An dieser Stelle #1: Beschämte Anfängerin

Als ich vor einigen Wochen an dieser Stelle schrieb, dass ich gespannt sei, was Amerika mit mir mache, hatte ich mit allem gerechnet, aber nicht damit: Es machte mich zuallererst sprachlos. Ich fühlte mich von Beginn weg unfassbar klein und furchtbar gross. Genau gleichzeitig. Bei allem, was mir seither begegnet, bei allem, was ich beobachte, gibt es nur diese beiden Grössen und nichts dazwischen. Sehr gross und sehr klein. Das hat mir schlicht die Sprache verschlagen. 

 

Manchmal habe ich ganz ausserordentliche Überheblichkeitsanfälle diesem Land gegenüber. Wir machen so vieles viel besser. Und damit meine ich nicht das Essen, obwohl das natürlich auch ein Thema wäre, eines, das mich schon nach dieser kurzen Zeit dazu brachte, selber Brot zu backen, was mir seit dem Lockdown nicht mehr passiert ist, und dass ich dafür dann bei einem Online-Laden namens Germanfoods Mehl bestelle, weil es ausser Knallweissem in den Läden hier nichts hat, und dann tatsächlich richtig glücklich bin, geschrotetes Roggenvollkornmehl vor mir zu haben, nun, damit hätte ich ebenso wenig gerechnet. 

 

Es sind aber andere, grössere Dinge wie der ökologische Kollaps, der sich einem nach wenigen Minuten hier offenbart. In jedem wüsten Detail. Man steht den ständig laufenden Klimaanlagen oder auch den zwei Autos vor jeder Einfamilienhausgarage hilflos gegenüber und kann es nicht fassen. Der Umgang mit Energieressourcen ist nicht nur hochdramatisch, sondern auch sehr rückständig. Bei allen Amtsgängen begegnet man einer bürokratischen Umständlichkeit, die ihresgleichen sucht, und dann ist da natürlich alles, was mit der sozialen Sicherheit der Menschen zu tun hat, was man ja weiss, aber wie immer vor Ort um ein Vielfaches heftiger in der direkten Erfahrung. Noch ist es mir ein Rätsel, wie man hier überleben kann, wenn man einen durchschnittlichen  Lohn hat (von tiefen Löhnen reden wir erst gar nicht). Menschen so dermassen sich selbst zu überlassen, ohne Netz, das auffängt, ist eine ganz besondere Form der Ausbeutung. 

 

Gleichzeitig komme ich mir manchmal vor wie die grösste Anfängerin. Gerade heute las ich etwas zu den Midterms vom 8. November. Es schien mir die höchste Kunst des Campaignings zu sein. So gross, dass ich es aufnahm wie etwas unerwartet Schönes: dankbar. Die Demokraten, so wurde bekannt, haben viele Millionen ausgegeben, um in ausgewählten Staaten extremen Republikanern zum Sieg zu verhelfen. Republikaner von der Sorte, die noch immer öffentlich die Rechtmässigkeit der Wahl von Joe Biden anzweifeln und den Sturm auf das Capitol unverhohlen gutheissen. Die Idee dahinter: Je extremer der republikanische Kandidat, desto unwählbarer ist er und desto einfacher zu schlagen in den kommenden Zwischenwahlen. Was für ein Schachzug! Den extremen Kandidaten mit Werbespots im Fernsehen unterstützen und so den eigenen Widersacher bestimmen. Auf den ersten Blick schien es mir eine der Ideen zu sein, die ich gerne selbst gehabt hätte. Verglichen damit ist Campaigning in der Schweiz wahnsinnig naiv. 

 

Beim genaueren Hinsehen verblasste die Schönheit dieser Taktik natürlich. In den eigenen demokratischen Reihen hier in den USA steht sie unter grosser Kritik. Es scheint, dass gewisse Dinge da und dort in gewissen Fällen vielleicht doch gleichermassen gross sind: das Verständnis von Demokratie zum Beispiel. Ich schämte mich ein wenig für meine erste Reaktion. 

 

Und beobachte weiter. 

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