Anne Frank in Adelboden

Die Ausstellung «Anne Frank und die Schweiz» im Landesmuseum versucht sich an einem äusserst persönlichen Einblick in die Familienverhältnisse von Anne Frank und ihren Verwandten in der Schweiz. Aber was hat das weltberühmte Tagebuch mit Basel zu tun?

 

Sergio Scagliola

 

In drei als Rundgang angeordneten Räumen visualisiert eine kleine Ausstellung im Landesmuseum Zürich die Familiengeschichte Anne Franks, ihre Verbindung zur Schweiz, jedoch auch die Rolle der Schweiz als Kollaborateurin mit den Achsenmächten während dem Zweiten Weltkrieg. Dafür hat das Landesmuseum viele persönliche Objekte wie Briefe, Spielsachen oder Fotografien der Familie Frank, aber auch viel kontextgebende Rahmenobjekte wie Zeitungsartikel der ersten Jahrhunderthälfte, multimediale Installationen, etwa zum berühmten Hinterhaus, und sonstige Dokumente als Zeitzeugen ausgestellt. Die kritische Auseinandersetzung mit der restriktiven und antisemitischen Asylpolitik der Schweiz, wie sie diese insbesondere in den 1930er- und 1940er-Jahren praktizierte, geschieht dabei immer wieder. So wird das Bild einer Dualität offengelegt, eine Sicht auf der mit den Achsenmächten kollaborierenden Schweiz und gleichzeitig eine Sicht auf ideologischen Widerstand meist von Privatpersonen, die sich gegen das NS-Regime und den Holocaust stellten.

 

Familienbesuche in der Schweiz

Während das Tagebuch von Anne Frank das wohl berühmteste Zeugnis der systematischen Verfolgung jüdischer Menschen durch die Nationalsozialisten darstellt – der Kontext von Anne Franks Autorinnentums als Verarbeitung ihrer Umwelt und ihres inneren Lebens ist weniger bekannt und ist untrennbar mit ihrer Familiengeschichte verbunden. Bereits Grossmutter Alice, die später auch in Basel gelebt hatte, regte die Kinder und Enkel­Innen stets zum Schreiben an. Briefe hatten einen grossen Stellenwert innerhalb der Familie, was zahlreiche ausgestellte Briefe von Anne und ihren Verwandten offenlegen. Die Familie war im Zuge der Weltwirtschaftskrise und schliesslich mit der sich zuspitzend antisemitischen Politik in Nachbarländer emi­griert. Anne, die in Amsterdam wohnte, stand trotz immer grösserer Schwierigkeiten, einander zu besuchen, noch immer in regem Kontakt mit ihren Verwandten in der Schweiz – insbesondere mit Tante Leni und den Cousins Buddy und Stephan, die in Basel wohnten. Auch ihre Grossmütter waren nach Basel emigriert, allen wurde aber 1941 die Staatsbürgerschaft abgenommen. Staatenlos und ständig durch Ausweisung bedroht, waren die gemeinsamen Ferienausflüge mit Anne und ihrer Familie nach Adelboden und ins Engadin längst eine Sache der Vergangenheit.

 

Abgrenzung und Anpassung

Hier offenbart sich die Rolle der Schweiz in einem breiteren politischen Kontext: das Schwanken zwischen Abgrenzung und Anpassung gegenüber Nazi-Deutschland. Denn beispielsweise der Entzug der Staatsbürgerschaft, wie es bei Anne Franks Verwandten in Basel durchgeführt wurde, war kein neuartiger Aspekt der antisemitischen Asylpolitik der Schweiz: Bereits 1933 hatte der Bundesrat festgelegt, dass jüdische Menschen nicht als politische Flüchtlinge gelten, weshalb in den Kriegsjahren rund 25 000 Zivilflüchtlinge an der Grenze abgewiesen wurden, eine Politik, die durch die rigide Grenzschliessung 1942 nur noch stärker verschärft wurde. Der Bundesrat verweigerte aber nicht nur Tausenden Jüdinnen und Juden so die Flucht aus einer lebensgefährlichen Situation, sondern liess durch den eidgenössischen Pressedienst zudem die Aufnahmen von Menschenscharen Geflüchteter an der Grenze zensieren und verhinderte die mediale Verbreitung. 22 000 Geflüchtete fanden den Weg trotz geschlossener Grenzen in die Schweiz. In Bezug auf diese Fluchthilfe setzt das Landesmuseum in der Ausstellung die an dieser Hilfe beteiligten Menschen teils detailliert, teils eher am Rande vor. Klar ist aber die Hauptaussage: Diese Hilfe wurde in den meisten Fällen nicht durch den Staat angeordnet oder durchgeführt, sondern geht oft auf die Eigeninitiative mutiger Privatpersonen zurück. 

 

Das ist sinnbildlich. Es geht in «Anne Frank und die Schweiz» nicht unbedingt um Anne Frank und auch nicht nur um die Schweiz. Natürlich ist das letztendliche Entkommen des einzigen deportierten Frank-Familienmitglieds, Annes Vater Otto, nach Basel und dessen dortige Initiative, Annes Tagebuch zu veröffentlichen, zentral. Aber vielmehr scheint die Ausstellung ein Versuch der generellen Dokumentation dieser Zeit zu sein: Die faschistischen Gruppierungen, der antifaschistische Widerstand, die Auslieferungen, aber auch die Fluchthilfe – sie sind alle Aspekte der schweizerischen Aktivität während dem Zweiten Weltkrieg und damit Aspekte der direkteren oder indirekteren Verbindung mit dem Holocaust. Dass diese Rolle der Schweiz noch nicht genug extensiv aufgearbeitet wurde, zeigt sich beispielsweise in der Absenz eines Mahnmals, das an die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg erinnert – in der Ausstellung wird festgestellt, dass lediglich Denkmäler zur Erinnerung an die Opfer des Holocausts existieren.

 

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