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Seit Mitte der 1990er-Jahre beschäftigen sich Eva & Franco Mattes (*1976) künstlerisch mit der Digitalisierung. Eine aktuelle Auswahl ihrer Werke ist bis Ende Mai im Fotomuseum Winterthur unter dem Titel «Dear Imaginary Audience» zu sehen. Noch vor einem Erkenntnisgewinn wird die Auseinandersetzung zu einem kaum mehr überschaubaren Fragenkomplex.

 

Die finale Form für eine museale Präsentation von digitalen Formaten ist noch nicht gefunden. Häufig spiegeln Exponate die Auseinandersetzung mittels eines ortsspezifischen Avatars in Form einer Installation zurück ins Web und das Publikum findet sich zuletzt auf das eigene Handy starrend wieder. Was dabei verloren geht, ist das sinnliche Erleben. Egal, ob Wohlfühllandschaften errichtet werden (Shedhalle), einzelne Werke mit QR-Codes versehen, eine Art «to go»-Kunst etablieren (Helmhaus) oder ob die Ausstellungsarchitektur das Pu­blikum zu körperlichen Verrenkungen zwingt (Fotomuseum). Alles, was über Filmpräsentationen auf Screens hinausgeht, verdeutlicht die Diskrepanz zwischen physischer Örtlichkeit und überall greifbaren Daten, deren zwingend logische Verquickung vorerst nahe einer Behauptung bleibt. Ausser der Tatsache, dass das Leben längst hybrid zwischen analog und digital switcht.

 

Aktivismus oder Pädagogik?

Zu ihren Anfängen waren die beiden in New York lebenden ItalienerInnen noch nahe am Aktivismus, wie ihn das bekannte Kollektiv «The Yes Men» praktiziert – letztmals mit «Ruag Green» mit dem Theater Neumarkt vor bald zwei Jahren. Mit «Vaticano.org» stellte das Lebenspaar 1998 eine optische Kopie des Internetauftritts des Heiligen Stuhls ins Netz und verbreitete höchstprogressive Nachrichten. Um die Jahrtausendwende öffneten sie den Zugang zu den eigenen Computern für ein interessiertes Publikum, das während dreier Jahre in ihrem Archiv stöbern und ihr aktuelles Tun in Echtzeit mitverfolgen konnte. Noch immer eher aktivistisch war «Nike Ground». Eine Arbeit, die neben der Onlinewerbekampagne für den Ausverkauf des Wiener Karls­platzes an den Sportartikelhersteller auch eine physische Vor-Ort-Installation beinhaltete. Die Parallelen zum drei Jahre zuvor ebenfalls in Wien aufgestellten Container von Christoph Schlingensief mit der Aktion «Bitte liebt Österreich/Ausländer raus!» ist recht naheliegend, gings doch beiderseits darum, die Leute vor den Kopf zu stossen, um sie aufzurütteln.

Ganz so eindeutig verortbar ist keine der jetzt von Doris Gassert und Fabio Paris für das Fotomuseum ausgesuchten Werke/Serien mehr. Die Arbeiten tendieren sämtliche in Richtung Aufklärung. Allerdings unterscheiden sie sich in ihrer Tonalität sehr stark voneinander. Der oberlehrerhaft erhobene Zeigefinger ist genauso erkennbar wie die neckisch-augenzwinkernde Ironie, die indes nur sehr indirekt einen zentralen Punkt einzukreisen vermag. Über allen Werken prangt die Frage, wer als AdressatIn gemeint sein könnte. Einerseits bezüglich Altersstruktur, noch deutlicher aber hinsichtlich eines bereits ausgeprägten Bewusstseins im Umgang mit der Digitalisierung. Es dominiert die leise Ahnung, die Schau wäre möglichst niederschwellig gedacht, was zeitgleich das Problemfeld eröffnet, dass UserInnen in ihrer Vielfältigkeit etwas arg über einen einzigen Leisten geschlagen werden und in der Schublade von Gedankenlos-unwissend landen. Die Belehrung mag in Einzelfällen berechtigt sein, eine Verführung zur lustvollen Denkleistung oder eine schmerzlicher erfahrbare Bewusstwerdung führte vermutlich aber zu einem reizvolleren, auch emotional ansprechenderem Ausstellungserlebnis.

 

Abstrakt/Konkret

Für «Emilys Video» wurden Personen gesucht, die sich das grauenhaft krasseste Video ever anschauen wollten und sich bereit erklärten, sich dabei in all ihren Reaktionen wiederum filmen zu lassen. Zwei Drittel des Panels bleiben schwarz, worin sich das Pu­blikum spiegeln und davon ausgehend auf sich selbst zurückgeworfen fühlen soll. Ein schön pädagogischer Gedanke. Allerdings bewirkt das Beobachten von BeobachterInnen im Ausstellungskontext eher einen erzwungenen Voyeurismus als das beabsichtigte Blossstellen desselben menschlichen Zuges, woraus bei folgender Selbsterkenntnis eine Reflektion resultierte. Die verhandelte Problematik tendiert eher in Richtung Click-Baiting, das Hochtreiben von Clickzahlen, indem reisserische Titel wahnsinnig sensationelle Enthüllungen suggerieren, wohinter dann die platte Banalität lauert. Also die manipulative Absicht von Absender­Innen, die niederen Instinkte (oder sind es nur Reflexe?) direkt anzupeilen, um daraus einen Profit zu ziehen. Beispiel: Onlinemedien. Die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Müll und Information ist nach Befragung mehrerer Teenager aber keine Altersfrage allein. Sich Nonsensevideos anschauen ist einfach eine andere Form von abschalten, wie das für Ältere eine vollends vorhersehbare Telenovela sein kann. Also muss die Linie der Unterscheidung woanders gezogen werden und nach einiger Überlegung landet man bald bei der ungelösten Problematik der fehlenden Chancengleichheit. Beispielsweise hinsichtlich einer Bildung, woraus pekuniäre Gesetzmässigkeiten folgen, die wiederum zu Zwängen in der Freiheit des Handelns führen etc.

Eine ähnliche Diskrepanz besteht, wenngleich offensichtlicher ad absurdum geführt, in der Serie «BEFNOED» (By Everyone, For No One, Every Day). Dafür haben Eva und Franco Mattes auf Crowdsourcing-Plattformen Auftragsarbeiten ausgeschrieben, die von irgendwelchen Menschen irgendwo ersteigert werden können – meist umgekehrt relational zu einer Kunstauktion. Hier gewinnt der geringste Preis. Drei Personen lecken Autofelgen ab, drei Personen bewerben Süssigkeiten, indem sie sich die Verpackungen auf den nackten Oberkörper legen, drei Personen setzen sich von einer Wolldecke verdeckt in eine Zimmerecke. Die KünstlerInnen stellten sie dann auf wenig bekannte Plattformen, mit der erwartbar überschaubaren Resonanz. Um diese Videos überhaupt sehen zu können, ist das Publikum gezwungen, sich zu verrenken, was als physisch erlebbare Parallele zur unkomfortablen Lage von BilligarbeiterInnen verstanden werden will. Dass sich die krass kapitalistische Idee der Ausbeutung von Notlagen von der analogen in die digitale Welt hinübergerettet hat, ist wenig erstaunlich. Und vor allem: Ist das neu? In Zeiten der Pandemie und viel lokaler direkt erfahrbar wäre es, diese Funktionsweise anhand der Lieferdienste für Speisen zu demonstrieren, die gleich doppelt kassieren: Indem für AnbieterInnen wie auch gegenüber Lieferwilligen eine brutale Dumpingpolitik betrieben wird. Nur die zahlenden KonsumentInnen sollen von dieser Schräglage nicht belästigt werden. Solch eine konkrete Anschaulichkeit könnte prädestinierter sein, um gegebenenfalls eine Veränderung im Bewusstsein also im Verhalten der BesucherInnen anzustossen, als die ausgesuchten, tendenziell auf Belustigung ausgelegten Beispiele. Der Link von hier zu real prekäreren Lebenslagen von Menschen in Irgendwo, muss um sehr viele Ecken gedacht werden.

 

Versteckte Agenda

«Jeder Internetkonzern verfolgt eine ‹hidden agenda› und tut alles dafür, dass niemand etwas davon mitbekommt.» So ungefähr lässt sich eine Aussage aus dem Englischen übersetzen, die im Re-Enactment «The Bots» von drei SchauspielerInnen gesprochen wird. Ein nicht namentlich erwähnter investigativer Journalist hat in Berlin verschiedene als «ModeratorInnen» für Socialmedia-Plattformen arbeitende Personen interviewt. Deren heikle Aussagen werden jetzt hinter einer Fassade von krass überhöht lachhaften Schmink-Tutorials versteckt, damit sie wiederum unter dem Zensurradar hindurchschlüpfen. Auf Anfrage erklärt die Pressesprecherin des Fotomuseums, dass eine chinesische Bloggerin diese Taktik erfolgreich angewandt hatte, um den Umgang des Regimes mit den Uiguren anzuprangern und damit viral ging (grossen Verbreitungserfolg erzielte). In der Ausstellung sind drei grosse Monitore unter gekippte Schreibtische montiert, die vermitteln sollen, dass alles, was auf allen Plattformen veröffentlicht wird, von Menschen überprüft wird – wie lange noch, ist eine ebenfalls gestellte Frage. Vielleicht nur, bis die Algorithmen mit ausreichend ‹Erfahrung› gefüttert werden konnten. Auch hier handelt es sich um Billiglöhner ohne soziale Absicherung. Sie wissen noch nicht einmal, für welche Plattform sie arbeiten und erhalten automatisiert als grenzwertig markierte Posts zur Begutachtung auf den Rechner gespielt. Die Ausschlusskriterien sind regionalspezifisch verschieden, basieren aber weltweit auf dem US-amerikanischen Rechtsverständnis. Um die feinen Unterschiede ausmachen zu können, werden Menschen mit Kenntnis der lokalen Mentalität, moralischen Grundwerteauffassung, Religion etc. gesucht, die dann in einer Berliner Wohnung über Freigabe oder Zensur entscheiden. An der Wand gegenüber sind in der Installation «Abuse Standards Violations» einzige Beispiele von offensichtlichen Ausschlusskriterien zu sehen. Hier wird ein Pulk von Pro­blemstellungen auf einen Schlag zu vermitteln versucht. Die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen und die Manipulationsmacht und das -interesse der Multis, die das Wesen von Willkür immerhin schrammt, versus einer mangelnden Bereitschaft (oder Möglichkeit), sich gewerkschaftlich zu organisieren. Und die Vielfalt an potenziellen Möglichkeiten, diesen Kontroll- oder Zensurmechanismus zu unterwandern. Der Blick hierauf ist einigermassen eurozentristisch, wie auch die Einstufung des Sicherheit in der Übertragung garantierenden Messengerdienstes ‹Telegram›. In Weltregionen mit weniger freiheitlichen Regimes sehen kritische Zeitgeister diese Möglichkeit in einem gänzlich anderen Licht. Und natürlich bedienen sich solcher Umgehungsmechanismen der subversiven Unterwanderung respektive Nutzung von gesicherten Publikationswegen auch AbsenderInnen mit weniger hehren Absichten.

 

Analog/Digital

Die Probleme der analogen Welt spiegeln sich im Digitalen. Nur dass in diesem Raum noch weitgehend das Recht des Stärkeren herrscht und sich die bereits bestehende Schräglage täglich verschärft, weil aus Multis längst Giganten wurden. Shoshana Zuboff beschreibt in «Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus» (Campus Verlag, 2018) ausführlich anhand der Suchmaschine Google, wie das funktioniert. Wenn Cory Arcangel im Katalog beschreibt, wie die Verkleinerung des Smartphonebildschirms beispielsweise einer Superjacht die Menschen tendenziell dazu verleite, sich in «schulterzuckende Akzeptanz» zurückzuziehen, und mit dem Hinnehmen dieser Wildwestmanier Tür und Tor weiterhin offen zu halten, spricht er indirekt auch davon, dass eine offenbar ausreichende Anzahl von UserInnen noch immer davon ausgehen soll, dass digitale und analoge Welt zwei verschiedene Dinge seien, die separiert voneinander funktionierten. Zieht man die Arbeit «Hannah Uncut» mit in Betracht, scheint der dezidierte Widerspruchsreflex dagegen vielleicht doch zu stark von der eigenen Wahrnehmung, respektive jener der analogen Bubble beeinflusst. Eva und Franco Mattes suchten eine Person, die bereit war, für 1000 Dollar ihr Smartphone inklusive aller Inhalte für eine öffentliche Kunstbearbeitung zu verkaufen. Der jetzt rund fünfzigminütige Loop an Bildern, die allesamt ursprünglich nicht für eine Veröffentlichung verwendet wurden, also Ramsch sind, gibt ein Abbild davon, wie selbstverständlich die Verwendung dieses Tools in allen Lebenslagen geworden ist. Weder die Teenager-Referenzgruppe noch jene der Generation X vergeuden ihren Speicher mit so viel eigenhändig als unnütz taxierten Daten. Weil sie – vornehmlich die Jungen – einerseits ausgesprochen kritisch gegenüber Clouds sind und weil auch bei einem Neukauf die alten Daten auf das neue Gerät übertragen werden, sich die Problematik des zur Neige gehenden Speichers also quasi tagtäglich stellt respektive zuspitzt.

Eine alternative Lesart, dass es sich um eine inszenierte Lebenswelt handeln könnte, würde die beabsichtigte Aussagekraft des Werks nicht massgeblich verändern. Es geht um Irritation. An sich in der gesamten Ausstellung. Mal subtiler, mal kaum erkenntlich. Diese Irritation wiederum soll darauf hinweisen, sich eine gewisse Skepsis zu bewahren, denn die Problemstellungen und Zusammenhänge zeigen sich im Digitalen ziemlich eins zu eins aus dem Analogen gespiegelt. Im Idealfall wird diese Transformation zunehmend als Brennglas wahrgenommen, die das Bewusstsein für die Dringlichkeit der Eigenverantwortung in Erkennen und danach Handeln steigert. Für das Individuum, aber verstärkt noch für die Politik, will sie ihr Primat zurück.

 

Eva & Frank Mattes: «Dear Imaginary Audience», bis 24. Mai, Fotomuseum, Winterthur. Katalog bei Spector Books.

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