«Wir müssen ja nicht Schweizer 2.0 sein»

Die Comedians Eddie Ramirez und Sven Ivanic erobern zurzeit die Bühnen der Schweiz. Mit einem Selbstverständnis verarbeiten sie unterschiedlichste Themen wie Migration oder das Leben mit einer Behinderung. Im Gespräch mit Milad Al-Rafu diskutieren die beiden Comedians unter anderem über die Grenzen von Comedy, die Schweizer Szene sowie die Grossmutter als Inspirationsquelle. 

 

Was hat Sie als Letztes zum Lachen gebracht? 
Sven Ivanic: Ich bin nicht stolz darauf. Aber als ich kürzlich mit meinen Freunden in einer Bar sass, haben wir uns über Titel von Schmuddelfilmen amüsiert: «Shaving Ryan’s Privates»…
Eddie Ramirez: Wahrscheinlich ein dummes Wortspiel.

 

Gibt es Sachen, über die Sie nur heimlich lachen?
S.I.: Lachen ist etwas Gesellschaftliches, ich lache selten allein.
E.R. : Ja, wobei Lachen auch nur ein Reflex sein kann und nicht zwingend bedeuten muss, dass man etwas lustig findet – sozusagen als Reaktion auf den Schock. So kann dies auch mal bei einem rassistischen Witz passieren, obwohl man eigentlich sonst nie darüber lachen würde.

 

Was empfinden Sie als schlechtes Comedy-Handwerk? 
E.R.: Man kann fast über alles einen guten Witz machen. Bei schlechten Witzen stimmt entweder der Aufbau nicht oder das angesprochene Thema ist in dieser Form nicht lustig.
S.I.: Wie Eddie schon gesagt hat, kann das Lachen auch nur einen körperlichen Reflex darstellen auf eine Anstrengung, die endlich vorbei ist – etwa, wenn jemand einen zu langen Aufbau gewählt hat.

 
Gibt es etwas, was Sie nicht lustig finden bzw. gibt es Witze, die Sie so nicht machen würden? 
E.R.: Ich wurde an Auftritten auch schon vorgestellt als «Eddie Ramirez, der Witze über Behinderte macht». Dies ist aber zu plump. Denn ich erzähle nicht einfach Witze über Leute mit Behinderungen, sondern versuche mit den Erwartungen des Publikums zu spielen. Allgemein würde ich keine Witze machen, die auf Schwächere abzielen – sei dies aufgrund deren finanziellen Lage, Herkunft, körperlichen und geistigen Fähigkeiten oder wegen deren Gender.
S.I.: Es ist alles eine Frage des Kontextes. Im Privaten würde ich jeden Witz über alles machen, aber nicht immer. Denn in einer guten Runde kann auch ein grenzwertiger Witz erzählt werden, weil man ja auch weiss, dass niemand verletzt wird. Natürlich muss man dann auch mit den Konsequenzen leben können. Auf der Bühne hingegen bin ich zurückhaltender. Zudem bin ich ein sehr harmoniebedürftiger Mensch: Ich gehe in meinem Programm selten mit dem Publikum auf Konfrontation – die Witze zielen vielmehr auf meine eigene Person ab.

 

Also kennt Humor Ihrer Meinung nach auch Grenzen, die nicht überschritten werden sollen? 
E.R.: Man kann eigentlich über alles Witze machen. Mit der Kritik muss man dann einfach umgehen können. Gewisse Künstler verweisen bei Kritik auf die Kunstfreiheit, was zu einfach ist. Ich orientiere mich an der Leitlinie «Don’t punch down, punch up»: Ich versuche mich über die Privilegien gewisser Leute lustig zu machen und nicht über sozial schlechter gestellte Gruppen. Wenn ich zum Beispiel einen Witz über Transpersonen erzählen würde, dann würde ich dies nur akzeptabel finden, wenn am Schluss nicht über die Transperson gelacht wird, sondern über meine eigene Ignoranz gegenüber ihr.

 
Woraus ziehen Sie die Inspiration? 
E.R.: Ich ziehe viel Inspiration aus Sachen, die mich frustrieren. Gleichzeitig machen mir dumme Wortspiele sehr viel Spass. Ich versuche allgemein, vermehrt Inspiration aus Sachen zu ziehen, die mir Freude machen. Auch um mein eigenes Repertoire zu erweitern.
S.I.: Ich brauche sehr viel Inputs für mein Material. Sei dies Musik, Hörbücher, Serien etc.
E.R.: Stimulation ist wichtig, um neues Material schreiben zu können. Gleichzeitig versuche ich, andere Comedy-Programme zu vermeiden, aus der Angst, zu stark davon beeinflusst zu werden und unbewusst einen Witz zu stehlen.

 

Haben Sie Vorbilder in Sachen Comedy?  
S.I.: Vor allem englische und amerikanische Comedians: Sacha Baron Cohen, Louie
C.K, bevor seine sexuellen Übergriffe publik wurden, Dave Chapelle. Doch auch Musiker dienten mir oftmals als Vorbilder in Sachen Humor – wie zum Beispiel die Ärzte oder Deutschrapper, die sich nicht zu ernst nehmen.
E.R.: Hannah Gatsby, Jessica Williams, Cameron Esposito, aber auch Comics und Videogames.
S.I.: Was mich auch sehr geprägt hat, ist die balkanische Mentalität. Zwischen ihr und der schweizerischen Kultur bestehen meiner Meinung nach in Sachen Humor grosse Unterschiede, auch wenn das gewisse Leute nicht gerne hören. Bei mir zu Hause wurde ein sehr schwarzer Humor gelebt. Auch meine Grossmutter, die schwere Zeiten durchgemacht hat und trotzdem stets zu Scherzen aufgelegt war – egal in welchem Krieg sie sich gerade befand – stellt eine Inspiration dar.
E.R.: Auch in meiner Familie lacht man viel über eigene traumatische Erlebnisse. Das hat meinen Humor massgeblich beeinflusst.

 
Was schätzen Sie an der Schweizer Comedy-Landschaft? 
S.I.: In der Schweiz ist man zwar noch nicht soweit. Aber es gibt viele Bühnen, Kleintheater und Veranstalter. Die Nachfrage nach Comedy ist sehr gross – gerade bei der Generation, die mit YouTube und Netflix aufgewachsen ist. Da bleibt viel Raum, um sich zu entfalten.
E.R.: Innerhalb der Szene unterstützt man sich und gibt sich hinter der Bühne auch mal Tipps, was ich sehr schätze. Das Publikum hat ausserdem grosse Lust auf Stand-Up auf Schweizerdeutsch, der etwa aus dem Kreis 4 kommt – und nicht immer nur aus Amerika.

 

Was vermissen Sie im Gegenzug an der hiesigen Szene?  
E.R.: Ich wünsche mir, dass es mehr Comedians geben würde, die auch Themen in ihr Programm einbauen, die auf den ersten Blick nicht lustig sind – wie etwa Depressionen: Die Comedy, die mir persönlich am stärksten in Erinnerung bleibt, sind Erzählungen von Personen, die durch eine schwierige Zeit gegangen sind und trotzdem mit Humor davon berichten können, ohne das Thema ins Lächerliche zu ziehen. Ich denke jedoch, dass wir uns auf gutem Weg befinden.

 

Wie fühlt man sich in einer mehrheitlich weissen und homogenen Comedy-Szene als Person mit Migrationshintergrund?  
S. I.: Die Szene ist gar nicht so weiss und homogen. Es stimmt zwar, dass sich das Publikum mehrheitlich aus SchweizerInnen im mittleren Alter zusammensetzt. Dies stellt jedoch keinen grossen Unterschied zu meinen Alltagserfahrungen dar. Es ist ja nicht so, dass ich in meinem täglichen Leben nur von Ausländern und Personen mit Migrationshintergrund umgeben wäre, und dann völlig geschockt bin, wenn ich auf der Bühne stehe. Ich habe mich damit seit Langem schon arrangiert, was meine Schwiegersohn-Persona und meine «Killer-Höflichkeit» erklärt.
E.R.: Mir wurde im Anschluss von Auftritten schon gesagt, dass gewisse Leute mit meinen Erzählungen nicht «connecten» konnten. Ich frage mich dann, ob das Publikum nicht bereit ist oder ob es an mir liegt.  Es gibt aber Witze, die ich immer bringe, egal wie weiss das Publikum ist – zum Beispiel Witze darüber, dass man meine Afro-Haare nicht einfach anfassen soll. Aus dem Publikum kommen dann oftmals positive Rückmeldungen, etwa von anderen Personen mit Afro-Haaren, die sich dafür bedanken, dass jemand auch solche Themen anspricht.

 

Herr Ivanic: Haben Sie manchmal Angst, dass Ihre Witze über Leute aus dem Balkan Vorurteile verstärken?  
S. I.: Nein. Das wäre mir auch egal. Denn mit meinen Witzen versuche ich ja aufzuzeigen, dass die Unterschiede zwischen den Kulturen gar nicht so gross sind. Und wenn es tatsächlich mal Unterschiede gibt, dann versuche ich dem Publikum auf humorvolle Weise darzulegen, dass ein paar Differenzen niemandem schaden: Wir müssen ja nicht Schweizer 2.0 sein. Ausserdem handelt es sich um Comedy, und wenn Leute gewisse Übertreibungen nicht als solche erkennen, dann ist Hopfen und Malz eh verloren. (lacht)
E.R.: Du gehst ja nicht an SVP-Veranstaltungen und erklärst den Leuten, was es mit diesen «Jugos» wirklich auf sich hat. (beide lachen)

 

Herr Ramirez: Als Person mit einer Behinderung sind Sie innerhalb der Szene immer noch eine Ausnahme. Mit was für Situationen sehen Sie sich konfrontiert, mit denen sich andere Comedians so nicht rumschlagen müssen? 
E.R.: Mit Treppen (lacht). Es hat wirklich viel mit logistischen Fragen zu tun. Etwa, dass ich die SBB informieren muss, oder mich darum kümmern muss, dass mich jemand abholt.
S.I.: (wendet sich an Ramirez): Legen andere Comedians mehr Sensibilität an den Tag als fremde Personen im Alltag?
E.R.: Fremde Personen im Alltag sind oft überfordert, was sich in übertriebener Hilfsbereitschaft oder auch Mitleid äussern kann. Obwohl Comedians genauso verunsichert sein können, sind sie sich dadurch, dass ich ebenfalls auf der Bühne bin, bewusst, dass meine Behinderung nur körperlicher und nicht geistiger Natur ist. Dies ermöglicht von Anfang an einen Umgang auf gleicher Ebene.

 

Was gibt es Ihnen, vor wildfremden Menschen aufzutreten?
Beide (unisono): Geld. (lachen)
E.R.: Ich bringe die Leute gerne zum Lachen. Es hat mir auch viel Selbstvertrauen im Privatleben gegeben. Ich traue mich nun viel eher, mal meine Meinung zu sagen.
S.I.: Ich empfinde mein Leben als viel intensiver seitdem ich Comedy mache – auch wenn das jetzt so pseudokünstlerisch rüberkommen mag: Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass ich eine Kreativität in mir habe, und wenn die nicht raus kann, entsteht Frustration. Das Auftreten selbst ist immer ein ‹wilder Ritt› – man weiss nie, wie der Abend ablaufen wird: Es ist faszinierend, einen Raum voller fremder Menschen auf seine Seite zu holen und sie nicht nur von der eigenen Person zu überzeugen, sondern sie auch dazu zu animieren, selbst Sprüche zu klopfen.
E.R.: Ich habe sehr viel spannende Menschen kennengelernt, seitdem ich Comedy mache. Ich spiele nun auch Theater, was mir viel Freude bereitet.
S.I.: Man fühlt sich ein bisschen wie ein Gaukler, der von Stadt zu Stadt zieht und die Leute unterhält. Oftmals findet man sich in absurden Situationen wieder: Ich bin schon in einem Coiffeursalon aufgetreten, vor dem Kader im Militär, an einer Balkanparty oder im Dolder an einem schicken Essen. Zudem profitiert man von einer gewissen Narrenfreiheit: Während alle Angestellten den CEO siezen, bist du automatisch per Du und kannst dir allgemein viel mehr erlauben.

 

Hat Humor überhaupt die Macht positive Veränderungen in einer Gesellschaft herbeizuführen? 
E.R.: Ich versuche auf der Bühne, Leute für gewisse Themen zu sensibilisieren. Würde es nur ums Lachen gehen, würde ich es wahrscheinlich nicht machen.
S.I.: Bei mir steht schon die Unterhaltung im Vordergrund. Schon nur jemanden zum Lachen bringen und so einen Bruch zum Alltag zu bewirken, motiviert mich. Ich will jetzt auch nicht so tun, als würde ich mit meinem Dasein als Comedian einen Aufklärungsauftrag verfolgen. Habe ich mit meinen Witzen noch einen positiven Effekt auf jemanden, dann freut mich das natürlich umso mehr.

 

Was sind Ihre Träume für die Zukunft?
S.I.: Dass ich mit Comedy mein Leben bestreiten kann und mir einen Namen in der Schweizer Comedy mache. In der Romandie aufzutreten, wäre auch ganz cool.
E.R.: Mittlerweile würde ich gerne von Comedy oder sonstigen Performance-Künsten leben können. Bei einer Late-Show mitzuwirken oder als Schreiber für andere Comedians tätig zu sein, würde mich auch reizen.

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