Steter Tropfen höhlt den Stein

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Bis zu den Stadtratswahlen vom 4. März 2018 befragen wir an dieser Stelle die amtierenden StadträtInnen und die neu Kandidierenden zu einem aktuellen Thema – dieses Mal Karin Rykart, Gemeinderätin und Co-Geschäftsleiterin von Waldkindergarten und -krippe Troll, zum Thema «Gleichstellung». Die Fragen stellte Nicole Soland.

 

In Island ist es seit dem 1. Januar verboten, Männern und Frauen unterschiedliche Löhne für denselben Job zu bezahlen. Ihr Kommentar?

Karin Rykart: Endlich geht jemand voraus und macht Nägel mit Köpfen, das finde ich gut. In der Schweiz sind die Gleichstellung von Frau und Mann sowie gleicher Lohn für gleiche Arbeit bekanntlich seit 1981 in der Bundesverfassung verankert, und dennoch gibt es auch 37 Jahre später noch einen nicht erklärbaren Lohnunterschied von 7000 Franken jährlich. Die Frauen verdienen somit trotz identischer Ausbildung und Qualifikation für dieselbe Arbeit über 500 Franken pro Monat weniger als die Männer. Wie soll ich meiner Teenager-Tochter erklären, dass höchst wahrscheinlich auch sie noch von dieser Ungerechtigkeit betroffen sein wird?

 

Letzten Sommer hat der Bundesrat die Botschaft zur Änderung des Gleichstellungsgesetzes verabschiedet: Unternehmen mit 50 oder mehr Angestellten müssen künftig alle vier Jahre betriebsintern eine Lohnanalyse durchführen, diese extern überprüfen lassen und die Angestellten über das Ergebnis informieren. Glauben Sie daran, dass diese Änderung tatsächlich umgesetzt wird?

Bundesrat und Parlament sind männlich dominiert, und natürlich finden sich immer Männer, die hinstehen und erklären, eine solche Übung bringe doch nichts. Sie wollen das Problem der Lohnungleichheit einfach nicht wahrhaben. Das ist ärgerlich. Zumal besagte Männer oft dieselben sind, die «gleiche Rechte und Pflichten für alle» fordern, wenn es um die Erhöhung des Frauen-Rentenalters oder die Wehrpflicht geht. Aber die Frauen machen auch heute noch mehr unbezahlte Hausarbeit und leisten mehr Betreuungsarbeit für Kinder oder betagte Eltern, sie arbeiten deshalb häufiger Teilzeit, verdienen weniger und bekommen dereinst auch weniger Rente und Pensionskassengeld.

 

Und das wird zu wenig beachtet?

Wenn es den Männern wirklich um Gleichstellung ginge, müssten sie auch diese Fakten berücksichtigen. Stattdessen werden jene, die sich, wie ich, darüber ärgern, dass es diesbezüglich einfach nicht vorwärts geht, umgehend als Feministinnen gebrandmarkt, leider immer noch ein negativ besetzter Begriff.

 

Hand aufs Herz: Würden Sie sich als klare Befürworterin von Frauenquoten für ein Amt oder einen Job bewerben, wenn Sie dort im Verdacht stünden, «nur eine Quotenfrau» zu sein?

Damit hätte ich kein Problem. Diesen Vorwurf hörte ich auch nach der Entscheidung der Grünen, dass ich nur nominiert wurde, weil ich eine Frau bin. Doch solange ich die nötige Ausbildung und Erfahrung für einen Job mitbringe, warum sollte ich mich dann als «reine Quotenfrau» sehen und das Gefühl haben, mich nicht bewerben zu dürfen? Wir Frauen müssen auch forscher werden, sonst ändert sich nie etwas.

 

Vom bürgerlichen Wahlbündnis Top5 ist zu vernehmen, es mangle Ihnen an Führungserfahrung.

Ich bin Co-Geschäftsleiterin eines KMU. Wir haben 20 Angestellte, für die wir verantwortlich sind, und ich war Fraktionspräsidentin im Gemeinderat und Co-Stadtparteipräsidentin der Grünen. Ich bringe durchaus Führungserfahrung mit. Das Business Kinderbetreuung ist nicht wirklich ein lukratives Geschäft. Die Arbeit jedoch ist durchaus anspruchsvoll: Ich weiss, was es braucht, damit die Finanzen eines KMU stimmen.

 

Maya Graf, Nationalrätin der Grünen, reichte am 8. März 2017 einen Vorstoss ein, der verlangt, dass der Anspruch auf eine angemessene Geschlechtervertretung in der Regierung in der Verfassung verankert wird. Gestern Donnerstag hat die zuständige Kommission den Vorstoss behandelt. Braucht es wirklich auch noch eine Bundesrätinnen-Quote?

Man muss auf allen Ebenen aktiv sein und in allen Themenbereichen etwas unternehmen, wenn die Gleichstellung je verwirklicht werden soll. Es schadet sicher nicht, dass eine solche Quote dank des Vorstosses aktuell diskutiert wird. Obendrein ist es schon bezeichnend, dass bei Bundesratswahlen die geographische Herkunft und die Muttersprache der Kandidaten und Kandidatinnen jeweils genaustens austariert werden – nur das Geschlecht ist kein Thema. Bezeichnend fand ich auch die Aussage der Präsidentin der CVP-Frauen, Babette Sigg, in der letzten ‹NZZ am Sonntag›: Sie sagte sinngemäss, wenn Bundesrätin Doris Leuthard dereinst zurücktrete, könne die CVP nicht mit einem weiblichen Zweierticket kommen, da ja auch mehrere CVP-Männer gerne Bundesrat werden möchten… Und die SVP erklärt jeweils schlicht, sie nehme halt einfach die besten Köpfe – meistens sind das Männer.

 

Frauen müssen doch nach wie vor besser sein und mehr leisten, um es nach ganz oben zu schaffen.

Die Männer sind die Norm, die Frauen die Ausnahme davon. Das schlägt sich unter anderem darin nieder, dass sie genauer beobachtet werden und daher rascher in der Kritik stehen, sei es wegen ihres Arbeitsstils, ihrer Amtsführung oder auch bloss wegen der Art, wie sie sich kleiden.

 

Genau: Die Personalwechsel im Departement von Stadträtin Claudia Nielsen sind immer wieder ein Thema, jene bei Stadtrat Filippo Leutenegger nicht. Und zum Führungsstil der Direktorin der städtischen Alterszentren, Rosann Waldvogel, haben FDP und Grüne gemeinsam zwei schriftliche Anfragen eingereicht. Sie waren damals Fraktionspräsidentin der Grünen.

Ich werde immer mal wieder gefragt, ob ich Susanne Brunner, die Stadtratskandidatin der SVP, wählen werde – schliesslich sei sie ja auch eine Frau… Die gleiche Frage würde einem Mann nie gestellt. Aber gut: Die Direktorin der Alterszentren wurde zum Thema wegen Weiterbildungen. In diesen Kursen ging es um «Werte», die Waldvogels Team vermittelt werden sollten. Daran ist nichts auszusetzen, aber die Weiterbildungen wurden von umstrittenen Coaches geleitet – das finde ich schwierig, da bekomme ich ein mulmiges Gefühl. Daraus resultierte schliesslich die erwähnte Anfrage. Für mich steht bei der Führung von MitarbeiterInnen die Motivation im Vordergrund – und diese hängt auch mit einer fairen Entlohnung zusammen.

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