He, Sie! Ritter!

Ja, schon wieder ich. Der Städter. Der mit dem Wolf tanzt. Der meint, die Milch wachse im Schlauchbeutel in der Migros. Gratuliere zum Abstimmungssieg! Sackschwacher Abstimmungskampf, erstaunlich schwaches Resultat – aber gewonnen. Mit Halbwahrheiten und wie so üblich, wenn man argumentativ hühnerbrüstig ist, mit viel Angstmache. Fragt sich bloss, einmal mehr, was Sie damit eigentlich bezwecken. Denn das Problem, das die Initiative gegen die Massentierhaltung lösen wollte, besteht ja immer noch. Spätestens der Klimawandel wird ihre methanfurzenden Fleischphantasien in Schranken weisen. Schade, haben Sie und Ihresgleichen einen sanften Übergang – 25 Jahre, also eine (!) Generation Übergangsfrist – verhindert. Das wäre ein Wandel «by design» gewesen, nun werden Sie und die Bauernsame es halt «by desaster» lernen müssen.

 

Zum rhetorischen Kampfrepertoire des Konservatismus gehörte schon immer das Argument, die Menschen täten sich nie ändern. Fleischessen ist so verstanden quasi naturgegeben, daher sei jeglicher Versuch, die industrielle Fleischproduktion zu stoppen, fast schon widernatürlich. Schon interessant, wie sich Ihre Branche, die sich damit einmal mehr als alleinseligmachende Fachinstanz pro Natur aufspielt, gegen alles sträubt, was der Natur und den Menschen nützt. Sie wollen nach wie vor die Umwelt mit Pesti- und anderen -ziden vergiften dürfen, allem voran die Insekten, auf die Sie auf Gedeih und Verderb angewiesen sind, sie wollen weiter die Bäuerinnen ausbeuten dürfen, neu sogar bis 65, sie wollen weiterhin unsere Böden auslaugen dürfen, und last but not least habe ich von Ihnen noch kein einziges Mal gehört, dass eine hundertprozentige Nahrungsmittelsicherheit, wie sie jetzt plötzlich unter der Drohung des Ukrainekriegs spruchreif wird, kein Problem wäre, würden Sie Nahrungs- statt Futtermittel auf unseren kostbaren Äckern produzieren. Stattdessen werden Mais und Co. an Rinder und Masthühnchen verfüttert und so wertvolle Kalorien verschwendet. Und nun wollen Sie also auch noch weiterhin Tiere quälen dürfen, weil die Kundschaft das ja so verlange. Das Ganze ist derart kurzsichtig, dass man sich mit Verlaub und Respekt schon fragen muss, ob und wann Sie Ihren Kopf aus dem Enddarm der Agrarindustrie ziehen wollen, weil diese Position ganz offensichtlich der Weitsicht abträglich ist. Grad Bauern und Bäuerinnen müssten doch wissen, dass sie auf Gedeih und Verderb (schon wieder!) vom Boden abhängig sind, dass dieser quantitativ ein endliches Gut ist, und dass man ihn qualitativ zwar schnell versauen, aber nur sehr langsam wieder reparieren kann. Wenn überhaupt.

 

Ritter, das Güllenfass ist voll! Und wenn ich auf das zurückblicke, was Sie wohl Ihre Karriere nennen, so sehe ich nur galoppierende Inkompetenz, desaströser Lobbyismus, Beihilfe zur Naturzerstörung, Förderung der Ausbeutung von Natur und Mensch und Null Vision, wie eine nachhaltige, zukunftsfähige, kompetitive und zugleich umwelt- und sozialverträgliche Landwirtschaft aussehen könnte. Diese Visionen gibt es, nur nicht bei Ihnen, der doch eigentlich zuständig wäre. Vielleicht sollte ich mal mit Ihren Kühen ein Wörtchen reden. Eventuell würden die mir sagen, du der Ritter ist im Stall imfall ganz ok, im Mistschaufeln ist er sogar grosse Klasse, nur in Bern macht er Scheiss, überlass ihn einfach uns. Und vielleicht sollten Sie ganz einfach auf Ihre Kühe hören. Man muss kein Schwein sein, um das letzte Wochenende ein Desaster zu finden.

 

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