Unterstützung jenseits der Grenzen

Vanja Crnojević flüchtete als Kind mit ihren Eltern aus Bosnien in die Schweiz. Heute leistet sie selber Flüchtlingshilfe – als Gründerin des Vereins «Borderfree Association», mit dem sie die Flüchtlinge in serbischen Camps unterstützt. Am Telefon erzählt sie Leonie Staubli von ihrer Arbeit.

 

Seit Sie die «Borderfree Association» ins Leben gerufen haben, arbeiten Sie unermüdlich daran, das Leben in den Flüchtlingscamps besser zu machen. Wie kam es dazu?

Vanja Crnojević: Ich bin im August 2015 allein nach Serbien gereist, mit 2000 Franken, die Freunde gespendet hatten, im Gepäck. Damals wusste ich noch fast nichts über die Situation in den Camps. In Preševo blieb ich fünf Tage lang, schloss mich Einheimischen an und kaufte mit ihnen Essen ein, um es an die rund 15 000 Flüchtlinge aus verschiedenen Ländern zu verteilen, die jeden Tag durch die Stadt kamen. Auch heute sind es nicht weniger Menschen auf dieser Route, zumal viele wieder zurückkommen, zum Beispiel aus Deutschland. Da sich Europas Haltung zur Flüchtlingspolitik jetzt noch einmal verschärft hat, rechnen wir damit, dass die Zahl der Zurückkehrenden weiter ansteigt.

 

Wie ging es nach diesen fünf Tagen weiter?

Zurück in der Schweiz gründete ich zusammen mit einigen Freundinnen den Verein. Wir schrieben Statuten, liessen uns registrieren und eröffneten ein offizielles Spendenkonto. Schliesslich kündigte ich meinen Job, um voll für die «Borderfree Association» arbeiten zu können. Seither bin ich jeweils zwei bis drei Wochen in Serbien und dann wieder zwei bis drei Wochen in der Schweiz. Diesen Wechselrhythmus brauche ich auch aus Gründen der Gesundheit; wenn ich in Serbien bin, schlafe ich kaum, ich habe Mühe, mich zu schonen.

 

Wie finanziert sich die «Borderfree Association»?

Wir leben von Spenden. Die kommen zu einem grossen Teil von Leuten, die von Anfang an mitverfolgt haben, was wir machen. Aber diese Leute kommen auch als Freiwillige in die Camps, um zu helfen; wenn sie wieder zuhause sind, erzählen sie ihren Freunden und Verwandten von uns. Und wir dokumentieren natürlich alles und machen Spendenaufrufe über Facebook. Einige Freiwillige organisieren auch Konzerte oder Partys in der Schweiz, deren Einkünfte dem Verein gespendet werden. So wächst unser Netz langsam.

 

Was machen Sie mit den Freiwilligen in den Camps?

Oft können wir auf ihre eigenen Talente und Ideen eingehen. Aber es gibt einige Aktivitäten, die fest eingerichtet sind. Zum Beispiel haben wir einen Sportlehrer, der fünf Mal wöchentlich Fussballtrainings und am Wochenende einen Match leitet. Dann unterrichten wir Deutsch und Englisch und führen eine Tee- und Kaffeebar, die auch eine Bibliothek mit über 600 Büchern in Farsi und Arabisch beinhaltet. Und es gibt Coiffeure, IT-Kurse und eine mobile Zahnklinik, die sich in verschiedenen Camps bewegt, aber auch zu den ärmeren Leuten ausserhalb der Camps fährt. Bei all diesen Dingen helfen nicht nur die Freiwilligen, sondern auch die Flüchtlinge selber mit.

 

Und Sie organisieren das alles?

Ich arbeite vor allem selber mit. Ich mache alles, was die Flüchtlinge und Freiwilligen auch machen. Aber da ich sozusagen die Chefin bin, muss ich natürlich auch Entscheidungen treffen und den Kontakt zu den Ministerien, dem Staat und der Polizei halten. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass man zum Beispiel eine Zahnklinik führen darf; für solche Dinge brauchen wir eine Bewilligung.

 

Ihr nächstes Projekt ist der Aufbau des «House of Rescue», eines Heims für unbegleitete Flüchtlingskinder. Wie sind Sie darauf gekommen?

Als wir einmal am Bahnhof Schlafsäcke verteilten, wurden wir von zwei kleinen Jungs angesprochen. Wir haben nach ihren Eltern gefragt, doch sie meinten, sie hätten keine. Die Einheimischen sagten dann, dass das oft vorkomme. Diese Kinder gehen durch die Hölle: Ihre Eltern wurden umgebracht oder konnten aus anderen Gründen nicht mitkommen, sie werden auf dem Weg vergewaltigt, geschlagen und manchmal auch verkauft und sie erreichen die Camps schwer traumatisiert. Das hat mir fast das Herz gebrochen.

 

Und darum wollen Sie ihnen ein Zuhause bieten?

Das «House of Rescue» war eigentlich die Idee des serbischen Ministeriums für Soziales und Arbeit. Diese Leute waren immer zufrieden mit unserer Arbeit und fragten uns, ob wir nicht ein Haus kaufen und zu einem Heim machen wollen, damit wir diese Kinder betreuen und zu einem normaleren Leben zurückführen können. So ein Unterfangen kostet aber viel Geld – das Heim soll 15 Kinder auf einmal beherbergen können, und wir möchten ihnen nicht nur Kleider und Essen, sondern auch psychische Betreuung bieten können. Wir haben jetzt mit Sammeln angefangen. Für den Kauf und die Renovation brauchen wir 82 000 Franken.

 

Was passiert weiter mit den Kindern?

Die oberste Priorität ist, sie von den Strassen zu holen und ihnen Begleitung und Unterstützung zu bieten. Wir möchten auch ihre Eltern ausfindig machen, und wenn das nicht geht, sollen Pflegefamilien in Europa gefunden und vermittelt werden. Damit haben wir aber nicht direkt zu tun, wir organisieren bloss den Aufenthalt im Heim und sehen zu, dass es den Kindern gut geht. Wir helfen den Flüchtlingen nicht bei der Weiterreise in andere Länder, sondern kümmern uns um die Zustände in den Camps. Momentan konzentrieren wir uns aber voll auf das «House of Rescue». Weil das so viel von uns abverlangt, beschäftigen wir gerade nur Volunteers in der Schweiz und halten in Serbien bloss die mobile Zahnklinik am Laufen.

 

Informationen zum «House of Rescue» und die Möglichkeit zu spenden finden sich unter:
www.100-days.net/de/projekt/house-of-rescue

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