Es ist kein komplexes Problem, es ist eine Willensfrage

Der ehemalige Arabistik-Professor Aref Hajjaj sprach am Donnerstag, 26. September im Kirchgemeindehaus Neumünster über Perspektiven zur Lösung des Israel-Palästina-Konflikts. Thomas Loosli hat mit ihm gesprochen.

 

Wie würden Sie die momentane Lage in Palästina beschreiben?

Aref Hajjaj: Ich würde sagen, sie ist sehr schlecht, besonders im Gaza-Streifen, wo man von einer humanitären Katastrophe sprechen muss. Auch in der Westbank ist die Lage nicht gut, die wirtschaftliche Situation ist dort aber besser. Insgesamt herrscht viel Perspektivlosigkeit, weil das Festhalten am Status quo von Israel und der palästinensischen Führung zu einer Frustration in der Bevölkerung führte.

 

Wird sich die Politik Israels dank der letzten Wahlen verändern?

Ich sehe kaum Unterschiede zwischen der Palästina-Politik von Netanyahu und Ganz. Es würde sich wenig ändern. Auf der anderen Seite wäre es gut, wenn Netanyahu von der politischen Bühne verschwinden würde. Das wäre im Interesse der israelischen Politik und Gesellschaft und möglicherweise wäre es auch gut für Palästina, weil Netanyahu Verhandlungen mit Palästina unmöglich gemacht hat.

 

Welche Rolle spielen die Hamas in diesem Status quo?

Man müsste eher fragen, welche Rolle die palästinensische Führung hier übernimmt. Es ist ein Ärgernis, dass die beiden Gruppierungen (Hamas und Fatah) sich nicht einigen können. Das macht die Palästinenser noch kleiner. Beide kleben an ihren Sesseln fest. Eigentlich hätte spätestens 2010 neu gewählt werden müssen. Das ist nicht geschehen. Hamas und Fatah tun so, als hätten sie eine unendliche Legitimität zu herrschen.

 

Sie beschreiben in ihrem Buch «Land ohne Hoffnung», dass Jihadismus und arabischer Nationalismus eng miteinander verbunden seien. Können Sie das erläutern?

Die arabische nationale Einheitsbewegung hat Ende des 19. Jahrhunderts begonnen und war auch damals religiös motiviert, aber es war eine tolerante Form des Islams. Mit dem Scheitern der arabischen Einheitsbewegung hat sich ein Wandel vollzogen. Was bot sich an? Der Liberalismus war damals eine marginale Erscheinung einer Elite, der Kommunismus konnte auch nur bei wenigen Fuss fassen, aufgrund der Unvereinbarkeit mit der Religion. Es blieb also nur der Islam. Das Scheitern der aufgeklärten nationalen Bewegung Ende der 1960er-Jahre und der Tod von Nasser (1970) führte zur Zuwendung zu radikalen Formen des Islamismus bis hin zu den terroristischen Organisationen IS, Taliban, Al-Qaida etc. Dieser Jihadismus kommt also nicht von ungefähr. Er ist eine pervertierte Form des nationalistischen Gedankens.

 

Wie sehen Sie die Lage im benachbarten Ägypten? Warum ist der arabische Frühling gescheitert?

Das Scheitern des arabischen Frühlings lag daran, dass diese sympathische, jugendliche Bewegung keine Partner im bürgerlichen Lager des Establishments suchte. Das Fehlen von Verbündeten führte dazu, dass es für die Armee ein leichtes Spiel war, diese Bewegung militärisch zu stoppen. Die jungen Aufständischen wurden zudem mit den Muslimbrüdern in Verbindung gebracht, sogar als Terroristen dargestellt. In Syrien war es ein bisschen ähnlich, es fehlten auch dort die starken Verbündeten. Heute erleben wir in Ägypten eine Restauration, die in eine absolute Militärdiktatur gemündet hat. Neulich gab es einige Aufstände, motiviert von einem Exil-Ägypter. Noch sind diese nicht zu Ende und mittlerweile hat das ägyptische Volk kapiert, dass nicht jede Rebellion mit dem Jihadismus in Verbindung gebracht werden kann.

 

Sie haben die Jugend angesprochen. Wie sehen Sie heute die jungen Menschen in Palästina? Kommt von ihnen ein Impuls zur Veränderung oder ist die Resignation stärker?

Von einer gewissen Resignation muss man sprechen. In Gaza erleben wir aber auch den Unmut über die eigene Innenpolitik von Hamas. Sie unterdrückt alle Jugendkulturen, es gibt keine Entfaltungsmöglichkeiten für Jugendliche. Dies führt zu einer Unzufriedenheit, zumal auch keine Bewegungsfreiheit vorhanden ist. Insbesondere die Lage der jungen Frauen ist fatal. Der Patriarchalismus von Hamas ist sehr ausgeprägt. Ein Mädchen kann kaum mit einem normalen Outfit auf die Strasse gehen.

 

Bleibt nur der Versuch der Emigration?

Das ist so. Die Jungen versuchen teilweise zu emigrieren. Ich wundere mich aber, dass aus Palästina viel weniger Menschen fliehen im Vergleich zu Ägypten oder anderen afrikanischen Ländern. Die Palästinenser harren aus. Das kann als Botschaft verstanden werden. Sie glauben, das Land zu verlassen, wäre eine Sünde am palästinensischen Volk. Der Gedanke der Auswanderung ist da, aber es gibt viele innere Widerstände. Für eine Ausreise braucht eine Person aus Gaza die Genehmigung von Hamas, Israel und Ägypten. Es ist also schwierig.

 

Wie sind die Bildungsmöglichkeiten in Gaza?

Es gibt mehrere Hochschulen und Universitäten in Gaza. Aber der allgemeine Bildungsstand ist desolat, und ohne Hilfe der Vereinten Nationen wüsste ich nicht, wie Bildung in Gaza überhaupt finanziert werden könnte. Es ist sehr bitter zu erleben, dass die Amerikaner ihre Hilfe für das Flüchtlingshilfswerk für Palästina beendet haben. Zum Glück sind andere Akteure eingesprungen, aber von einem normalen Bildungsstand kann nicht die Rede sein. Der Staat (Hamas) versucht die Schüler zu indoktrinieren. Die Schulen sind extrem religiös geprägt. Immerhin sind die international finanzierten Hochschulen nicht geschlossen worden.

 

Sie hoffen ja auf einen Einheitsstaat und propagieren nicht die Zwei-Staaten-Lösung. Ist das nicht utopisch? Was müsste passieren, dass ein solcher Staat möglich wird?

Ich bin nicht per se gegen die Zwei-Staaten-Lösung, aber ich bin Realist. Wenn Sie die Karte anschauen, müssen Sie sich fragen, wie die Zwei-Staaten Lösung aussehen soll. Gaza ist abgeschnitten und blockiert. Auf der Westbank gibt es überall jüdische Siedlungen, nicht nur im Grenzland. Herr Netanyahu hat angedroht, dass er das Jordan-Tal annektieren will. Aus diesen Gründen habe ich mich von der Zwei-Staaten-Lösung verabschiedet, und ich kann Ihnen versichern, das gilt auch für etwa 70 Prozent der palästinensischen Bevölkerung weltweit. Wir haben faktisch ja schon den Einheitsstaat. Nur ist der jetzige Zustand nicht annehmbar. Es ist eine Art Apartheid-Staat. Auf der einen Seite stehen die Besatzer, die Herren, also die Israeli, auf der anderen Seite die Besetzten. Israel ist zwar militärisch, wirtschaftlich und technisch übermächtig. Aber ein Ziel hat es nicht erreicht: Es hat keinen Frieden. In dem Augenblick, wo Israel die Rechte der Palästinenser anerkennt, könnte die Perspektive des Zusammenlebens entstehen. Leider haben sich die beiden Völker bis jetzt nicht die Mühe gegeben, sich wirklich kennenzulernen. Als ich einmal mit meinem Sohn in Israel war und wir ein israelisches Paar getroffen haben, sagten die beiden: «Wow, ich habe noch nie einen Palästinenser kennengelernt.»

 

Frieden haben die Israeli nicht erreicht. Früher gab es viele internationale Bemühungen zum Frieden in Israel. Warum heute nicht mehr?

Es geht nur darum, ob Israel bereit ist, einen Friedensplan umzusetzen. Entweder ermöglicht man einen palästinensischen Staat, was hiesse, dass die jüdischen Siedlungen geräumt werden müssten. Oder die Israeli belassen die Siedlungen, sind aber bereit, mit den Palästinensern zusammenzuleben. Es ist kein komplexes Problem, sondern eine Willensfrage. Heute haben die Palästinenser verstanden, dass Israel eine Realität ist, das gilt sogar für weite Teile von Hamas. Es braucht politischen Druck auf Israel. Solange die Israeli sich in Sicherheit wähnen und keine Sanktionen der USA und Europas fürchten müssen, werden sie ihre Politik nicht ändern. Man könnte beispielsweise wieder die Waren aus jüdischen Siedlungsgebieten in Palästina zertifizieren. Wenn man sagt, dass die Siedlungen völkerrechtswidrig sind, sollte man auch sagen: Waren, die von dort kommen, müssen zumindest gekennzeichnet werden.

 

Wie sehen Sie den Einfluss der allgemein angespannten Lage im Nahen Osten auf Palästina?

Es ist schon jetzt eine Auswirkung spürbar. Es kommt zu einer Marginalisierung der Palästina-Frage. Das Erstarken des Jihadismus und der Konflikt zwischen Iran und Saudi-Arabien lassen die Palästina-Frage zu einer Quantité négligeable werden. Früher hatten die Palästinenser etliche strategische Verbündete. Heute interessieren sich die arabischen Staaten kaum mehr für Palästina. Das gilt selbst für Ägypten. Die Ägypter haben eine hervorragende Zusammenarbeit mit Israel im Sicherheitsbereich. Präsident Al-Sisi denkt in Gaza nur noch an die Frage des Terrorismus.

 

Haben Sie persönlich Hoffnung auf Besserung in Palästina?

Mittel- und langfristig ja. Weil ich keine Alternative für die Vision des Einheitsstaats sehe. Sie können ja nicht ein Volk bis in alle Ewigkeiten unterdrücken. So gesehen bin ich gedanklich gesehen optimistisch, wohlbemerkt, in Kenntnis der bitteren Realität im Moment.

 

Sie mussten als Fünjähriger mit ihrer Familie aus Palästina fliehen. Können Sie beschreiben, wie die Flucht für sie war?

Ich habe schon ein paar Erinnerungen. Meine Familie stammt aus Jaffa, ein Zentrum des damaligen Zionismus. Mein Vater starb früh. Meine Mutter musste allein mit uns nach Libanon fliehen. Es war ein Schockerlebnis. Wir mussten zum Glück nicht in einem Flüchtlingslager leben. Wir mussten auch keinen Hunger leiden. In Beirut habe ich nicht gemerkt, dass ich ein Vertriebener war. Libanon ist Palästina sehr ähnlich. Die Arbeitsmöglichkeiten waren aber beschränkt. Wir zogen später nach Kuwait. Es ging uns da wirtschaftlich deutlich besser, aber ich fühlte mich erstmals wie ein Vertriebener.

 

Welche Gefühle haben sie heute zu Palästina?

Ich bin sehr engagiert für meine Heimat, leite das Palästina-Forum. Ich bin aber in Deutschland aufgewachsen (Anm: Hajjaj kam im Alter von 18 Jahren nach Deutschland) und hier sozialisiert worden. Das heisst, ich bin beides, Europäer und Palästinenser. Was den Palästinensern angetan wurde, ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Das inspiriert mich dazu, mich zu Palästina zu bekennen, in einer friedlichen Mission. Ich bin gegen militärische Aktionen, weil sie kontraproduktiv sind.

 

Wie könnte man darauf hinarbeiten, dass die Israeli bereit sind, etwas zu ändern?

Es gibt Schulen, die auf eine Zusammenarbeit hinarbeiten, beispielsweise die «Oase des Friedens» in Israel. Das sind kleine Ansätze: dazu gehören Schulen und Kindergärten, wo Juden und Palästinenser miteinander unterrichtet werden. Solche Bemühungen sollte man ausbauen. Allgemein bin ich für mehr Kommunikation mit den Israeli.

 

Gibt es Organisationen in Israel und Palästina, die sich dem Friedensdialog widmen? 

Es gibt viele kleine Verbände und Organisationen, aber das palästinensische Problem oder Versagen liegt darin, dass wir unsere Bemühungen nicht haben bündeln können. Es wäre ganz gut, wenn wir eine mächtige Organisation bilden könnten, die die Interessen Palästinas vertritt. Wir sind Individualisten, ein wenig wie die Juden. Wir meinen immer: «nur ich allein kann das schaffen». Es gibt viel zu tun – auf politscher und auf menschlicher Ebene. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich persönlich glaube, dass wir eines Tages Frieden schaffen werden.

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