Der Gang zum Schafott

Der Kontrast der um Fassung ringenden Schauspielerin und dem hochdramatischen Gesang ihrer Bühnenkollegin umreisst die Problemlage des Dokumentartheaters «Whistleblowerin/Elektra» kongenial. 

 

Von der Vielfalt der potenziellen Gefahrenherde in der Beschaffung und Herstellung von Nahrungsmitteln, wie sie Yamine Motarjemi als Nahrungsmittelsicherheitsexpertin professionell analysierte, ist zum Schluss kaum mehr die Rede. Stattdessen steht sie als Person, die den weltgrössten Nahrungsmittelhersteller Nestlé wegen Mobbings verklagt hatte und nach zehn Jahren vor Bundesgericht formal Recht zugesprochen erhielt, im Mittelpunkt. Eine eklatante Schräglage, die der gewissenhaften Absicht der ehemals langjährigen Kaderfrau in Vevey diametral zuwiderläuft, und zeitgleich genau das Überangebot an Ohnmächtigkeit illustriert, mit dem sie konfrontiert worden war und noch immer ist. Rückblickend hätten sämtliche Alarmglocken schrillen sollen, erscheint das Ziehen der Reissleine durch eine frühe Kündigung angebracht. Tja, hinterher… Sascha Ö. Soydan wählt für die Erzählung der Ereignisse aber die chronologische Wiedergabe und ringt in der Inszenierung von Anne-Sophie Mahler mehr als bloss stellenweise damit, ihre Fassung zu bewahren. Sie habe sich zu exakt um Details gekümmert, heissts. Und sie muss zur Kenntnis nehmen, dass ethische Bedenken wirtschaftlichen Interessen untergeordnet werden. In der sich nur schleichend manifestierenden Entwicklung zeigt sich die Perfidität von Mobbing, das entgegen allen anderslautenden Beteuerungen von Vorgesetzten von Opferseite her erst einmal als solches erkannt werden muss, und selbst wenn es einwandfrei als solches entlarvt ist, bleibt noch die Ambivalenz der Priorisierung der Dringlichkeiten: Garantiert nicht gesundheitsschädliche Nahrungsherstellung gewährleisten versus einer formalhierarchischen Frage der Compliance. Immer wenn sich die Erzählung einer Stelle nähert, die unbegreifliche und für eine Gegenwehr aussichtslos erscheinende Gegebenheiten zum Inhalt hat, setzt die Sängerin Mona Somm mit hochdramatischen, lauthals wehklagenden Auszügen aus der Oper «Elek­tra» von Richard Strauss ein und untermauert damit die Heftigkeit der emotionalen Turbulenz. Was mit zunehmender Dauer immer stärker in den Vordergrund rückt, ist das baffe Erstaunen über die Nochexistenz innerbetrieblicher Fürstentümer, in denen Regeln so ausgelegt werden, wies dem jeweiligen Lokalherrscher gerade am Zielführend­sten erscheint. Hier fachlich begründet, anderer Meinung zu sein, führt wie im Mittelalter aufs Schafott. Weil: Majestätsbeleidigung.

 

«Whistleblowerin/Elektra», bis 21.12., Theater Neumarkt, Zürich.

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