und würdiges Leben führen können.

 

Ihr Wahlspruch – in einem Satz?

Durch engagierte Zusammenarbeit aller Frauen* erreichen wir die gesellschaftliche Gleichstellung aller Geschlechter in einer solidarischen, sozialen und nachhaltigen Schweiz.

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