Der bessere Mensch

Es ist so, dass ich kürzlich beim Abwaschen, mit den Händen tief im lauwarmen Spülwasser, Zeugin eines bemerkenswerten, weil beunruhigenden Ereignis wurde. Simonetta Sommaruga erläuterte im Radio die Abstimmungsempfehlung des Bundesrates zur Vorlage der erleichterten Einbürgerung für Ausländerinnen und Ausländer der dritten Generation. Sie warb für ein Ja und es gefiel mir nicht, wie sie es tat.

 

Liebe Mitbürgerin und lieber Mitbürger, sagte Simonetta Sommaruga, es geht um junge Menschen, deren Grosseltern schon in der Schweiz gelebt haben, mehrheitlich Italiener, die damals mithalfen, unser Land aufzubauen. Alle diese jungen Menschen, die sich erleichtert einbürgern lassen könnten, erhalten damit freilich nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. Sie können abstimmen und sie müssen auch Militärdienst leisten. Sie müssen sich an unsere Rechtsordnung halten, unsere Werte respektieren und auch die Grundrechte, wie beispielsweise die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Niemand, der einen Eintrag im Strafregister hat oder von Sozialhilfe abhängig ist, wird eingebürgert. Liebe Mitbürgerin und lieber Mitbürger, nur der noch fehlende rote Pass unterscheidet diese Menschen von anderen jungen Schweizerinnen und Schweizern.

 

Nun, das stimmt gerade nicht. Erstens gibt es «die jungen Schweizerinnen und Schweizer» als homogene Gruppe nicht, das zu behaupten ist die Erzählung der Rechten, die so tut, als gäbe es diese urschweizerischen, mittels Blut weitergegebenen, ausschliesslich eidgenössischen Eigenschaften. Und es stimmt zweitens schon gar nicht, dass nur der rote Pass diese jungen Ausländerinnen von Schweizern unterscheidet. Es gibt da eine manifeste Ungleichbehandlung in Form von Anforderungen, die die einen erfüllen müssen, die anderen aber nicht. Eine Ungleichbehandlung, die auch von überzeugten Rechtsstaatlerinnen getragen wird, nur um «dem Schweizer », wenn ich ihn denn auch einmal bemühen darf, die Angst zu nehmen vor dem Fremden.  Jene mit rotem Pass dürfen abstimmen, sie können aber gegen geltendes Recht verstossen (und tun es auch immer wieder). Sie können unsere Werte mit Füssen treten (und tun es immer wieder). Sie können sich um Grundrechte foutieren. Sie können scheitern und Sozialhilfe beziehen. Sie haben die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Verfassung, aber noch lange nicht in den Köpfen.

 

So sieht es aus. Und während ich beim Abwaschen unter Wasser das Rüstmesser ein wenig fester packte, dachte ich, dass es jetzt Zeit ist zu sagen, wie es ist.

 

Liebe Mitbürgerin, lieber Mitbürger, wenn dein Stolz einzig von der Exklusivität deines Passes abhängt, ist es traurig. Aber wir sollten deswegen nicht anfangen, dein angeschlagenes Selbstwertgefühl zu therapieren, indem wir von Ausländerinnen und Ausländern verlangen, bessere Menschen zu sein als du es bist, nur um die gleichen Rechte zu haben, die dir zugeflogen sind. Wir sind es wahnsinnig leid, dir sagen zu müssen, dass es ganz junge, ganz wenige, ganz italienische, ganz angepasste Junge sind, vom Grosi und Grosspapi dazu erzogen, ja keine Lämpen zu machen, die, wenn sie doch daneben treten, garantiert und mit voller Staatsgewalt des Landes verwiesen werden.

 

Liebe Mitbürgerin, lieber Mitbürger, es kommen Menschen und sie sind manchmal besser als du, manchmal nicht. Es kommen Menschen, und sie werden bleiben. Gewöhn dich dran.

 

 

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