Ein neues Medium

«Nach der Natur» versammelt Originale aus rund sechzig privaten und öffentlichen Sammlungen aus den Anfangsjahren der Fotografie in der Schweiz. Was daraus alles ablesbar wird, ist Technik-, Gesellschafts- und Kunstgeschichte in einem. Eine Reise durch die Zeit.

 

Die grossartige Kooperation der Fotostiftung Schweiz mit dem MASI Lugano und Photo Elysée Lausanne bespielt gleich beide Ausstellungssäle an der Grüzenstrasse 45 in Winterthur. Die KuratorInnen Martin Gasser und Sylvie Henguely haben sich für eine Gliederung der Präsentation in sieben Kapitel entschieden, wobei sich selbstständig auch Parallelen, Querverweise und Entwicklungen über diese Einordnung hinaus herstellen lassen. Die Ausstellung «Nach der Natur» ermöglicht zig verschiedene Zugänge, was sie für eine Vielzahl von Publikum interessant macht. Der Rundgang lässt sich mit dem Fokus auf die PionierInnen aus allen Landesteilen gewinnbringend abschreiten. Selbiges gilt für die Nachvollziehbarkeit der technischen Entwicklung, die bezüglich des Trägermediums und der Beschaffenheit der Unterlage für eine Vervielfältigung und deren mechanischen Methode rasante Fortschritte erzielte. Eine weitere Perspektive ermöglicht die Beobachtbarkeit der als Festzuhalten für Wert befundenen Sujets und der sich verändernde Verwendungszweck respektive die Absicht hinter einer bald auch massenhaften Reproduktion.

 

Miniaturen bis Surrealismus

Die im grossbürgerlichen Milieu verbreitete Vorliebe für Portraitminiaturen erfuhr mit der Erfindung der Fotografie eine Vereinfachung. Der Abzug, der Druck, die Belichtung konnte gut als realitätsnächste Vorlage für eine Kolorierung oder gar die regelrechte Übermalung dienen, was zeitgleich weniger malerisches Geschick wie auch einen geringeren Zeitaufwand für das Modellsitzen erforderte. Dem gegenüber befinden sich Gruppenportraits etwa der Führungsriege einer wichtigen Industriefirma in dieser Präsentation, die wirken, als wären sie bereits erste Vorboten für die bei den Surrealisten so beliebt werden sollenden Collagen. Vergleichsweise riesige Köpfe in sich zuei­nander perspektivisch sonderbar verhaltenden Anordnungen lassen die Vermutung zu, hierarchische Gesetzmässigkeiten hätten nicht bloss die Positionierung innerhalb der Gruppe, sondern auch die optisch herausragend wirkende Extrabetonung einer Nachbearbeitung bestimmt. Bereits im ersten Raum ist verblüffend, wie rasch sich die Fotografie von einer sehr kontrastarmen Ton-in-Ton-Umrisswiedergabe hin zu einer vergleichsweise dazu in den Graustufen bereits sehr diversen Abstufung entwickelt hatte, was auch eine Tiefenwirkung erst richtig ermöglichte. 

 

Unglücke bis Propaganda

Früh in der Ausstellung ist erkennbar, was – neben der honorigen Selbstbeweihräucherung von bessergestellten Gesellschaften – für Wert befunden wurde, festgehalten zu werden. Architektonische Meisterleistungen und Ingenieursgrosstaten wie Tunnels und Eisenbahnbrücken, Folgen von Naturkatastrophen wie auch die Verblüffung über die eindrücklichsten Naturwunder wie Wasserfälle, Kinds- und überhaupt -tode und ebenfalls vom Kunstgeschmack herkommend, die Aufnahme einer Landschaftsidylle zwecks schwelgerischer Ergötzung und natürlich religiöse Demonstrationen mit demselben Hintergrund und dem der Macht. Ein ungemein eindrückliches Zeugnis der neuen Möglichkeiten der Fotografie gibt eine Lithographie einen Tag nach dem grossen Brand von Glarus ab, worauf noch Rauchsäulen erkennbar sind. Die Möglichkeit des ‹sofort› als Weiterentwicklung einer Skizze bei zeitgleich wachsender Eindringlichkeit der Wirkung ist hier noch 160 Jahre später begreif- wie fühlbar. Das Fernsehbild von damals quasi. Nachdem für eine Reproduktion nicht mehr unbedingt der Umweg über den Stein für eine Lithographie oder andere Träger für eine Radierung benötigt wurden, hat sich rasch ein Zweckgedanke zum Interesse an der naturgetreuen Wiedergabe dazugesellt. Ansichtskarten mit herausragenden Schönheiten von Tourismusdestinationen, Visiten- oder Autogrammkarten beispielsweise von Gottfried Keller, Vorher-/Nachher-Beweisfotos für geglückte medizinische Operationen, aber auch systematische Anordnung von Fahndungsbildern, die Erinnerungen an die RAF-Plakate auf jeder Poststelle in den 1970er-Jahren wecken. Mit zunehmender Reisetätigkeit und der damit einhergehenden Begeisterung für Exotik öffnet sich auch der inhaltliche Fächer in Richtung der heute bekannten Zweischneidigkeit dieser Fokussierung auf das Faszinosum einer äusserlich feststellbaren Andersartigkeit. Kurzum: Eine Ausstellung so reich an möglichen Entdeckungen wie ein Füllhorn.

 

«Nach der Natur. Schweizer Fotografie im 19. Jahr­hundert», bis 30.1.22, Fotostiftung Schweiz, Winterthur. Katalogvernissage am 5.12., ebenda.

 

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