Badiou in der Autonomen Schule

 

Am 7. Oktober trat der bekannte französische Philosoph Alain Badiou an der Autonomen Schule in Zürich vor zahlreichem Publikum auf.

 

Daniel Vischer

 

Der Auftritt von Alain Badiou an der Autonomen Schule Zürich war ein Ereignis. Dabei lag das Aussergewöhnliche vor allem darin, dass Badiou angesichts seiner internationalen Prominenz einer Einladung der Autonomen Schule Folge leistete, mithin ausserhalb des angestammten ‹Zürcher Kulturraumes› auftrat.

Es war wohl die letzte Veranstaltung der Autonomen Schule in Altstetten. Sie sucht dringend neue Räume, sie alsbald zu finden ist für sie existenziell. Es kamen weit mehr Leute, als Platz fanden, obgleich ich zum Beispiel ohne den Hinweis meiner Tochter gar nicht gewusst hätte, dass Badiou in Zürich ein Referat hält. Angesichts der Schlangen vor dem Eingang fand auch der NZZ-Kulturredaktor Justus Wenzel keinen Platz mehr. Er hatte freilich tags zuvor einen Vortrag Badious des «Center for Cultural Studies» an der Uni Bern gehört, an welchem lediglich gut fünf Dutzend Zuhörerinnen und Zuhörer teilnahmen. Angesichts der revolutionären Thesen Badious, über die er sich in einem Artikel tags darauf auf plumpe Art mokierte, hielt er den ausseruniversitären Andrang des vorwiegend jugendlichen Publikums für kein Ereignis. Womit er eben nicht begriffen hat, dass das Ereignis gerade darin bestand, dass Badiou an der Schule für Migranten auf eine Zuhörerschaft zuging und bei ihr sichtlich Anklang fand, die im Einstehen für Egalität und die Rechte und die Würde von Migrantinnen und Migranten eine gemeinsame Basis haben.

 

Bildung ist nie neutral

Ein zentraler Grundsatz der Autonomen Schule lautet unter Bezugnahme auf ein Zitat von Paulo Freire, Bildung kann nie neutral sein. Entweder ist sie ein Instrument zur Befreiung des Menschen, oder sie ist ein Instrument seiner Domestizierung, seiner Abrichtung für die Unterdrückung. Badiou könnte das auch so oder ähnlich formuliert haben. Denn für ihn ist Philosophie eine Theorie der Bildung, einer Bildung für alle.

Badiou gilt als der wohl derzeit weltweit bekannteste lebende französische Philosoph und linke Theoretiker. Als 1937 Geborener ist er zwei Generationen jünger als Sartre und eine als Foucault und Deleuze. Er gehört damit zu der älteren Generation des Mai 68 in Frankreich und zählte in den sechziger und siebziger Jahren zu den führenden orthodoxen Maoisten. Zur international bekannten philosophischen Grösse wurde er aber erst in den neunziger Jahren, und ab Ende der neunziger Jahre wurde seine Stimme im linken Anti-Globalisierungsdiskurs neben Toni Negri, Slavoj Žižek und Jaques Rancière unüberhörbar. Seine bekanntesten Werke sind «Logik der Welten. Das Sein und das Ereignis» sowie «Paulus. Die Begründung des Universalismus».

 

Ein moderner Klassiker

In erster Linie ist Badiou Philosoph, ein moderner Klassiker, der mit der Postmoderne und der modernen Sprachphilosophie nichts zu tun haben will und an die Ideenlehre Platons anknüpft, die er mit seinem Verständnis von Revolution als Ereignis verbindet. Das Leitmotiv seines Referates lautete denn auch, «universell in der Vielfalt, Gleichheit im Unterschiedlichen». Die klassische Dialektik, nach welcher das revolutionäre Subjekt gegen den Staat und die herrschende Ordnung kämpft und auf der ständigen Negation beruht, bedarf nach ihm einer Transformation. Denn eine wirkliche Veränderung der Verhältnisse sei nur möglich, wenn sich schon vorgängig eine positive Vision im revolutionären Subjekt verankert, sich eine kollektive Subjektivität herausgebildet habe. Gerade weil dies bisher ausblieb, seien die Revolutionen des 20. Jahrhunderts schliesslich gescheitert.

Hart ins Gericht geht er mit dem westlichen Dogma der globalen Ausbreitung der Demokratie, weil sie nichts anderem diene als dem Oktroy des westlichen kapitalistischen Weges. Im Kampf zwischen dem Westen und dem IS, dem Widerspruch zwischen Modernität und archaischer Welt, stünden zwei falsche Alternativen gegenüber, wogegen es gerade darum gehe, eine dritte zu kreieren, die er altmodisch, könnte man sagen, Kommunismus nennt. Der politische Ort einer neuen Bewegung für den Kommunismus könne freilich nur ausserhalb des Staates stehen. Gerade Griechenland unterstreiche, dass über eine demokratische Veränderung der Machtverhältnisse im Staate die Durchsetzung einer grundsätzlichen Änderung unmöglich sei, ohne dass man der Regierung Tsipras Fehler vorwerfen könne. Als Beispiel für die Macht des Agierens ausserhalb des Staates schildert Badiou ein schönes Beispiel. Er führte zusammen mit Migranten ein Gespräch mit einem Ministeriumsvertreter. Der Staat sagte zu den Migranten, ihr seid niemand. Damit verhandelte der Staat mit dem Niemand. Meistens erziele man etwas, mehr als innerhalb des Staates. Es gehe deshalb darum, nie Teil des Staates zu werden, die kollektive Subjektivivät könne sich nur ausserhalb finden.

Im Vortrag und der anschliessenden Diskussion erwies sich Badiou als grosse Persönlichkeit, die sein Prestige für die Entrechteten einsetzt. Sein philosophischer Diskurs ist freilich interessanter als sein politischer. Ihm kommt indessen ein grosses Verdient zu, die Idee des Kommunismus neu zu entwickeln und mit neuen Ansätzen zu beleben. Allerdings erneuert er im Grunde mit seiner apodiktischen Forderung, ausserhalb des Staates zu agieren, nur einen Diskurs, der schon die Neue Linke der siebziger Jahre spaltete.

 

«Es braucht die Autonome Schule»

Letztlich verkennt Badiou dabei den Charakter des Staates und die Möglichkeit von politischen Veränderungen, die mehr sind als eine Stabilisierung des neoliberalen kapitalistischen Systems. Es macht eben etwas aus, ob Tsipras in Griechenland an der Macht ist oder die Kamarilla, die sich blind den Gläubigern unterwirft, auch wenn er nachgeben musste. Sähe ich das nicht so, hätte ich nicht schon in den siebziger Jahren den Weg der POCH gewählt. Sinnvollerweise baut man aber darauf: Beide Stränge gehen ihren Weg und leisten dabei ihr Bestes. Es muss und kann nicht immer alles mit allem zusammenspielen. Das heisst aber vor allem auch: Es braucht eine Institution wie die Autonome Schule, die tatsächlich nur ausserhalb des staatlichen institutionellen Rahmens sich als Bildungsinstitution der Selbstorganisation von Bildnern und Ge-Bildeten entfalten kann, wie Badiou zu Recht unterstrich.

nach oben »»»