«Etwas zu meiner Stadt beizutragen, war meine Hauptmotivation»

Bis vor kurzem war sie die höchste Zürcherin, am Mittwoch nahm Helen Glaser (SP) zum letzten Mal an der Gemeinderatssitzung teil. Auf gut elf Jahre im Rat blickt sie im Gespräch mit Nicole Soland zurück.

 

Was hat Sie seinerzeit dazu bewogen, in der Politik aktiv zu werden?

Helen Glaser: Als Christoph Blocher 2003 in den Bundesrat gewählt wurde, hat mir das sehr zu denken gegeben. Für mich ging es politisch in die falsche Richtung, und so überlegte ich, was ich beitragen könnte, um das zu ändern. Rund zwei Jahre später trat ich dann der SP bei.

 

Davor waren Sie nicht parteipolitisch unterwegs?

Nein, politisch jedoch schon: Ich engagierte mich viele Jahre lang im Berufsverband der Dolmetscherinnen und Übersetzer, arbeite bei den zentralen Sprachdiensten der Bundeskanzlei. Unser Team revidiert namentlich Gesetzestexte im Hinblick darauf, dass sie auch für Laien möglichst gut lesbar und verständlich formuliert sind.

 

Bei der SP müssen Sie ebenfalls von Anfang an stark engagiert gewesen sein – oder rasch Karriere gemacht haben.

Also eigentlich hatte ich mir gedacht, es nach all den Jahren im Berufsverband etwas ruhiger anzugehen … Doch in der SP Kreis 7 kam ich tatsächlich relativ schnell in den Vorstand und wurde nach einigen Jahren Präsidentin. In dieser Zeit beschlossen wir die Fusion mit der SP Kreis 8, und zusammen mit deren Präsident Jean-Daniel Strub war ich massgeblich daran beteiligt, die beiden Kreisparteien zu einer zu vereinen. Ich amtete danach noch einige Jahre als Präsidentin der Kreispartei 7/8, bis ich im Gemeinderat anfing.

 

Sie wurden im ersten Anlauf direkt gewählt?

Unsere Kreispartei machte bei den Wahlen 2010 gleich viele Sitze wie vier Jahre zuvor, ich hätte also Pech gehabt – doch weil André Odermatt in den Stadtrat gewählt wurde, gab es dennoch einen zusätzlichen freien Sitz, den ich übernehmen konnte.

 

Sie hätten sicher noch eine Weile Präsidentin der SP 7/8 bleiben können: Weshalb wollten Sie Gemeinderätin werden?

Das hatte verschiedene Gründe: Ich komme zwar nicht aus einer Familie, die im engeren Sinn politisch aktiv war, aber Politik hat mich stets interessiert. Selber hätte ich gern eine Familie gehabt, aber das hat sich nicht ergeben, und mit Mitte 40 war es zu spät dafür. Ich lebe sehr gern in Zürich, und statt mit eigenen Kindern zum Weiterbestehen unserer Gesellschaft beizutragen, wollte ich mich stattdessen für gute Rahmenbedingungen für die Menschen einsetzen, die in dieser Stadt leben. Wenn es mir dieser Einsatz ausserdem ermöglichen sollte, meinen Nichten und Neffen dereinst ebenso viele spanndende Geschichten erzählen zu können, wie meine Grossmutter mir erzählte, als ich klein war, umso besser! Etwas zu meiner Stadt beizutragen, war meine Hauptmotivation, mich für den Gemeinderat zur Verfügung zu stellen. Das habe ich mir jeweils auch in Erinnerung gerufen, wenn sich die Sitzungen in die Länge zogen und ich mir genauso gut hätte vorstellen können, in Ruhe ein Buch zu lesen oder wieder mal Salsa zu tanzen … (lacht).

 

Sie waren nicht nur im Büro des Gemeinderats tätig, sondern auch in der Spezialkommission Gesundheits- und Umweltdepartement sowie in der Spezialkommission Tiefbau- und Entsorgungsdepartement / Departement der Industriellen Betriebe: Das sind doch recht unterschiedliche Fachgebiete?

Weshalb ich gleich nach meiner Wahl in der Gesundheits- und Umweltkommission landete, weiss ich ehrlich gesagt nicht mehr. Es war jedenfalls keine einfache Sache, weil das Thema neu war für mich, doch ich arbeitete mich nach und nach ein. Bald einmal gab es dann die ersten Rücktritte und somit auch Neueintritte in unserer Fraktion. Jemand von den Neuen wollte gern in die Gesundheitskommission, während in der Kommission von Tiefbau und Industriellen Betrieben ein Sitz frei wurde. Also wechselte ich dorthin.

 

In dieser Kommission sind die Frauen meist in der Minderheit …

Das ist so, doch meine erste Stelle als Übersetzerin fand ich bei der Fehr Demag AG, die Hallenkräne für die Industrie produzierte. Später arbeitete ich 15 Jahre lang im Bundesamt für Verkehr, einen Teil davon als Übersetzerin. Technische Einrichtungen und grosse Infrastrukturbauten, Strom, Wasser, Schienen, all das war ich somit gewohnt. Zu Beginn war ich schwer davon beeindruckt, welch kluge Fragen meine Fraktionskollegin Mirella Wepf stellte, die damals schon länger in dieser Kommission war. Zusammen mit ihr und dem Grünen Bernhard Piller konnten wir das eine oder andere anreissen. Ich wurde schliesslich Vizepräsidentin und danach Präsidentin der Kommission. Es war spannend dort, ich wurde mutiger, und das hat sicher auch geholfen, meine Position im Rat zu stärken: Wer sich als Frau in einer technischen Kommission behaupten kann, der wird mehr zugetraut.

 

Welche Geschäfte fanden Sie speziell spannend?

Besonders gern erinnere ich mich an die vier Jahre zurück, als die Umwandlung des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich in eine öffentlich-rechtliche Anstalt zur Diskussion stand. Das scheiterte bekanntlich. Die Arbeit in der Kommission war wirklich spannend.

 

Es gab auch denkwürdige Gemeinderatssitzungen damals, etwa jene vom 25. Januar 2017: Ein Projekt, das vorsah, einen neuen Wärmeverbund für Altstetten und Höngg zu betreiben und diesen mit der bereits privatisierten Energie 360° AG zum neuen Konstrukt namens Limmat Energie AG zu vereinen, scheiterte in letzter Sekunde.

Ja, in jener Legislatur waren die Mehrheiten längst nicht so klar wie heute, und oft – auch an jenem Abend – spielte der Parteilose Mario Babini das Zünglein an der Waage. Das ist eine der Geschichten, die ich dereinst gern weitererzählen werde … Spannend war aber auch die Diskussion um den Ausstieg aus der Kernenergie. Umstritten war unter anderem der Zeitpunkt, auf den hin wir den Ausstieg fordern sollten. Ich hätte mir ein paar Jahre später vorstellen können, doch vor allem die Grünen sahen das anders, und ich liess mich überzeugen. Manchmal muss man extreme Forderungen stellen, damit sich etwas bewegt.

 

Departementsvorsteher war damals Andres Türler von der FDP. Mit einem linken Vorsteher wäre ihre Arbeit als Kommissionsmitglied und später -präsidentin wohl einfacher gewesen?

Schwer zu sagen, ich habe es ja nicht anders erlebt … Zu Stadtrat Türler persönlich hatte ich einen guten Draht. Trotzdem war es in der Kommission manchmal schwierig. Er goutierte es beispielsweise gar nicht, als wir uns mal ohne ihn mit dem Direktor des EWZ unterhielten – obwohl uns das keineswegs verboten war. Zudem war er nicht nur Departementsvorsteher und als solcher oberster Chef der Dienstabteilung EWZ, sondern auch noch Verwaltungsratspräsident der privatrechtlich organisierten Energie 360° AG. Diese beiden Hüte gleichzeitig zu tragen, fand ich – und nicht nur ich – problematisch.

 

Die Bürgerlichen hätten das Problem durch die Auslagerung des EWZ lösen wollen, doch die SP war Teil der Mehrheit, die das Ansinnen im Oktober 2016 im Rat ablehnte.

Hätten wir uns in der Kommission für eine Umwandlung in eine öffentlich-rechtliche Anstalt starkmachen wollen, hätten wir einen klaren Auftrag der Fraktion gebraucht. Den hatten wir nicht, und vor allem hätte die Basis das sicher anders gesehen … Zudem waren die Mehrheiten im Rat so knapp, dass wir nicht sicher sein konnten, schliesslich den Leistungsvertrag zwischen der Stadt und dem EWZ zu haben, den wir hätten haben wollen. Dennoch: Dass man angesichts einer sich verändernden Welt nicht immer umhin kommt, von ideologischen Grundprinzipien abzuweichen, ist eine Tatsache. Heute gibt es einen teilliberalisierten Strommarkt, und das EWZ muss zum Teil handeln können, ohne erst den Gemeinderat fragen zu müssen. Aus diesem Grund reichten wir am Abend der Ablehnung der Auslagerung im Gemeinderat zusammen mit den Grünen und der AL Motionen für Rahmenkredite über je 200 Millionen Franken für erneuerbare Energien und für Energiedienstleistungen ein. Damit waren wir erfolgreich, und seither haben die Stimmberechtigten bereits mehrmals solche Rahmenkredite gutgeheissen. Das verschafft dem EWZ die nötige Flexibilität, und so kann es auch als Dienstabteilung gut geschäften. 

 

Zu privat für eine Dienstabteilung geschäftete der damalige Direktor von Entsorgung & Recycling Zürich…

Ich gehöre zu denen, die Urs Pauli lange die Stange gehalten haben: Seine Projekte tönten stets spannend. Er kam mit viel Schwung und Begeisterung in die Kommission, offensichtlich davon überzeugt, dass wir ihm umgehend alle seine Wünsche erfüllen würden. Fragte man nach, zeigte er sich hingegen klein und manchmal sogar fast unterwürfig. Er strebte keinerlei Privatisierung an – aber er sah sich selber als Privatunternehmer und wirtschaftete auch so. Das ging bekanntlich lange gut. In Sachen Transparenz, zu der ein Unternehmen der öffentlichen Hand verpflichtet ist, sah es allerdings schlecht aus, und wenn die Kosten eines Projekts nicht eingehalten werden konnten, befand er es nicht als nötig, beim Gemeinderat einen Zusatzkredit zu beantragen. Gerne hätte ich in der Parlamentarischen Untersuchungskommission mitgemacht, die den Fall Pauli aufarbeitete. Doch nach zwei Monaten musste ich einsehen, dass die Untersuchung länger dauern würde als ursprünglich geplant und dass mir nicht genügend Zeit bleiben würde, um mich auf das Ratspräsidium vorzubereiten.

 

Sie haben die Arbeit in der Spezialkommission Tiefbau- und Entsorgungsdepartement / Departement der Industriellen Betriebe offensichtlich gern gemacht.

Die Arbeit in der Kommission war ein Highlight meiner Zeit im Rat: Wir machten einen wichtigen Job, und vor allem hatten wir auch Einfluss und konnten etwas bewirken. Selber lernte ich viel, und mit der Zeit hörte ich ab und zu, dass meine Fraktionsgspänli froh waren, dass ich mich um all die technischen Dinge kümmerte und sie sich mit ihren Fragen zu diesen Themen an mich wenden konnten.

 

Als Ratspräsidentin während des Corona-Jahres dürften Sie ein weiteres spezielles Erlebnis verbuchen können, über das es sicher viel zu erzählen gibt.

Ja, das war sehr speziell. Einerseits bin ich froh, dass ich mir im Voraus noch kaum Kleider für all die festlichen Anlässe gekauft hatte, an denen ich sonst teilgenommen hätte … (lacht). Andererseits hätte ich während eines ‹normalen› Präsidiumsjahrs nie so viel Zeit gehabt, um an der Totalrevision sowohl der Gemeindeordnung als auch der Geschäftsordnung des Gemeinderats mitzuarbeiten. Hier konnte ich, natürlich stets in Absprache und Zusammenarbeit mit dem Präsidenten der Redaktionskommission, Mark Richli, auch inhaltlich meinen Beitrag leisten. Oft fragte ich nach, warum etwas genau so formuliert war und nicht anders, und erhielt regelmässig die Antwort, es habe schon in der alten Fassung so gestanden … Dann setzte ich mich, wenn möglich, dafür ein, dass wir die entsprechende Passage moderner und zeitgemässer formulierten.

 

Und dem Büro dürfte es gelegen gekommen sein, dass sich mit Ihnen jemand vom Fach der Sache annahm.

Einige Mitglieder habe ich damit sicher auch genervt – das drückte sich dann in Kommentaren aus wie: «Haben wir wieder mal Fragestunde?» Das fand ich mässig nett … Die Gemeindeordnung ist immerhin die Verfassung unserer Stadt, da darf, ja muss man es schon genau nehmen, finde ich. Vieles in meinem Präsidialjahr war sehr ernst und organisatorischer Natur. Es ging zum Beispiel darum, was man wegen Corona als Gemeinde darf und was nicht – und mitunter ging es auch darum, sich zu wehren, wenn der Kantonsrat vorpreschte wie beispielsweise bei der Halle 9, in der das Stadtparlament zurzeit tagt: Anders als das Rathaus gehört die Halle der Stadt und so hätte ich mir gewünscht, zusammen zu planen und zu entscheiden. Die Sitzordnung in der Halle 9 etwa finde ich alles andere als optimal. Leider gelang es uns nur punktuell, unsere Sicht der Dinge durchzubringen. Auch sonst war die letzte Zeit schwierig, nicht zuletzt, weil man sich Corona-bedingt kaum treffen konnte: Kommissions- und Fraktionssitzungen via Videoschaltung sind nun mal nicht dasselbe wie Begegnungen in ‹echt›.

 

Deswegen treten Sie aber nicht zurück?

Nein, ich konnte per 1. Juli einen frei gewordenen Sitz als Ersatzmitglied des Zürcher Bezirksrats übernehmen, ein Amt, auf das ich mich sehr freue. Als Gemeinderätin sicher zurücktreten müsste ich, wenn ich als reguläres Mitglied in den Bezirksrat gewählt worden wäre, doch auch als Ersatzmitglied finde ich es besser, die Kompatibilität der beiden Ämter nicht auszureizen. Ich trete mit dem Gefühl zurück, dass es eine tolle Zeit war, und dass ich sehr gern Mitglied des Stadtparlaments war. Mit Ivo Bieri rückt ein junger, engagierter Mann für mich nach. So oder so mache ich mir keine Sorgen, dass es mir langweilig werden oder ich keinen Ort mehr finden könnte, um mich politisch zu engagieren. Und als nächstes freue ich mich auf verlängerte Ferien: Ab September wandern mein Freund und ich vom Genfersee ans Mittelmeer.

 

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