Ein Schweizer Revolutionär, der mit seinem Leben bezahlte

Er war der Mann, der im Jahr 1917 den russischen Revolutionsführer Lenin im Zug durch Deutschland schmuggelte: der Schweizer Fritz Platten. Später musste er für seine hochfliegenden revolutionären Träume teuer bezahlen, 1942 wurde er in einem sowjetischen Lager erschossen.

 

 

Von Stefan Boss
 

 
Fritz Platten, ein Arbeiterkind aus St. Gallen, war ein begnadeter Redner, Arbeiterführer und ein Frauenheld. 1915 traf er in Zimmerwald an einer Sozialisten-Konferenz den späteren russischen Revolutionsführer Lenin. Diese Begegnung, aus der eine Freundschaft entstand, war schicksalshaft für den ehemaligen Schlosserlehrling. Platten stellte sich an dem konspirativen Treffen hinter Lenin, der die Weltrevolution anstrebte. Robert Grimm, der Berner Sozialdemokrat und Organisator der Konferenz, war Lenins und damit auch Plattens Gegenspieler.
 

 
Als Lenin sich in der Oktoberrevolution in Russland 1917 zum neuen Sowjetführer emporschwang, brachte dies Platten zunächst Ruhm und später eine Stellung im Präsidium der kommunistischen Internationalen Komintern in Moskau. Zwei Jahrzehnte später jedoch, als Stalin zu den grossen Säuberungen ansetzte, wurde er der Konterrevolution beschuldigt und schliesslich 1942 im Gulag erschossen. Er war wohl das prominenteste Schweizer Opfer des stalinschen Terrors. Wie konnte es dazu kommen?
 

 
Plattens grosse Stunde schlug 1917, als er für Lenin und seine rund 30 Kampfgenossen die Ausreise aus der Schweiz mit einem Bahnwaggon durch Deutschland organisierte. In St. Petersburg war in der Februarrevolution der Zar gestürzt worden, und Lenin wollte zurück in seine Heimat. Platten bewerkstelligte die heikle Mission allerdings nicht allein, wie oft kolportiert wird. Im Hintergrund hatte Robert Grimm mit den Deutschen verhandelt, welche den Zug mit rund 30 russischen Kommunisten ohne Grenzkon­trolle passieren liessen. Die Deutschen waren ein Kriegsgegner Russlands und setzten da­rauf, dass die Bolschewiki in Russland sich für eine Beendigung des Kriegs einsetzen. Am 9. April 1917, also vor 100 Jahren, fuhr der Zug in Zürich los, Platten, damals 33, war ebenfalls in dem Bahnwagen. «Ich, Fritz Platten, geleite unter meiner vollen Verantwortung und auf meine Gefahr den Waggon, der die politischen Emigranten und Flüchtlinge enthält, die durch Deutschland nach Russland zurückkehren wollen», steht auf einem Dokument, das in der Ausstellung «1917 Revolution – Russland und die Schweiz» im Landesmuseum Zürich zu sehen ist. Es sind auch Briefe ausgestellt, die Platten später aus dem sowjetischen Arbeitslager an eine Freundin schrieb.
 

 
Um die Weltrevolution zu erreichen, rechtfertigte Platten auch Gewalt. 1919 rief er am SP-Parteitag aus: «Was bedeuten schon 100 000 Tote im Namen des Proletariats, wenn damit ein jahrhundertelanges Glück der Proletarier geschaffen werden kann?» Die Revolution war zu einem Heilsversprechen geworden. Auf einem sowjetischen Propagandaplakat in der Ausstellung sieht man zwei Arbeiter, einer zeigt auf Sterne und Planeten und sagt: «Bald wird die ganze Welt uns gehören.»
 

 
1919 befand sich Platten auf dem Höhepunkt seiner Karriere, als er in Moskau Mitglied des Präsidiums der Kommunistischen Internationalen (Komintern) wurde. Ein Foto vom Gründungskongress zeigt ihn gleich neben Lenin. Die sogenannte dritte Internationale forderte von den Arbeiterparteien in aller Welt jedoch eine vollständige Unterwerfung unter ihre Richtlinien, dies führte zu einer Spaltung der Sozialdemokratie. In der Schweiz wie in vielen andern Staaten akzeptierten die Sozialdemokraten das Diktat Moskaus nicht. Deshalb spalteten sich die linken Kräfte ab und gründeten die Kommunistische Partei der Schweiz (KPS). Platten, der seit 1917 für die SP des Kantons Zürich im Nationalrat sass und 1918 Zürcher Arbeiter im Landesstreik anführte, war Begründer der neuen Partei.
 

 
In der KPS war Platten einer der Sekretäre, es kam jedoch bald zu Reibereien. Deshalb entschied er sich im Jahr 1923, ins revolutionäre Russland auszuwandern und zusammen mit rund hundert andern Schweizern landwirtschaftliche Genossenschaften aufzubauen. Die NZZ merkte damals zu Plattens Emigration lakonisch an: «Nachdem Russland der Schweiz schon viele gefährliche Agitatoren geschickt hat, wird man es nicht als unbillig empfinden, wenn es uns auch einmal einen solchen Umsturzapostel abnimmt.»
 

 
Eine der Genossenschaften war Nowa Lawa im Wolgagebiet. Das Projekt scheiterte jedoch. Platten selbst lebte vorwiegend in Moskau, wo er 1931 eine Anstellung am Internationalen Agrarinstitut fand und daneben Politökonomie unterrichtete. Als Lehrer wurde er von vielen seiner russischen Schülerinnen verehrt. Bei der Frage nach dem Beruf setzte er in einem Fragebogen stolz die Bezeichnung «Berufsrevolutionär» ein. Politisch verlor er in Moskau aber seinen Einfluss, weil er innerhalb der kommunistischen Partei Russlands für Grigori Sinow­jew und Karl Radek Partei ergriffen hatte, die er noch aus seiner Schweizer Zeit und der Überfahrt im Waggon mit Lenin kannte.
 

 
1936 setzte Stalin, der nach dem Tod Lenins 1924 nach und nach zum despotischen Alleinherrscher aufgestiegen war, in den ersten Moskauer Schauprozessen zum Schlag gegen alte Kampfgefährten wie Sinowjew und indirekt auch Trotzki an. Der Terror traf aber auch untergeordnete Parteikader, ausländische Kommunisten, Intellektuelle, Bauern und Soldaten. Einen Monat später begann ein Verfahren gegen Platten. Da nützte es nichts mehr, dass er in zwei an die Schweizer Arbeiter gerichteten Briefe das Urteil der Moskauer Schauprozesse «vorbehaltlos» billigte und für eine sofortige Vollstreckung der 16 Todesurteile plädierte. Wie der Schweizer Historiker Peter Huber in seinem Standardwerk «Stalins Schatten in die Schweiz» schreibt, dürfte Plattens Appell in den Briefen eher «taktischem Kalkül denn ehrlicher Überzeugung» entsprungen sein. Zwei Jahre später wurde Platten in Moskau von der berüchtigten Geheimpolizei NKWD verhaftet und 1939 schliesslich von einem Militärgericht zu vier Jahren Straflager verurteilt. Weder Verteidiger noch Zeugen waren in dem Verfahren dabei, wie Platten in einem Brief festhielt.
 

 
Auch im Gulag gab der Schweizer Berufsrevolutionär bis kurz vor seinem Ende die Hoffnung nicht auf. Wie viele andere Häftlinge glaubte er an ein Missverständnis untergeordneter NKWD-Organe, das durch die Führer der Partei bald aufgeklärt würde. So schrieb er in einem Brief an eine russische Freundin: «Am 13. März 1940 habe ich die Hälfte meiner Strafe verbüsst und werde dann an Genosse Stalin ein Gesuch um Verkürzung der Strafzeit stellen.» Er bekam aber nie eine Antwort auf seine Bitte, und zwei Jahre darauf führte ein Wärter ihn aus seiner Zelle und erschoss ihn. Die Hinrichtung erfolgte am 20. April 1942, ausgerechnet an Lenins Geburtstag. Auch Plattens dritte Ehefrau, die Schweizer Kommunistin Berta Zimmermann, war 1937 durch Stalins Schergen getötet worden.
 

 
Genaueres über Plattens Schicksal blieb lange im Dunkeln. Im Jahr 1948 zerriss der Ordnungsdienst der Partei der Arbeit (Nachfolgepartei der KPS) an einer Demo in Zürich zum 1. Mai ein Plakat, das dazu aufrief, Platten «aus den Kerkern Stalins» zu befreien. 1956 wurde Platten in der Sow­jetunion zwar vom neuen Parteichef Nikita Chruschtschow rehabilitiert. Es hiess aber, er sei in Haft an Herzversagen gestorben. Erst mit der Perestrojka in der Sowjetunion in den achtziger Jahren wurde klar, dass Platten erschossen worden war.
 

 
Sein Mitstreiter und langjähriger Gegenspieler innerhalb der Schweizer Sozialdemokratie, der gemässigte Robert Grimm, brachte es in der Schweiz zu Macht und Ansehen. Er wurde 1938 Berner Regierungsrat und 1946 gar Nationalratspräsident. Platten dagegen musste für seine radikalen revolutionären Träume mit seinem Leben bezahlen und ging in der Schweiz weitgehend vergessen. Für die Bürgerlichen galt er als Kommunist, für die Kommunisten als Verräter, wie es ein Urenkel von Fritz Platten in einem sehenswerten Dok-Film von SRF 2014 formulierte (siehe www.srf.ch/sendungen/dok/der-rote-fritz-auf-spurensuche-in-revolutionaerer-zeit).

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