Gefehlt hat eine Kampagne

Wie immer bei Wahldebakeln ist ein Teil der Gründe, die dazu führten, nicht beeinflussbar. Ich verzichte darauf, auf diese einzugehen. Einen Teil der Verluste – im Kanton Zürich mindestens ein Sitz – muss die SP jedoch auf sich nehmen. Und dazu werde ich einige Gedanken äussern. Meine zwei Punkte: Erstens hat die SP aus unerklärlichen Gründen die grünen Themen bis kurz vor den Wahlen aus ihrer Kommunikation ausgeblendet. Zweitens: die SP hat keine Kampagne geführt, sondern sich in Einzelaktivitäten aufgerieben.

Erste Warnsignale gab es bereits im letzten Herbst, als noch niemand von Greta sprach und die Klimafrage primär ein Thema von SP und Grünen war. Damals hat die SP Zürich – eigentlich eine gute Idee – den Kontakt zu den Menschen vor Ort gesucht. Von Tür zu Tür wurden die Klinken geputzt, und die Leute gefragt, wo der Schuh drückt. Allerdings hatte der vorgefertigte Fragebogen ein Problem: Umwelt, Klima, Biodiversität, Trinkwasser waren nicht darauf zu finden … Und dann haben uns die Menschen unter den Türen genau diese Themen immer wieder genannt. Leider ohne Konsequenzen. Der nächste Schritt war dann ein Gemischtwarenladen von Initiativen – auch die wieder quasi verkauft als Schritt zu den Menschen und mit einem Publikums-Voting, auch hier ohne jeglichen Bezug zu grünen Themen. Nur, leider hat nur ein Insiderpublikum mitgemacht – die Elternzeitinitiative erhielt soviel ich weiss, nur knapp 1300 Stimmen. Auch das hätte ein Warnsignal sein können. Die SP kam nicht über den engeren Kreis der Aktiven hinaus mit ihrem Projekt (auch wenn die Elternzeit-Initiative inzwischen in Rekordzeit zustande gekommen ist).

Inhaltlich sprach alles für die SP. Frauenstreik – Umwelt – Elternzeit – Krankenkassen: Lauter Themen, bei denen die SP eine starke Politik macht. Aber wir haben es nicht geschafft, das zu nutzen. Die SP liegt mit ihrer Politik im Trend, aber sie schafft es trotz professionellem Campaigning nicht, eine Kampagne auf die Beine zu stellen, welche die Kernbotschaften transportiert. Damit bin ich dann beim zweiten Punkt: der fehlenden Kampagne.

 

Vereinzelung statt Strategie

Ich will den Einsatz der vielen aktiven Mitglieder nicht schmälern. Auch die Kandidierenden, die CampaignerInnen, das Sekretariat – sie haben viel gearbeitet. Nur leider ist ein grosser Teil dieser Energie verpufft. Die Kandidierenden waren damit beschäftigt, möglichst viele Leute für ihr eigenes Komitee zu gewinnen, das dann irgendwo auf einer Website zu sehen war, oder Werbematerial an Kolleginnen und Kollegen zu verteilen. Die SP Schweiz und die SP Kanton Zürich haben mit unzähligen Fundraising-Mails ein Bombardement auf Facebook oder im Posteingang losgetreten. Aber: es fehlte der gemeinsame Nenner, eine Kampagne, die auf drei einfache Fragen eine Antwort gibt: Um was gehts? Wie funktionierts? Was bringts?

Die SP-Aktivistinnen haben sich im eigenen Kreis gedreht. Komitees machen nur Sinn, wenn sie auch nach aussen getragen werden – zum Beispiel in Lokalzeitungen. Die SP hat in den letzten Jahren ihre Tätigkeit zunehmend zentralisiert. Während die Konzernverantwortungsinitiative konsequent den gegenteiligen Weg geht und lokalste Strukturen aufbaut, haben wir resigniert diese lokalen Strukturen aus Ressourcengründen immer mehr abgebaut. Wir haben uns mit dem Telefonieren und mit Insideraktivitäten, mit gegenseitigem Schulterklopfen und Positivmeldungen auf Facebook selbst in eine Blase verabschiedet, aus der wir nicht mehr herausgefunden haben. Wir haben uns mit Mails und Wahlaufrufen überschüttet – und eine Übersättigung bewirkt. Ich erhielt Spendenaufrufe von Cedric Wermuth genauso wie von Arber Bullakai oder Eric Nussbaumer. Hier ein Spendenaufruf fürs Café Boy, am selben Tag braucht die SP Schweiz dringend 5000 Franken für ein Inserat, und natürlich will auch die SP Winti Geld. Das mag als Fundraising noch funktionieren – für die Wahlen war das nicht mobilisierend. Die Öffnungsrate unserer Mails der SP Töss ist von rund 70 Prozent vor einem Jahr auf etwa 15 Prozent gesunken.

Mein Fazit:

1: Klare, verständliche und fokussierte Dachkampagnen

2: Mehr Team statt individualisierte Einzelwahlkämpfe

3: Investitionen in die Stärkung der lokalen Verankerung

Matthias Erzinger, Vorstandsmitglied SP Töss

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