«Vier Franken mehr sind viel Geld, wenn man so knapp rechnen muss»

Was würde die Einführung eines Mindestlohns für die Betroffenen bedeuten? A.B. (Name der Redaktion bekannt) aus Brasilien, die für 19 Franken Stundenlohn arbeitet, erklärt im Gespräch mit Nicole Soland, wie 23 Franken pro Stunde ihr Leben und ihre Zukunftsperspektiven verändern würden.

 

Sie arbeiten in einem Luxusrestaurant in Zürich für 19 Franken pro Stunde: Zu wie vielen Stellenprozenten sind Sie angestellt?

A.B. Ich arbeite ungefähr 40 Stunden pro Woche, manchmal sind es ein paar mehr, manchmal ein paar weniger. Für meinem jetzigen Arbeitgeber bin ich seit einem Jahr und drei Monaten tätig, doch ich habe keinen festen Vertrag, sondern arbeite im Stundenlohn.

 

Welchen Beruf haben Sie erlernt?

Zuhause in Brasilien habe ich an der Universität Soziologie studiert und als Soziologin gearbeitet. Später lebte ich ein Jahr in Chile und war dort an einer Hotel-Reception angestellt, und hier in Zürich arbeite ich am Buffet.

 

Eine Arbeit, die Ihrer Ausbildung entspricht, konnten Sie nicht finden?

Ich spreche wenig Deutsch und etwas Italienisch. Um in meinem Beruf tätig sein zu können, müsste ich zuerst die deutsche Sprache besser beherrschen. Hätte ich einen besseren Lohn, könnte ich mein Pensum reduzieren und einen Deutschkurs besuchen – oder auch mehr Zeit mit FreundInnen verbringen, kurz, mehr leben anstatt nur zu arbeiten. Aber ich muss 100 Prozent arbeiten, sonst reicht das Geld nicht zum Leben.

 

Wie hat sich die Corona-Pandemie auf Ihren Arbeitsplatz ausgewirkt?

Wir sind seit März auf Kurzarbeit. Da ich keinen festen Vertrag und keine garantierte Mindeststundenzahl habe, bin ich es gewohnt, dass jeden Monat eine andere Summe auf meinem Konto eingeht. Früher waren es um die 2900 bis 3000 Franken plus rund 300 Franken Trinkgeld. Heute jedoch verdiene ich noch 2300 bis 2400 Franken und rund 100 Franken Trinkgeld. Für mein Budget gehe ich von 2500 Franken aus: Das reicht, wenn ich jeden Rappen umdrehe.

 

Sehen Sie keine Möglichkeit, zu einem festen Vertrag mit besseren Bedingungen zu kommen?

Nein, früher gab es in unserem Restaurant zwar noch ein paar Angestellte mit festen Verträgen, doch spätestens seit dem ersten Lockdown werden alle nur noch im Stundenlohn beschäftigt.

 

Die städtische Volksinitiative «Ein Lohn zum Leben», die der Gewerkschaftsbund des Kantons Zürich am Dienstag eingereicht hat, sieht einen Mindestlohn von 23 Franken vor, also nur vier Franken mehr, als Sie jetzt verdienen. Was würde Ihnen das bringen?

Vier Franken mehr tönt nicht nach viel, und verglichen mit dem, was andere Menschen in Zürich verdienen, ist es tatsächlich nicht viel. Doch es würde bedeuten, dass ich 4000 statt 3000 Franken pro Monat verdienen könnte. Und 1000 Franken mehr pro Monat – das ist sehr viel Geld, wenn man so knapp rechnen muss wie ich. Ich hätte dann zum Beispiel 500 Franken pro Monat für einen Deutschkurs zur Verfügung. Mir ist es aber auch wichtig, dass ich als Frau meinen Lebensunterhalt selbst verdienen kann.

 

Sie haben am offenen Brief mitgewirkt, den die GewerkschafterInnen am Dienstag dem Stadtrat zusammen mit mehr als 4000 Unterschriften für die Initiative «Ein Lohn zum Leben» überreicht haben. Was hat Sie dazu motiviert?

Auch wenn ich jeden Franken umdrehen muss, so geht es mir noch vergleichsweise gut: Ich bin jung, gesund, voller Energie und habe keine Kinder. Doch ich sehe, wie schwierig es für ehemalige KollegInnen ist, die arbeitslos sind: Einige müssen mit dem gleichen Betrag, den ich verdiene, zwei Erwachsene durchbringen. Ein Kollege und seine Frau bräuchten zudem dringend eine neue Wohnung. Doch wenn man auf dem Bewerbungsformular einen derart tiefen Lohn angeben muss, kann man es praktisch vergessen, zu einem Mietvertrag zu kommen. Meine Situation mag schlecht sein, aber ich kenne viele Leute, die noch viel schlechter dran sind. Mit ihnen möchte ich mich solidarisch zeigen, deshalb mache ich mit.

 

Nur bei dieser Aktion, oder generell in der Gewerkschaft?

Ich bin Mitglied der Unia, seit ich in der Schweiz bin. Da ich einen portugiesischen Pass habe, kann ich problemlos hier arbeiten – aber ich habe zu Beginn natürlich nicht gewusst, wie es hier in der Schweiz läuft und was man in der Arbeitswelt alles beachten muss. Als ich von der Gewerkschaft Unia hörte, bin ich deshalb gleich beigetreten.

 

Im Tieflohnbereich arbeiten überdurchschnittlich viele MigrantInnen – liegt das wirklich nur an den Deutschkenntnissen?

Die Deutschkenntnisse sind das eine, doch viele MigrantInnen wissen schlicht zu wenig über die Verhältnisse hierzulande. ArbeitskollegInnen aus Italien erzählten mir beispielsweise, dass in ihrer Heimat zehn Euro Stundenlohn ziemlich okay sind. Als sie hierhin kamen und hörten, dass sie 19 Franken pro Stunde verdienen würden, freuten sie sich sehr und dachten, «jetzt bin ich reich!». Doch dann fanden sie heraus, wie teuer die Mieten und die Krankenkassenprämien sind und wie viel selbst das Essen im Supermarkt kostet… und schon waren sie stets am Geld zählen, so wie ich auch.

 

Belastet Sie das eigentlich sehr?

Naja, es ist schon belastend, aber ich bin es mir gewohnt; in Brasilien drehen alle jeden Rappen um. Doch wir sind hier nicht in Brasilien, hier ist man nicht reich, wenn man 3000 Franken brutto pro Monat verdient. Aber woher sollen die MigrantInnen das wissen? In der Schweiz spricht man schliesslich nicht über Geld, also erfährt man auch nicht, was ein Durchschnittsverdienst ist und wieviel man für Miete und Krankenkasse rechnen muss.

 

Was änderte sich für Sie, wenn die Mindestlohn-Initiative angenommen würde?

Ich wäre weniger gestresst, müsste weniger arbeiten und hätte mehr Zeit, um Deutsch zu lernen, Freund­Innen zu treffen – und dank der besseren Deutschkenntnisse irgendwann auch eine besser bezahlte Arbeit zu bekommen. In Genf hat es funktioniert mit dem Mindestlohn, deshalb bin ich zuversichtlich, dass es auch in Zürich klappt.

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