Falsche Widersprüche

1985 erfand die Comic-Zeichnerin Alison Bechdel in ihrem Comic «Dykes to watch out for» (Bemerkenswerte Lesben) einen ganz einfachen Test: «Ich gehe nur noch in Filme, die drei Kriterien erfüllen», sagte dort die eine Frau zur anderen. «Erstens, mindestens zwei Figuren im Film sind weiblich, zweitens sprechen sie mindestens einmal miteinander, und drittens über ein anderes Thema als Männer». Interessant, fand dann die andere Frau, aber ein bisschen streng. Tatsächlich, antwortete die andere: «Der letzte Film, den ich sehen konnte, war ‹Alien› ».

 

Auch heute noch besteht eine grosse Anzahl der Filme diesen doch recht einfachen Test nicht. 2014 waren in den 100 umsatzstärksten Filmen nur 12 Prozent der Protagonisten weiblich. Der Bechdel-Test ist kein Qualitätssiegel. Aber er sagt ein wenig etwas aus über die Rolle von Frauen in der Öffentlichkeit.

 

Die Frauenzeitschrift ‹Elle UK› veröffentlichte eine Reihe von Fotos berühmter Situationen, in denen man die Männer wegretuschiert. Und plötzlich ist Emma Watson alleine in der UNO, Hillary Clinton ganz alleine im ‹Situation Room›, genauso wie Angela Merkel bei einem internationalen Treffen. Das britische Unterhaus ist plötzlich sehr entleert.

 

Es hat wenig Frauen an der Spitze  – ob fiktiv oder real. Das macht es schwieriger, Vorbilder zu finden. Als ich ein Kind war, gab es in der Politik bloss Margaret Thatcher und Benazir Bhutto. Und Elisabeth Kopp. Aber das ist ja bekanntlich nicht glücklich ausgegangen. In der Wirtschaft sah es nicht besser aus. In Büchern und Filmen aber auch nicht: Und wenn es dann mal eine Heldin gab, dann war es oft eine, die sich als Mann ausgab oder wie ein Mann verhielt. George aus ‹Fünf Freunde› zum Beispiel. Das zweite Problem: Die wenigen Frauen, die es an die Spitze schaffen, sind immer auch ein wenig ausgestellt. Und wenn sie Fehler machen, dann machen sie es immer stellvertretend für das ganze Geschlecht. Abgewandelt dazu heisst es dann: Ich fände es ja gut, wenn es endlich einmal eine Frau wäre, aber nicht diese. Weil diese ist halt irgendwie nicht so gut. Beides gilt auch heute noch.

 

Millionen demonstrierten am vergangenen Samstag beim Women‘s March weltweit. Sie demonstrierten für Frauenrechte, für zahlbare Gesundheitsleistungen, für Menschenrechte, für Gerechtigkeit für alle. Und gegen Donald Trump.  Es war eine bunte Koalition, die da marschierte. Jung und alt, weiss und schwarz, Frauen und Männer. Es sprachen Hollywood-Stars wie Ashley Judd und Scarlett Johansson, genauso wie feministische Ikonen wie Gloria Steinem und Angela Davis. CNN diskutierte über den Women’s March mit einem Panel mit acht Männern und einer Frau. Leider passend.

 

Im Nachzug zur US-Wahl flammte eine alte Debatte wieder auf: Mark Lilla, amerikanischer Politikwissenschaftler, schrieb einen kontroversen Essay in der ‹New York Times›. Dort schrieb er, die liberale Identitätspolitik sei am Ende. Die Gesellschaft werde zwar immer vielfältiger, aber das dürfe nicht der Dreh- und Angelpunkt der Politik sein. Die eigene Identität, das eigene Schicksal sollte nicht im Zentrum stehen, denn das sei trennend und nicht vereinend.  Slavoj Žizek kritisiert dies schon seit Jahren. Universalismus sollte im Zentrum stehen und nicht «die spezifischen Probleme jeder Gruppe und jeder Subgruppe, nicht nur Homosexuelle, sondern afroamerikanische Lesben, afroamerikanische lesbische Mütter, afroamerikanische arbeitslose alleinerziehende lesbische Mütter». Auch der zurückgetretene AL-Gemeinderat Niggi Scherr kritisierte in seinem Porträt in der  WOZ die Befindlichkeitspolitik eines Teils der Linken: «Die institutionalisierte Linke hingegen nimmt die eigene mittelständische Befindlichkeit als das A und O. Wenn es meinem Milieu gut geht, dann ist die Welt in Ordnung. Dann braucht es nur noch genug vegane Restaurants und ein bisschen weniger Racial Profiling, damit ich mich moralisch gut fühle – aber dass die Apothekenhelferin am Helvetiaplatz 3800 Franken verdient ohne 13. Monatslohn, das kratzt mich nicht weiter».

 

Die Argumentation ist nicht unberechtigt: Die Identitätspolitik kann als Selbstmarginalisierung auch eine Sackgasse sein. Aber: Es hat ein wenig ein Geschmäckle, wenn ein weisser Universitätsprofessor afroamerikanische alleinerziehende lesbische Mütter zur Lieblingszielscheibe seines Spottes macht. Und: Warum soll es einen Widerspruch geben zwischen dem Kampf gegen Racial Profiling und dem für gerechte Löhne?  Warum sollte das ein entweder- oder sein? Es sind weder die Cüpli-SozialistInnen noch die schwarzen Lesben, die sich gegen eine gerechtere Verteilung des Wohlstands stellen.

 

Das Ende der Identitätspolitik fordern in der Regel weisse Männer, schreibt Patrizia Purtschert in einem Artikel auf dem Blog ‹Geschichte der Gegenwart›.  Der Autor Ta-Nehisi Coates spottete denn auch, die Probleme weisser Männer seien immer ökonomisch relevant, während alle anderen einfach ihre Gefühle diskutieren wollen.  Sie propagieren den Universalismus der Gleichheitsidee und vergessen dabei, dass gerade die Definition der Gleichheit seit dem 18. Jahrhundert hart umkämpft wird.  Wer gehört zu den Gleichen? Die Frauen, die Juden, die Nicht-Sesshaften und weitere gehörten nicht immer dazu.  Und dieser Kampf um die Gleichheit kann eben nicht geführt werden, ohne dass diese Differenz angesprochen wird.

 

Der Women’s March war eine klassische Demonstration der Identitätspolitik. Aber der Protest steht nicht im Widerspruch zu einer Politik, die mehr Gerechtigkeit für alle bringt. Aber ein Protest reicht selten aus. Der Soziologe Michael Hartmann meinte (in anderem Zusammenhang) in einem Interview mit der WOZ: «Demonstrationen allein zeitigen nur begrenzte Effekte. (…) Ich kann mich noch daran erinnern, wie wir nach dem Nato-Doppelbeschluss 1981 mit über 300 000 Leuten im Bonner Hofgarten standen. Das war eine so riesige Zahl, dass wir alle dachten: Das muss etwas bewirken! Nur um dann festzustellen, dass das nicht der Fall war. Das wirkt zweifellos desillusionierend.» Es brauche eben doch dauerhaft organisierte Strukturen wie Parteien oder Gewerkschaften. Nur diese könnten eine gewisse Kontinuität garantieren.» Protestieren ist ein grosser erster Schritt. Aber es bleibt noch viel zu tun.Und zwar universell, gemeinsam.

 

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