Ein Zigeuner-Kultur- Zentrum, zwei Jubiläen

Seit 30 Jahren gibt es die Genossenschaft fahrendes Zigeuner-Kultur-Zentrum, seit 20 Jahren die Zigeuner-Kulturtage in Zürich. Was die Fahrenden damit bezwecken, erklärt Genossenschaftspräsidentin Maria Mehr im Gespräch mit P.S.

 

Mitten im Zürcher Ausgehviertel, auf dem Schütze-Areal beim Escher-Wyss-Platz, finden die Zigeuner-Kulturtage seit 20 Jahren jeweils vor den Sommerferien statt: Wie sind sie eigentlich entstanden?

Maria Mehr: Solche Kulturtage gab es bereits vor mehr als 20 Jahren; ich habe damit angefangen, allerdings im kleinen Rahmen – eine Band organisiert, für Essen und Trinken gesorgt, mehr nicht. Heute finden auf verschiedenen Plätzen in mehreren Städten in der Deutschschweiz von Frühling bis Herbst Kulturtage statt.

 

Warum wird dann erst jetzt der 20. Geburtstag gefeiert?

Nachdem die Kulturtage im kleinen Kreis ein paarmal stattgefunden hatten, lernte ich Katharina Prelicz-Huber kennen, die heute für die Grünen im Zürcher Gemeinderat ist. Ich erzählte ihr und dem freien Journalisten Willi Wottreng, der damals auch dabei war, von unserem fahrenden Kultur-Zentrum und von den Kulturtagen. Sie waren begeistert, und Katharina fand, diese Kulturtage sollte man in Zürich doch etwas grösser aufziehen und einem breiteren Publikum zugänglich machen. So entstanden die Zigeuner-Kulturtage in der heutigen Form, wie sie dieses Jahr zum 20. Mal stattfinden; organisiert werden sie vom eigens gegründeten Verein Zigeunerkulturwoche Zürich, dessen Präsidentin ich bin.

 

Und die Genossenschaft fahrendes Zigeuner-Kultur-Zentrum feiert tatsächlich den 30. Geburtstag – oder ist sie auch noch ein bisschen älter?

Nein, die haben wir 1985 in Aarau gegründet, auf dem Chilbiplatz im Schachen.

 

Welche Ziele verfolgt die Genossenschaft?

In den 1980-ern begegnete man uns Jenischen, aber auch den Sinti und den wenigen Roma, die damals schon hierzulande reisten, mit vielen Vorurteilen. Dagegen wollten wir etwas unternehmen. Wir hatten zudem kaum Plätze zur Verfügung, weder Durchgangsplätze noch Standplätze für den Winter. Unser Leben fühlte sich an wie ein ständiges Versteckspiel; aufgrund der vielen Vorurteile wollten wir nicht an die grosse Glocke hängen, wer wir sind und wie wir leben, aber dadurch lernten uns die Sesshaften natürlich weder besser kennen, noch konnten sie ihre Vorurteile abbauen. Dagegen wollte ich etwas unternehmen, und so entstand die Genossenschaft. Hier in Zürich wurden wir übrigens damals schon gut empfangen, und nächstes Jahr können wir 30 Jahre Schütze-Areal feiern.

 

Da wird das Jubiläum wohl gleichzeitig zur Abschlussfeier? Auf das Schütze-Areal kommt bald ein Schulhaus zu stehen.

Wir hoffen zwar, dass wir nächstes Jahr noch aufs Schütze-Areal können, aber sicher ist es nicht. Die Verhandlungen mit der Stadt wegen eines neuen Platzes laufen noch; auch hierbei hilft uns Katharina Prelicz-Huber. Eventuell kann uns die Stadt künftig zwei Plätze anbieten, die wir während je sieben Wochen nutzen dürfen: Einen fürs Durchführen der Zigeunerkulturtage und einen für ein Besucherzentrum.

 

Ein solches gibt es doch schon, bei der Radgenossenschaft an der Hermetschloostrasse.

Aber das ist in einem Haus! Das ist etwas völlig anderes. Hier geht es um ein Besucherzentrum in unserer eigenen Umgebung, also auf einem Platz, den wir für eine begrenzte Dauer mieten und wo wir unser grosses Zelt aufstellen und die Fotoausstellung installieren können.

 

Die Arbeit der Genossenschaft in den letzten 30 Jahren hat demnach so gut funktioniert, dass die Fahrenden heute selbstbewusst darauf pochen, ihre Kultur ohne Abstriche leben zu dürfen?

Dass wir unsere Kinder wieder selbst grossziehen können, hat schon sehr viel gebracht. Heute haben die Kinder, die bei ihren reisenden Eltern aufwuchsen, selbst erwachsene Kinder – und die wollen wieder fahren. Entsprechend voll sind die Plätze, ob Durchgangs- oder Standplätze. Die Jungen sind, wie wir früher, im Sommerhalbjahr unterwegs und im Winter auf einem Standplatz, damit die Kinder zur Schule gehen können. Die Älteren oder diejenigen, die krank sind, bleiben ganzjährig auf den Standplätzen, wo immer jemand zu ihnen schauen kann. So müssen sie nicht in ein Heim.

 

Sie selber möchten das auch nicht?

Nein, auf keinen Fall! Ich bin im Wohnwagen geboren und kann mir auch heute, mit über 70, nicht vorstellen, in ein Heim zu gehen. Solange ich gesund und klar im Kopf bin, sehe ich keinen Grund, anders zu leben – auch wenn vor bald fünf Jahren alles auf der Kippe stand.

 

Weshalb?

Damals starb mein Mann, und ich dachte, ich müsste alles aufgeben. Ich kann ja nicht alles allein organisieren, das geht einfach nicht. Doch dann sind die Jungen zu mir gekommen und haben gesagt, «wir wollen das Kulturzentrum weiterführen, wir helfen dir».

 

Das hat offensichtlich funktioniert.

Es landet zwar immer noch recht viel ‹Büez› bei mir, einfach, weil die Jungen finden, «du kannst es noch besser als wir»… Aber ich habe etwas zu tun und werde gebraucht; das ist das Schönste. Und es hält mich erst noch jung: Was will man mehr?

 

Wer das Programm der Zigeunerkulturtage anschaut (siehe Kasten), entdeckt dieselben Elemente wie immer: Wollten Sie zum Jubiläum nicht etwas Spezielles machen?

Nein, warum auch? Irgend etwas Verrücktes anreissen, das vielleicht niemand sehen will – das wäre weder vernünftig, noch könnten wir es uns leisten. Die Leute, die vorbeikommen, wollen die Podiumsdiskussion oder eine Band hören, sie wollen etwas essen und trinken und mit Bekannten reden, und das können sie auch dieses Jahr. Und für uns wird es garantiert so spannend wie in früheren Jahren.

 

Inwiefern?

Ich habe an den Zigeunerkulturtagen schon viele Menschen kennengelernt, gerade auch solche, die uns seither unterstützt haben wie etwa Katharina Prelicz-Huber. Das ist ein grosses Privileg. Wenn man von Platz zu Platz zieht und seiner Arbeit nachgeht, sieht man zwar auch viele Leute. Doch hier auf dem Schütze-Areal kommen Lehrerinnen, Professoren, ‹hohe Tiere› vorbei, und als Präsidentin der Genossenschaft und des Vereins Zigeunerkulturtage werde ich zudem an Orte eingeladen, an die ich sonst nie käme. Auch Schulklassen führe ich immer wieder übers Schütze-Areal; das Interesse ist stets gross, und die Kinder stellen haufenweise Fragen.

 

Zum Beispiel?

Meist will einer wissen, ob es stimmt, dass die Fahrenden stehlen und einbrechen… Ich frage jeweils zurück, ob es denn bei den Sesshaften keine schwarzen Schafe gebe? Oft werde ich auch gefragt, von was wir denn lebten und warum wir so grosse Autos hätten.

 

Und?

Mein Mann und ich lebten 50 Jahre lang vom Messer und Scheren schleifen; dafür zogen wir von Haus zu Haus. Daneben trieben wir Handel mit allerhand Waren: Mal verkauften wir Teppiche, mal ein gebrauchtes Auto oder einen Anhänger. Ich habe zudem unsere vier Pferde gepflegt, die wir stets dabei hatten; bis 2006, als sie altershalber nicht mehr mitmochten, waren sie unsere treuen Begleiter auf der Reise wie auch an den Kulturtagen. Viele Mädchen haben auf ihnen reiten gelernt; viele kamen regelmässig vorbei oder verbrachten drei, vier Ferienwochen bei uns und den Pferden.

 

Womit die Frage der SchülerInnen nach dem grossen Auto auch beantwortet wäre…

Ja, wobei ich jeweils noch darauf hinweise, dass einem unsere Wohnwagen logischerweise gross erscheinen, wenn man sie mit jenen vergleicht, welche die Sesshaften für die Ferien benützen. Lebt man jedoch das ganze Jahr hindurch darin, relativiert sich die Grösse automatisch. Überrascht sind die SchülerInnen jeweils auch, wenn ich ihnen erzähle, dass unsere Männer Militär machen wie alle andern, dass wir angemeldet sind und Steuern zahlen wie alle andern, dass wir Platzmiete und Wassergebühren und Abfallgebühren zahlen und so weiter.

 

Die Genossenschaft will seit 30 Jahren Vorurteile abbauen – aber einige scheinen unausrottbar zu sein.

Gewissen Vorurteilen kommt man auch in 50 Jahren nicht bei; das ist leider so. Doch generell sind wir heute viel sichtbarer als noch in den 1980er-Jahren. Insofern ist die Genossenschaft durchaus erfolgreich.

 

Die Diskussionen um und die Entschädigungen für die «Kinder der Landstrasse» sowie jüngst für die Verdingkinder haben wohl auch dazu beigetragen, dass die Sesshaften mehr über die Fahrenden wissen.

Es gab mal eine «Wiedergutmachungsaktion», doch nach welchen Kriterien die genau erfolgte, weiss ich auch nicht: Ich galt als «Randbetroffene», weil ich nicht im Heim aufwachsen musste – ich wurde ‹nur› von meinen Geschwistern getrennt und bekam dafür 2000 Franken Wiedergutmachung. Andere sollen auch 7000 Franken bekommen haben, aber wie das im Detail funktionierte, hat mir weder jemand erklären können, noch hat es mich sonderlich interessiert: Mit Geld wiedergutmachen kann man es sowieso nicht.

 

Schlagzeilen machte vor ein paar Monaten auch die Radgenossenschaft, allerdings negative: Was war da genau los?

Die Geschichte ist kompliziert; ich habe mich nicht speziell damit befasst. Ein Teil des Geldes, das die Radgenossenschaft vom Bund bekommt, sollte eigentlich den Zigeunerkulturtagen zugute kommen, doch das hat schon vor dem jüngsten Wirbel um angeblich verschwundene Beträge nicht funktioniert, weil es einfach nicht für alles reicht. Wir versuchen nun, vom Bund einen Beitrag direkt an die Kulturtage zu bekommen.

 

Sind diese denn ein Verlustgeschäft?

Normalerweise kommen wir dank unseren Sponsoren und unseren freiwilligen HelferInnen gerade so heraus. Letztes Jahr allerdings machten wir nur etwa die Hälfte des normalen Umsatzes, denn das Wetter war die ganze Zeit so schlecht, dass sich niemand aus dem Haus traute. Umgekehrt bleibt leider auch dann, wenn es normal läuft, nicht genug übrig, um beispielsweise die Umrandung unseres Festzelts zu erneuern, obwohl es nötig wäre – das Zelt haben wir auch schon seit 26 Jahren.

 

Da hätte sich zum Jubiläum doch eine spezielle Aktion angeboten, um Geld für diese Blachen zu sammeln?

Wir stellen jedes Jahr ein Spendenkässeli auf, doch es kommt einfach zu wenig zusammen: Die Festzeltumrandung würde etwa 8000 Franken kosten. Sobald etwas Geld kostet, wird es schwierig: Unsere HelferInnen sind zum Glück alle zufrieden damit, dass sie gratis essen und trinken dürfen. Sonst würde es nicht gehen.

 

Sie denken aber nicht etwa ans Aufhören?

Nein, warum auch? Unser Verein trifft sich regelmässig, wir verteilen die Arbeit – dieses Mal hat Katharina das Podium organisiert und ich die Musik –, für Essen und Trinken sorgt wie immer die Genossenschaft fahrendes Zigeuner-Kultur-Zentrum, und den BesucherInnen gefällts. Jetzt muss nur noch das Wetter mitspielen.

 

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Die Jubiläums-Zigeunerkulturtage finden vom 8. bis 12. Juli auf dem Schütze-Areal in Zürich statt. Zur Eröffnung am Mittwoch, 8. Juli startet das Kinderprogramm um 14 Uhr, und um 20 Uhr sprechen Stadtrat Filippo Leutenegger, die Präsidentin des fahrenden Zigeuner-Kultur-Zentrums Maria Mehr und Gemeinderätin Katharina Prelicz-Huber. Das traditionelle Podiumsgespräch geht dieses Mal am Donnerstag, 9. Juli um 19 Uhr über die Bühne. Unter dem Titel «Platzmangel – Stand der Umsetzung von Stand- und Durchgangsplätzen auf nationaler, kantonaler und kommunaler Ebene» diskutieren David Vitali vom Bundesamt für Kultur, Balthasar Thalmann von der kantonalen Baudirektion, Zigeuner-Kultur-Zentrums-Präsidentin Maria Mehr, Mike Gerzner, Präsident Bewegung Schweizer Reisende und Daniel Huber, Präsident Radgenossenschaft. Anschliessend spielt die osteuropäische Roma-Band Holub. Weitere Konzerte geben am Freitag Musique Simili und am Samstag Counousse. Am Freitag, 10. Juli von 19 bis 20 Uhr stehen zudem eine Ausstellung, eine Performance sowie Erzählungen zur Kultur der Jenischen auf dem Programm.Das Rahmenprogramm läuft von Anfang bis Mitte Juli: Jeweils ab 14 Uhr ist buntes Markttreiben und traditionelles Handwerk angesagt, Essen und Trinken gibt es ab 18 Uhr. www.zigeunerkultur.ch

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