Die dicke Diva

François Ozon dreht die Perspektive von Rosa von Praunheims Anklage in «Nicht der Homosexuelle ist pervers …» um.

 

Der gertenschlanke Beau Karl (Stéphane Crepon) ist Peter von Kants (Denis Ménochet) personifizierter stummer Diener, emotionaler Fussabtreter und lebt in wirtschaftlicher Abhängigkeit von dessen Willkür. Liebend gerne würde er sich von Kant auch sexuell unterwerfen, aber der aufbrausende Choleriker, anerkennungssüchtig-selbstmitleidige Tyrann will seine Frischlinge zumindest dem Schein nach wenigstens erbeuten müssen. Einen solchen trifft er im Schlepptau seiner geliebten Bühnendiva Sidonie (Isabelle Adjani), die er auch darum bewundert, weil sie stilsicher und herablassend-schnippisch durch eine Traumwelt von erheiratetem Reichtum und nachwirkendem Ruhm stöckelt und darum Peters verzweifeltes Leiden an Überfluss und nicht bewältigbarer Verantwortung dem eigenen Genie gegenüber, ach, so gut versteht. Der äusserlich fremdländische Amir (Khalil Gharbia) kommt aus einer anderen Realität. Er ist schwer beeindruckt vom Pomp und von Kants Versprechen, er würde aus ihm einen Schauspielstar formen. Also lässt er sich umschwänzeln, begrabschen und mehr … Amir ist das exemplarische Beispiel für das Leben eines jungen Homosexuellen 1972, deren einzige Möglichkeit, sexuell aktiv zu sein, Rosa von Praunheim als ein sich faktisch auf Klappen und in Parks alten, reichen Säcken zu verkaufen anprangerte und eine Selbstbestimmung forderte. Diese sieht bei Amir so aus, dass er sich rasch zu zieren beginnt. Er verliert den Respekt, langweilt sich in all dem Tand und ohnmächtig überemotionalisierten Gehabe. Er reizt von Kant aufs Blut, was dessen Leiden wie sein Begehren gleichermassen ins schier Unermessliche steigert. An der zum Trost anreisenden Mutter (Hanna Schygulla) perlt das ganze, ihr über Gebühr bereits bekannte Drama ab. Als dann auch noch Amirs Frau ins Spiel kommt, wäre aus von Kants Sicht im Mindesten ein Ende von der Tragweite einer griechischen Tragödie für sich selber angebracht. Natürlich erzählt François Ozon seinen «Peter von Kant» nicht aus dieser Perspektive, sondern verwendet all seine Empathie für die unverstandene, eifersüchtige, alternde, dicke Diva, der Denis Ménochet eine Verkörperung schenkt, die einen trotz der Figur des Ekel-Unsympathen schlicht umhaut. Natürlich ist der Film völlig überkandidelt und in einem regelrecht barocken Sinne ein einziges stockschwules Klischee. Aber auch dies lässt sich wieder umkehren als eine Referenz an eine Zeit, in der Überangepasstheit und Hetennachahmertum für eine richtiggehende Dramaqueen noch verwerfliche Züge waren.

 

«Peter von Kant» spielt im Kino Movie.

 

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