«Der Frauenstreik soll der grosse Startschuss sein und nicht das Ziel»

Vor zwei Jahren haben sich Fachpersonen aus der Betreuung zur «trΩtzphase» zusammengeschlossen, um gegen die prekären Arbeitsbedingungen anzukämpfen. Leandra Dos Santos, Mitglied der «trΩtzphase», erklärt im Interview mit Milad Al-Rafu die Beweggründe, die strukturellen Probleme sowie die politischen Forderungen.

 

Was ist die Inspiration hinter dem Namen «trΩtzphase»?
Leandra Dos Santos: Die Trotzphase ist ein gängiger Begriff in unserem Arbeitsalltag: Er bezeichnet eine Periode in der Entwicklung eines Kindes, die vom Bedürfnis geprägt ist, den eigenen Willen durchzusetzen. Da diese Phase für Widerstand steht, haben wir uns die Kleinen als Vorbilder genommen.

 

Was hat den Ausschlag gegeben, dass Sie sich als «trΩtzphase» formiert haben?
Die Gründerinnen der «trΩtzphase» haben es als frustrierend empfunden, dass sie sich auch in der Freizeit immer wieder über den Beruf aufgeregt haben, ohne dass sie etwas an den strukturellen Problemen ändern konnten. Deshalb haben sie sich an den VPOD gewendet, um sich Unterstützung zu holen.

 

Worum handelt es sich bei diesen strukturellen Problemen genau?
Personalmangel ist ein riesiges Thema. Als Person, die sich professionell um Kinder kümmert, ist man oft krank. Das fehlende Personal wird in diesen Fällen meistens nicht ersetzt. Die fehlende Wertschätzung ist ein weiteres grosses Problem: So stehen die Sozialpädagogen in den Horten oben in der Hierarchie, während die Fachpersonen Betreuung bei tieferem Lohn gleichviel leisten müssen. Dies ist deprimierend. Auch in der Gesellschaft wird dem Beruf nicht den Respekt erwiesen, den er verdient. Diese fehlende Wertschätzung schlägt sich im Vergleich mit anderen Berufen dann auch lohnmässig nieder.

 

Sind die schlechten Arbeitsbedingungen auf die immer noch bestehende strukturelle Ungleichheit zwischen Mann und Frau zurückzuführen?
Es gab einen Vorfall während meiner Ausbildung, der das Problem treffend beschreibt: Aufgrund meiner praktischen Abschlussprüfung im Betrieb wurde den Eltern mitgeteilt, dass sie doch am Morgen pünktlich erscheinen sollen. Ein Vater hat mich daraufhin erstaunt gefragt, ob man eine Ausbildung braucht, um in einer Kita zu arbeiten. Bei vielen Leuten herrscht anscheinend immer noch die Meinung vor, dass die Betreuungsarbeit den Frauen in den Schoss gelegt wird und dass die Arbeit mit Kindern «härzig» ist und deshalb kein richtiger Beruf ist. Dies hängt klar damit zusammen, dass es sich bei der professionellen Betreuung um einen feminisierten Beruf handelt, der grösstenteils von Frauen ausgeübt wird.

 

Was fordern Sie diesbezüglich von der Politik?
Die Aushandlung eines Gesamtarbeitsvertrages ist ein zentrales Anliegen. Auch für eine bessere Finanzierung der Kinderbetreuung und die damit verbundene Auszahlung gerechter Löhne setzen wir uns ein: Denn jetzt bezahlen die Eltern noch den grössten Teil der Betreuung selbst, wobei dies auch nur funktioniert, weil die Löhne so tief sind. Solange dieser Zustand anhält, wird sich die Stellung des Betreuungspersonals innerhalb der Gesellschaft auch nicht verbessern.

 

Also würde mit einer besseren Finanzierung auch eine gesteigerte Legitimation für den Beruf einhergehen?
Ich bin der Meinung, dass bei einer besseren Finanzierung der Fremdbetreuung durch den Staat mehr Ansehen für diese Art von Arbeit da wäre.

 

Was erhoffen Sie sich vom Frauenstreik?
Dass uns sehr viele Leute sehen und hören. Die Leute sollen sich fragen, was bei diesem Beruf schiefläuft. Das oberste Ziel wäre, die Kitas für diesen Tag zu schliessen. Um dies zu erreichen, haben wir die Eltern bereits jetzt schon darauf aufmerksam gemacht, dass sie an diesem Tag die Betreuung anderweitig organisieren sollen. In den Horten – wo mehr Männer beschäftigt sind als in den Kitas – sollte die Betreuung der Kinder einfacher gewährleistet sein. Zum jetzigen Zeitpunkt sieht die Umsetzung jedoch schwierig aus. Wir planen deshalb, die Kitas zumindest am Nachmittag zu schliessen und eine Versammlung für BetreuerInnen und Mütter zu organisieren. Damit dies klappt, haben wir die Väter in Briefen darum gebeten, sich an diesem Tag um die Kinder zu kümmern.

 

Wie läuft die Vernetzung mit den anderen feministischen Organisationen?
Bei den Vernetzungstreffen des Zürcher Frauenstreikkollektivs hat sich gezeigt, dass sich die «trΩtzphase» bereits einen Namen gemacht hat. Das Thema Care-Arbeit nimmt bei den Treffen der Kollektive aufgrund der politischen Sprengkraft ausserdem eine wichtige Rolle ein. Wir erfahren deshalb sehr viel Hilfe und Unterstützung mit Hinblick auf die Organisation für den 14. Juni.

 

Wie geht es nach dem Streik weiter?
Die Vernetzung und Arbeit müssen weitergehen. Der Frauenstreik soll der grosse Startschuss sein und nicht das Ziel.

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