Weitermachen, Lüggu

 

Jetzt spielen die tatsächlich «Rote Lippen soll man küssen, denn zum Küssen sind sie da», am Montagabend nach den Wahlen, irgendwo in der Stadt an einem Fest. Ich höre es hier in meinem Büro.

Wem ist jetzt nach feiern zumute? Gut, ich habe auch gefeiert gestern, trotzig habe ich diesen einen Wahlsieg im Kanton Zürich auskosten wollen, dieses für uns rare Gefühl des Triumphs. Trotzig habe ich auf den ersten sozialdemokratischen Ständerat nach 32 Jahren angestossen, ich habe mich an unsere zwei dazugewonnenen Sitze geklammert und ebenso an verschiedene Gläser.

Heute freilich ist das mit dem Feiern vorbei. Am Fest in der Stadt tanzen wohl die 29,4 Prozent SVP-Wählerinnen und Wähler, sie haben auch Grund dazu. Gemäss Smartvote hat das neu gewählte Parlament eine satte Mehrheit für Anliegen wie die Erhöhung des Rentenalters für Frauen und Männer, Steuersenkungen, ein schärferes Jugendstrafrecht. Kurz beruhigt hat mich, dass mehr als die Hälfte nun auch die direkte, straffreie Sterbehilfe durch einen Arzt befürwortet (man könnte natürlich auch einfach auswandern, aber man weiss ja nie).

Was ist passiert? Es sei das «Luftschutzkellersyndrom», sagte Peter von Matt im ‹Echo der Zeit›. Man habe ein ungefähres, unbestimmbares Gefühl der Bedrohung, des nicht mehr Beherrschbaren und suche dann Schutz in der Eindeutigkeit. Im Ja und im Nein. Die SVP biete diesen Schutz, weil sie komplexe Sachverhalte reduziere.

Wir wissen, dass die SVP lügt in der Eindeutigkeit, die sie in ihrer Propaganda verwendet. Aber die Gelegenheitswähler und Wutbürger, die sich nicht so sehr mit Politik auseinandersetzen, die fühlen sich genau da geborgen, zitiert Longchamp seine Ergebnisse der ersten Wahlnachbefragung. Jetzt hat er also gewählt, der Wutbürger, der sonst immer nur online kommentiert. Er hat gemerkt, dass Wählen genauso anonym und einfach ist, wie einen wüsten Dreizeiler unter einen Artikel zu posten. Und was machen wir jetzt?

Man kann Texte schreiben wie Lukas Bärfuss. Man kann, aber eigentlich muss man. Und wenn man es tut, wenn man die Schweiz beschreibt, wie sie ist und noch zu werden droht, wenn einem der Kragen platzt ob einem Zwergenland, das sein Zwergendasein noch dazu selbst gewählt hat und man es so trefflich in Worte fassen kann, dann, ja dann genügt dieser Satz hier nicht: «Es wäre an der Zeit, sich zu regen und den Monstern zu trotzen, die ihre Ruhe gebiert».

Als Pedro Lenz gleich darauf seinen Offenen Brief an Bärfuss veröffentlichte, hatte ich gehofft, dass er es schreibt. Nicht «Häb dr Sorg, Lüggu». Sondern «Lüggu, du hast Recht, so Recht und ich danke dir, dass du den Mut hattest, es zu sagen, und ich warne dich vor dem Wutbürger, aber vor allem vor der FAZ. Die haben dir nämlich, du hast es wohl noch nicht gesehen, die haben dir den letzten Abschnitt gestrichen. Dort, wo du schreibst, was das heisst, sich zu regen und den Monstern zu trotzen. Dass man eben wählen muss. Dass man links wählen muss. Dass das jetzt in Anbetracht deiner Rede ein bisschen banal ist, aber dass es in Gottes Namen halt einfach diese paar Parteien gibt am 18. Oktober. Und dass man die links meinetwegen nicht lieben muss. Aber wenn man die rechts nicht will, dann, du weisst schon Lüggu.»

Es stand nicht so in diesem Brief. Und solange es so bleibt, so lange alle aus Kultur, Kunst, Wissenschaft und jedem Bereich, der nicht mit Politik angeschrieben ist, sich zu fein sind, auszusprechen, was wirklich ist, solange niemand von ihnen Farbe bekennt, solange wird unser Land sich weiter abschotten, bis dass alle echten Schweizerinnen und Schweizer in diesem Luftschutzkeller sitzen und sich gegenseitig auf die Schultern klopfen.

Was das für uns heisst? Weitermachen. Einfach weitermachen.

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