«Fordern ist das Eine – machen muss man es dann doch selber»

Marianne de Mestral, Mit-Gründerin der SP 60+, ist als deren Co-Präsidentin zurückgetreten; auf sie folgt Christine Goll. Wie sie auf die Idee gekommen ist, die SP 60+ zu gründen, und was ihr als Co-Präsidentin besonders am Herzen lag, erklärt Marianne de Mestral im Gespräch mit Nicole Soland.

 

Wie kamen Sie auf die Idee, dass die SP nebst Juso und den SP Frauen auch eine Gruppe SP 60+ brauchten könnte?

Marianne de Mestral: Das hatte zwei Gründe: Erstens habe ich in meiner Sektion miterlebt, wie engagierte GenossInnen, die an jeder Sektionsversammlung teilgenommen hatten und im Gemeinderat gewesen waren, nach ihrem Rücktritt aus der Exekutive einfach ‹verschwunden› sind. Zweitens fragte mich Karl Aeschbach von der SP Kanton Zürich vor vielen Jahren an, ob ich bei der «Arbeitsgemeinschaft Alter» mitmachen möchte. Ich sträubte mich ein bisschen, denn damals war ich erst 60, also noch nicht alt (lacht).

 

Wie liessen Sie sich überzeugen?

Ich ging an ein paar Treffen der «Arbeitsgemeinschaft Alter»,  ihre Arbeit beeindruckte mich – und es brachte mich auf die Idee, dass so etwas doch auch gesamtschweizerisch funktionieren könnte. Also erzählte ich Hans-Jürg Fehr, damals Präsident der SP Schweiz davon, und er lud mich an eine Koordinationskonferenz ein, an der sich jeweils Kantons- und StadtparlamentarierInnen, VertreterInnen der einzelnen Organe und der SP Schweiz treffen. Dort konnte ich die «Arbeitsgemeinschaft Alter» und meine Idee für ein gesamtschweizerisches Pendant vorstellen, und die GenossInnen fanden meinen Vorschlag gut.

 

Wie ging es weiter?

Es passierte – nichts. Fordern ist das Eine , doch aktiv werden und machen muss man es dann doch selber. Per Zufall bekam ich mit, dass Genosse Rolf Müller-Fortunati aus Basel dieselbe Idee hatte und bereits herausgefunden hatte, in welchen Kantonen es schon Altersorganisationen der SP gab. Doch sie hatten ganz verschiedene Zielsetzungen: Die einen trafen sich zum Wandern oder zum Jassen, andere wie etwa die Gruppe um Helmut Hubacher organisierten politische Vorträge.  Aus diesen verschiedenen Organisationen haben wir eine Kerngruppe gebildet, haben unsere Vorstellungen geklärt und sind mit einem konkreten Konzept zur SP Schweiz.

 

Offensichtlich mit Erfolg…

2011 konnte ich unser Projekt schliesslich der Geschäftsleitung präsentieren, die dem Vorhaben zustimmte. Der damalige Generalsekretär Thomas Christen hat uns sehr geholfen und uns als Sekretärin Monika Bolliger zugeteilt, die ein 20-Prozent-Pensum für uns aufwenden konnte. Die definitive Umsetzung brauchte eine Statutenänderung der SP Schweiz. Im Dezember 2012 kam die nötige Zweidrittelsmehrheit an einer Delegiertenversammlung im ersten Anlauf zustande.  Kurz zuvor war die Analyse der Wahlen 2011 veröffentlicht worden. Diese zeigte unter anderem, dass die SeniorInnen am häufigsten SVP gewählt hatten… und dass die Altersgruppe 65+ die elektorale Schwäche der SP war. Das hat uns sicher geholfen.

 

Was wollten Sie mit der SP 60+ erreichen?

Wir wollten ältere GenossInnen aktivieren, sie bei der Stange halten – und ihnen vor allem ein Stück politische Heimat erhalten.  Viele hatten jahrelang in der Partei mitgearbeitet. Aber wir wollten mehr: Wir wollten uns nicht auf die Wahrnehmung von altersspezifischen Interessen beschränken, sondern auch solidarisch sein mit jüngeren Generationen. Wir wollten die Beteiligung von älteren Genossinnen und Genossen am gesellschaftlichen und politischen Geschehen und Ideen zur Alterspolitik in Partei und Gesellschaft tragen. Nach zwei Wochen hatten wir 256 Mitglieder, nach vier Wochen bereits 560: Offensichtlich war die Zeit reif für unser Vorhaben. Mit dem Tessiner Carlo Lepori, der mit mir zusammen das Co-Präsidium übernahm, war die Zusammenarbeit stets gut, wenn auch aufgrund der geographischen Distanz nicht ganz einfach.

 

Worauf blicken Sie heute, kurz nach Ihrem Rücktritt, gern zurück?

Heute hat die SP 60+ rund 2200 Mitglieder, wir interessieren uns längst nicht nur für  Altersthemen, sondern SP60+ nimmt zu politischen Themen Stellung zuhanden der SP Schweiz beziehungsweise zuhanden kantonaler, regionaler oder lokaler Parteistrukturen und trägt zur politischen Willensbildung innerhalb und ausserhalb der Partei bei. Mein Highlight ist aber, dass wir ein etabliertes Organ der SP Schweiz geworden sind, das in deren Statuten verankert ist. SP60+ ist fast flächendeckend geworden und hat derzeit Delegierte aus 17 Kantonen. Ich konnte deshalb am 17. November einen gut laufenden Betrieb an meine Nachfolgerin übergeben, und das zum Zeitpunkt, der für mich stimmt.

 

Gibt es trotzdem etwas, was Sie gern noch erreicht hätten?

Ich bin froh, dass mit Christine Goll eine Persönlichkeit übernimmt, der es sicher gelingt, die SP 60+ sowohl parteiintern wie auch in einer breiten Öffentlichkeit noch bekannter zu machen. Denn mir ist es nach wie vor wichtig, dass dank der SP 60+ möglichst nichts mehr über die Köpfe der Alten hinweg entschieden wird, sondern dass sie immer einbezogen werden. Dennoch waren wir, und das ist mir wichtig, nie bloss ein «verlängerter Arm» der Partei, sondern entwickelten auch eigene Positionen und Visionen. Ein aktuelles Beispiel sind 4000 Franken Rente für alle: Immerhin ist die existenzsichernde Altersvorsorge in der Bundesverfassung verankert. Doch mit solchen Ideen ecken wir bei der SP Schweiz teilweise immer noch an.

 

Heisst das, dass die Alten innerhalb der SP mit ähnlichen Schwierigkeiten konfrontiert sind wie die Jungen?

Nicht ganz: Propagieren die Juso utopische Ideen, heisst es jeweils, ihre Vorschläge seien zwar «überrissen», aber auch «originell». Wenn wir ähnlich utopisch unterwegs sind, lauten die Kommentare eher, wir seien «chli bireweich»… Dabei sollten wir als SeniorInnen doch die grössere Narrenfreiheit geniessen! Wir sollten noch viel mehr als linke VisionärInnen akzeptiert sein. Auch dann dürfte es zwar eher illusorisch sein, über 80-Jährige noch neu in die SP holen zu wollen. Aber wenn es nur schon gelingt, ältere Menschen soweit von unseren Ideen zu überzeugen, dass sie an den Wahl- und Abstimmungssonntagen nicht einfach zuhause bleiben, sondern den Stimmzettel in unserem Sinne ausfüllen, bin ich zufrieden.

 

Hier geht es zum Interview mit Christine Goll.

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