Meinungen und Macht

Vor drei Wochen habe ich an dieser Stelle darüber geschrieben, mit welchen Unsicherheiten Umfragen verbunden sind. Die Geschichte hat mich noch weiter beschäftigt. Denn Umfragen können zwar falsch liegen, aber sie entfalten dennoch eine Wirkung. Wie 2016, als alle Umfragen einen Sieg von Hillary Clinton vorhersagten und am Ende dann Donald Trump gewann. Das Problem ist nicht nur die Fehlprognose, sondern dass diese Fehlprognose auch eine Auswirkung hatte im Vorfeld. Weil alle JournalistInnen davon ausgingen, dass Hillary Clinton sowieso gewinnt, glaubten die Medien, dass man ihre Kandidatur kritischer begleiten müsse als jene von Donald Trump, der schlicht nicht ernst genommen wurde. Und es hatte wohl auch einen Effekt auf die Mobilisierung. Einige glaubten wohl, ihre Stimme sei nicht nötig, weil Clinton sowieso gewinnt. Nun ist kontrafaktische Geschichte ein amüsantes Gedankenspiel – aber es ist natürlich auch nicht mehr als das. Niemand weiss, wie es anders gekommen wäre.

 

Die Frage bleibt, warum politische Journalist­Innen eine Stimmung so falsch eingeschätzt haben. Und nicht nur damals, sondern immer wieder. Und ob die falsche Deutung von Umfragen hier auch mitspielt. Ich bin vor Kurzem auf einen Artikel der englischen Journalistin Helen Lewis gestossen, der dieser Frage nachgeht. Der Artikel ist etwas älter – von 2019 –, hat aber eine gewisse Aktualität, denn Lewis brachte diesen Artikel wieder in die Debatte, weil wieder eine Umfrage falsch gelegen war. Und zwar ging es um die Umfragen bei der Wahl zur Nachfolge von Boris Johnson. Die Umfragen hatten Liz Truss weitaus höher bewertet, als sie am Schluss abgeschnitten hat. Und damit vielleicht auch ein Narrativ beflügelt, dass ihr Kontrahent Rishi Sunak sowieso chancenlos sei. Lewis stellt ein paar Thesen auf, warum politischer Journalismus so häufig daneben liegt. Die Thesen sind mindestens teilweise auch auf den Schweizer Politjournalismus anwendbar. Die erste «Todsünde», die sie diagnostiziert, sei der Hang zur «gängigen Meinung» (conventional wisdom). Also wenn alle etwas sagen, dann muss ja was dran sein. Wenn alle schreiben, dass man die Kandidatur von Trump nicht ernst nehmen muss, dann schreibe ich das auch. Dies infrage zu stellen, sei auch eine Aufgabe des Journalismus. Sie sieht denn auch noch weitere Sünden. Zum einen das Problem, dass viele Menschen – und natürlich auch JournalistInnen – Statistik nicht verstehen. Ganz banal: Umfragen haben immer Fehlerquoten. Wenn man eine Fehlerquote von 3 Prozent hat, ist der Zugewinn einer Partei von 1,5 Prozent innerhalb der Fehlerquote. Die Partei also schon zum prospektiven Wahlgewinner zu machen, ist daher vielleicht etwas unvorsichtig. Aber «nicht aussagekräftig» oder «mehrheitlich stabil» ist halt auch keine sexy Schlagzeile.

 

Die dritte Todsünde gemäss Lewis sei die «neutrale Verstärkung», also dass JournalistInnen ihnen gesteckte Geschichten unkritisch wiedergeben. Das Problem werde akzentuiert dadurch, dass JournalistInnen sich immer mehr insbesondere auf den sozialen Medien als eigene Marken verkaufen müssen. Diese Entwicklung habe den politischen Journalismus «gamifiziert». Für JournalistInnen werde der Status auf Twitter wichtiger als der eigentliche Inhalt. Und Status gewinnt man mit eigenen Geschichten, mit «Primeurs», also Geschichten, über die keiner sonst berichtet. Dazu ist aber kaum Recherche notwendig, wenn man beispielsweise aus den Parteizentralen gezielt bedient wird. Eine weitere Sünde sei die fehlende Diversität. Nun sind wir nicht wie in England oder Frankreich in einem System, wo alle die gleichen Eliteschulen besucht haben, aber das Problem besteht auch hier zu einem gewissen Grad. Es ist ein kleiner Kuchen, der im Bundeshaus oder in den Parlamenten tätig ist, man kennt sich. Und man überschätzt zuweilen dessen Bedeutung, was für Parlamentarier­Innen natürlich genauso gilt. Dass für viele Menschen weder besonders wichtig noch überhaupt bekannt ist, was in der Käseglocke einer Wandelhalle das Topthema ist, vergisst man allzu leicht. Eine weitere Sünde sei, dass es keine Fehlerkultur gäbe. Keiner sagt je, dass er falsch gelegen ist oder einen Blödsinn geschrieben hat. Denn die Zeitung von heute ist morgen Altpapier und damit auch die Einschätzung von gestern.

 

Was zu recht immer mehr in den Fokus rückt ist die Frage der falschen Ausgewogenheit. Natürlich ist Journalismus nicht Kampagne (was allerdings auch in den sogenannt neutralen Forumszeitungen zuweilen vergessen geht, wie man aktuell bei der AHV-Abstimmung beobachten kann). Aber faire und ausgewogene Berichterstattung heisst nicht, dass man künstlich eine Balance herstellen muss, wenn es keine gibt. Wenn die überwältigende Mehrheit der Wissenschaft sagt, dass es den Klimawandel gibt und er ein ernst zu nehmendes Problem ist, dann muss man nicht unbedingt noch einen obskuren Wissenschaftler suchen, der etwas anderes sagt. Dann gibt es noch die letzte Todsünde, die Lewis «Den Blick aus Versailles» nennt. Dabei geht es um die Personalisierung in der Berichterstattung. Menschen sind aus dieser Perspektive interessanter als Ideen oder Inhalte, so dass jede eigentlich inhaltliche Differenz zu einer Auseinandersetzung zwischen Personen wird. Es geht dann nicht mehr um die AHV 21-Reform, sondern um Widmer-Schlumpf versus Badran. Wer ist in besserer Form? Wer hat den besseren rhetorischen Haken? Wer gewinnt den Match? Und dies führt auch zu einer reduzierten Auswahl an Personen. Denn im Fokus stehen eigentlich nur zwei Typen: Das Führungspersonal und die Abweichler. Alle dazwischen haben gar keinen Platz. Wer eine radikale Position hat, schrill ist oder in Abweichung zur Partei steht, wird mit Medienaufmerksamkeit belohnt. So erhielt das Ehepaar Bourgeois im ‹Tages-Anzeiger› ein ganzseitiges Porträt, von dem etliche und durchaus wichtigere freisinnige KantonsrätInnen nur träumen können. 

 

Um aber wieder zum Ausgangspunkt zurückzugehen: Die veröffentlichte Meinung hat zwar wohl einen Einfluss auf die öffentliche Meinung, aber sie ist eben nicht immer identisch. Und der Einfluss der veröffentlichten Meinung geht zurück, wenn man die Auflagen und NutzerInnenzahlen betrachtet. Und so geht es den MeinungsmacherInnen gleich wie den Meinungsbefrager­Innen – also Journalismus, Politik wie auch Meinungsforschung –, wir alle wissen nicht, wie wir jene erreichen können, die wir auf konventionellem Weg nicht mehr erreichen.

 

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