Warum der Alleingang in Sachen Gleichstellung nicht funktioniert

Am 18. März 2017 nahmen in Zürich fast 17 000 Personen am Women’s March teil. Ein toller Erfolg. Frauen kämpfen seit Jahrzehnten für eine Gleichstellung – 2017 lief zu diesem Thema auch der Film «Die göttliche Ordnung» in den Kinos, der sich diesem Kapitel widmet. Vieles wurde erreicht, doch zurücklehnen können sich die Frauen auch heute noch nicht, immer wieder müssen engagierte Aktivistinnen auf die Strasse, um für grundlegende Rechte zu demonstrieren. Dasselbe gilt auch für viele andere Bereiche, bei denen es um Gleichstellung geht.

 

Wer nicht nur den Feminismus, sondern die verschiedenen emanzipatorischen Bestrebungen studiert, merkt schnell, dass jede Bewegung sehr isoliert agiert. Hier kämpfen Frauen für Gleichberechtigung, dort Schwule und Lesben gegen die Diskriminierung der LGBTI-Gemeinschaft, und auch Menschen mit Behinderung engagieren sich im Alleingang für ihre Anliegen – die Liste liesse sich beliebig erweitern. Doch macht es Sinn, dass jede Organisation nur auf ihre Interessen fokussiert?

 

Bei eingehender Beschäftigung mit dieser Thematik kommt man unweigerlich zum Schluss, dass dieses Vorgehen einem engen Denken entspricht. Die selektive Wahrnehmung und die Buschkämpfermentalität – jeder für sich – bringen keine dieser Bewegungen richtig vorwärts. Also sind neue Konzepte gefordert. Dabei darf es jedoch nie darum gehen, eine bestimmte Gruppierung mit der Mehrheit gleichzustellen, sondern eine Form zu finden, in der Vielfalt gelebt werden darf.

 

Zentral ist, dass Behinderung, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Herkunft und Alter als gleichwertige gesellschaftspolitische Themen wahrgenommen werden. Das gelingt aber nur, wenn wir von diesem Schemadenken wegkommen und Hirn und Herz für alle Facetten, die diese Welt bereichern, öffnen.

 

Der Weg zum Ziel heisst deshalb Inklusion. Ein etwas abstrakter Begriff – man könnte ihn auch mit «gemeinsam vielfältig» umschreiben.

 

In einer inklusiven Gesellschaft ist jedes Lebens- und Arbeitsmodell gleichgestellt. Jeder wählt für sich jenes Konzept, das ihm entspricht. Das heisst nicht, dass man tun und lassen kann, was man möchte – die Gesellschaft verlangt nach Regeln, und oft müssen auch Kompromisse geschlossen werden, aber niemand darf wegen seines Geschlechts oder seines Alters, wegen seiner Herkunft, Behinderung oder sexuellen Orientierung diskriminiert werden.

 

Wenn wir die Inklusion leben, erblüht die Vielfalt des Menschseins in seinen unzähligen Formen, und das ist es doch, was das Zusammenleben spannend und farbig macht – wir sind schliesslich keine Roboter. Die Möglichkeit zur Wahl des individuellen Modells ist Voraussetzung für eine Gleichstellung. Von diesem Konzept profitiert die gesamte Gesellschaft, denn so kann jedes Individuum sein Potenzial ausschöpfen und seine Talente einbringen.

 

Ich bin klar der Meinung, dass der isolierte Kampf um Gleichstellung ein veraltetes Verhaltensmuster widerspiegelt. Die Zeit ist überreif, wir müssen endlich eine gemeinsame Plattform, einen gemeinsamen Nenner, ein gemeinsames Ziel definieren. Damit alle emanzipatorischen Bewegungen zusammenwirken können, sind jedoch gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen Voraussetzung. Deshalb: Arbeiten wir endlich zusammen, und bauen wir gemeinsam an der inklusiven Gesellschaft. Haben wir den Mut, gemeinsam anders zu sein.

 

Islam Alijaj

 

Islam Alijaj ist Gemeinderatskandidat der SP Zürich 9.

islamalijaj.ch

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