Gasche nitte suffe!

Den Kapitalismus überwinden, das hat sich die SP ja noch immer ins Parteiprogramm geschrieben. Nicht der Mensch solle im Dienst der Wirtschaft stehen, sondern die Wirtschaft im Dienst des Menschen. Finde ich cool. Geht runter wie ein kühles Bier.

 

Am Dienstag wurde bekannt, dass Ringier und die TX Group (ehemals Tamedia) ihre Online-Marktplätze zusammenlegen. So kommen beispielsweise Immoscout24, Autoscout24 und Anibis unter eine Haube mit Homegate, Car for You, Tutti und Ricardo. Was ist davon zu halten? Vor Jahren hatten die Medienhäuser die Online-Marktplätze aufgekauft, um das Wegbrechen der Umsätze mit Kleinanzeigen wettzumachen und die Finanzierung des Journalismus weiterhin zu sichern. Werden die Online-Aktivitäten nun in eine neue Firma ausgelagert, verheisst das nichts Gutes. 

 

Vor einigen Jahren war ich als Geschäftsleiter des Deutschschweizer Mieterverbandes für dessen Mitgliederzeitschrift verantwortlich; diese liessen wir bei Ziegler Druck in Winterthur produzieren. 2015 wurde die Druckerei von ihrer Besitzerin – der Tamedia – geschlossen. 73 Mitarbeitende verloren ihren Job, wir als Kunde mussten nach langjähriger, gut eingespielter Zusammenarbeit einen neuen Dienstleister suchen. Dabei hatte die Druckerei nicht etwa seit Jahren Verluste eingefahren, sie schrieb schwarze Zahlen – aber in der Liegenschaft konnte man mit einem anderen Geschäft höhere Renditen erzielen.

 

Noch viele Jahre früher, als Kantischüler, arbeitete ich während den Ferien als Chauffeur bei einem Getränkelieferdienst. Am Vormittag belieferte ich die Baustellen, und diese wussten genau, welches Bier sie haben wollten. Kam ich auf eine Feldschlösschen-Baustelle, hatte aber nur noch Hürlimann auf dem Wagen, ging das Gezeter los: Gopfertami, die Bschütti gasche nitte suffe! Und umgekehrt genauso. Feldschlösschen und Hürlimann waren die grossen Platzhirsche im Schweizer Getränkemarkt – und 1996 kaufte Feldschlösschen Hürlimann auf. Die Brauereien besassen damals auch einen Grossteil der Beizen, so wurde Feldschlösschen mit der Fusion zu einem der grössten Immobilienbesitzer im Land. Schnell merkten die Aktionäre, dass das Geschäft mit den Immobilien viel höhere Renditen abwarf als jenes mit den Getränken – also verkauften sie nur vier Jahre später das Getränkegeschäft nach Dänemark an Carlsberg und behielten die Immobilien.

 

Was lernen wir daraus? Aktionäre erwarten Rendite, das Geschäft selbst geht ihnen am Allerwertesten vorbei. Wenn man einen Teil aus einer Firma herauslösen kann – seien es die Immobilien oder der Online-Marktplatz – um damit mehr zu verdienen, dann lässt man das alte Kerngeschäft ohne Rücksicht fallen. Irgendwann wird der neue «Online-Goliath» (Radio SRF) von TX Group und Ringier an die Börse gehen, und spätestens dann wird man den Aktionären kaum mehr erklären können, wieso man mit den schönen Gewinnen noch den Journalismus querfinanziert, statt höhere Dividenden auszuzahlen.

 

Das Problem ist also nicht die ‹Wirtschaft›, das Problem ist der Anlagemarkt. Diesem ist es egal, womit eine Firma ihr Geld verdient, er will einfach Rendite sehen. Rendite aber geht gemeinhin auf Kosten der Menschen. Wer die Wirtschaft in den Dienst der Menschen stellen will, muss den Anlagemarkt zerschlagen. 

 

Wenn es der SP damit ernst wäre, dann wäre das wirklich cool. Gasche suffe!

 

Markus Ernst

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