MINT für alle?

 

Seit einigen Jahren geht ein Aufschrei durch die Bildungslandschaft: Im industriellen Sektor fehlen Fachkräfte, insbesondere IngenieurInnen. Es heisst, das Bildungswesen sei zu sprachlastig, es tue zu wenig für die so genannten MINT-Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

Man findet auch, Mädchen interessierten sich zu selten für diese Fächer und Berufe. Ergo sollen die Schulen in die ‹MINT-Offensive› gehen, mehr technische Inhalte anbieten und die Mädchen zu solchen Berufen motivieren. Bund und Kantone revidierten bereits 2007 das Maturitätsanerkennungsreglement und massen den Fächern Biologie, Chemie und Physik einen höheren Stellenwert und mehr Unterrichtszeit zu. Auch in einigen Kantonen laufen entsprechende Bildungsprogramme.

Besteht aber tatsächlich eine so gravierende Schieflage in der Gesellschaft, dass gleich das Bildungswesen umgebaut und die Neigungen des weiblichen Geschlechts kollektiv umgeleitet werden müssen? Und gibt es nicht andere Ursachen für den festgestellten Zustand als die ‹Technik-Feindlichkeit› der Schülerinnen?

 

Der Bundesrat schrieb in seinem Bericht «Mangel an MINT-Fachkräften in der Schweiz»(2010): «Eine der wichtigsten [Ursachen] ist zweifellos der tiefgreifende Strukturwandel der Schweizer Volkswirtschaft, der Mitte des letzten Jahrhunderts eingesetzt hat. Wegen der Veränderungen in der Produktionstechnologie werden für die gesamtwirtschaftliche Leistung immer mehr qualifizierte und viel weniger unqualifizierte Arbeitskräfte benötigt.» (S. 29) Das evoziert enorme volkswirtschaftliche Dimensionen.

Es klingt nach einem riesigen Loch, wenn 37 Prozent der Betriebe im industriellen Sektor Schwierigkeiten bei der Rekrutierung qualifizierten Personals melden (gegenüber rund 30 Prozent im Dienstleistungssektor). In absoluten Zahlen sieht es anders aus: Der Personalmangel im Industriesektor bewegt sich von 2010 bis 2014 in der Grössenordnung von 11 600 bis 17 100 unbesetzten Stellen – im Dienstleistungssektor jedoch von 32 600 bis 40 100 Stellen – also bedeutend mehr. Und wenngleich etwa im Gesundheitswesen die Zahl der offenen Stellen schon beträchtlich ist (2014: 38,7 Prozent bzw. 5700 Stellen), so wäre sie eigentlich noch höher: Denn diese Branche ist personell chronisch unterdotiert, so dass gar nicht die zur guten Bewältigung der Arbeitsmenge notwendigen Stellen eingerichtet sind. Die Gesellschaft holt sich die benötigten Dienste stattdessen in klandestinen und irregulären Arbeitsverhältnissen. Ähnliches gilt für die Kinderbetreuung, wo weite Gebiete der Schweiz Ödland sind. Zudem kranken diese Erhebungen generell daran, dass sie nur das bezahlte Arbeitsvolumen abbilden. Das unbezahlte Arbeitsvolumen im Gesundheits- und Sozialwesen, das ja vor allem Frauen leisten, ist aber nochmal so gross. Hier braucht es kaum MINT-Wissen, sondern die traditionell weiblichen Fähigkeiten im Gebiet der Zuwendung, Fürsorge und Kommunikation.

 

Auf S. 27 des Bundesratsberichts steht: «Überdurchschnittlich viele in MINT ausgebildete Erwerbstätige sind in einer fachfremden Berufsgruppe (…) tätig. Gleichzeitig wechseln Ingenieur/innen oft ins Management: Sie haben in der Schweiz 20 Prozent aller Geschäftsleitungs- und Verwaltungsratspositionen inne». Das sind wohl kaum die Frauen. Ferner gibt es einen «starken Wettbewerb zwischen den verschiedenen Branchen wie Versicherungen und Banken gegenüber der klassischen Ingenieurbranche» (S. 27). Will heissen: Der aufgeblähte Bereich der Management-, Finanz- und Versicherungsdienste saugt der Industrie das mathematisch begabte Fachpersonal ab. Diese heilige Kuh der Schweiz muss aber unangetastet bleiben. Lieber greint man von schulisch diskriminierten Knaben, technikfaulen Mädchen und frauenlastigem Bildungswesen…

 

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