Ein Schritt in die richtige Richtung

Diesen Sonntag stimmt Zürich über die «Tagesschule 2025» ab. Marianne Schüpbach kennt sich als Professorin für Grundschulpädagogik und Didaktik an der Universität Bamberg (D) mit dem Thema aus. Im Gespräch mit Leonie Staubli erklärt sie, was sie von der Vorlage hält und worauf man bei der Durchführung achten muss.

 

Sie sind zwar keine Zürcher Stimmbürgerin, aber wenn Sie in Zürich abstimmen könnten, würden Sie die Vorlage «Tagesschule 2025» annehmen?

Marianne Schüpbach: Ja, auf jeden Fall. Es spricht für mich nichts dagegen. Aber ich denke auch, es braucht darüber hinaus in dem Bereich noch weitere pädagogische Arbeit. Die Vorlage ist für die Stadt Zürich ein erster wichtiger Schritt – aber nach wie vor geht es dabei eher um den quantitativen Ausbau der Tagesschulen, und nicht um den qualitativen.

 

Sind die Tagesschulen denn qualitativ schon auf einem guten Niveau?

Wir haben eine vom Schweizerischen Nationalfonds geförderte Studie durchgeführt, die offene Tagesschulen in der Deutschschweiz untersuchte. Sie zeigt, dass die Qualität dieser Schulen noch nicht an dem Punkt ist, an dem sie sein sollte. Gerade was die Aktivitäten der Kinder betrifft, und die Angebote, die sie nutzen können, muss noch einiges getan werden. Grundsätzlich ist das, was jetzt in der Stadt Zürich gemacht wird, eine Massnahme, um die Strukturen zu verändern. Aber man weiss zum Beispiel aus der Unterrichtsforschung, dass das Verändern der Strukturen allein noch nicht dazu führt, dass die pädagogische Qualität zunimmt. Die Rahmenbedingungen müssen sicher stimmen – aber man muss auch auf die Prozesse achtgeben, darauf, was in den Schulen selber passiert. Denn das ist nicht vorgegeben bei dieser Vorlage. Es wurde nur festgelegt, dass es an den betroffenen Schulen einen gebundenen Mittag gibt, aber nicht, was nebst dem Mittagessen stattfindet.

 

Die Schulen müssen also selber Angebote bestimmen und organisieren?

Es sind in der Vorlage 80 Minuten Mittagszeit vorgesehen. Wenn man bedenkt, dass in dieser Zeit alle essen müssen, dass man abräumen muss und die Kinder vielleicht bei manchen Dingen mithelfen sollen, dann ist das eine sehr kurze Zeit. Es bleiben vielleicht noch 40-45 Minuten übrig; ein sehr kleines Zeitfenster, um noch etwas Aktivierendes oder Pädagogisches mit den Kindern zu machen. Ich denke, dass es in dieser Zeit hauptsächlich darum geht, dass alle Kinder gut versorgt sind. Tagesschulen haben jedoch grosses Potenzial: Wenn man beispielsweise die Zeiten für Aktivitäten ausweitete, wenn da am Nachmittag 60-90 Minuten zur Verfügung stünden, dann könnte man in Gruppen etwas mit den Kindern machen. Und das ist momentan im Rahmen der Abstimmungsvorlage nicht vorgesehen.

 

In Deutschland gibt es ja Tagesschulen schon lange, und in der Schweiz gibt es sie bisher noch nicht verbreitet. Was sehen Sie für Unterschiede?

In Deutschland gibt es ein ähnlich föderalistisches System wie in der Schweiz, sodass man eigentlich nicht von einem «deutschen System» sprechen kann, sondern auch dort ist es in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich. Es gibt gebundene, teilgebundene und offene Modelle, wie in der Schweiz – die Entwicklungen sind also recht ähnlich. Aber ein grundlegender Unterschied ist, dass es schon viel mehr sogenannte Arbeitsgruppen gibt. Das sind Kurse oder Aktivitäten, die zur Auswahl stehen, für die sich ein Kind für ein Semester oder Schuljahr anmeldet. Zum Beispiel kann es jeden Dienstagnachmittag für 90 Minuten ein Angebot zum Thema «Geschichten schreiben mit Tablets» besuchen. Das ist natürlich freiwillig, aber wenn man den Kurs gewählt hat, ist er für eine bestimmte Zeit verpflichtend. Solche AGs gibt es in Deutschland viele, und in unserer Studie hat sich gezeigt, dass es in der Deutschschweiz noch sehr wenige geleitete Aktivitäten gibt. Da besteht ein Unterschied.

 

Wo haben Sie bisher in Deutschland Tagesschulen untersucht, und was machen Sie dabei?

Mit der Untersuchung selber fangen wir in einer Schule in Bayern gerade an. Dort wollen wir eine Arbeitsgruppe zur Förderung von sozialen Kompetenzen erproben. Kinder im Primarschulalter werden während eines Semesters einmal pro Woche am Nachmittag für 60-90 Minuten freiwillig an einem Programm teilnehmen, in dem sie eine Reise durch die zwischenmenschlichen Interaktionen unternehmen. Sie fangen zum Beispiel im Streittal an und lernen dort zu schlichten. Es geht da-rum, dass sie sich im Rahmen einer Geschichte mit sozialen Kompetenzen auseinandersetzen. Auch in Bayern gibt es solche Angebote noch eher selten. Im Gegensatz dazu gibt es in den USA «After School Programs», die sich schon länger im Aufbau befinden, und die grosse Wirkung zeigen. Die Kinder eignen sich in einem Programm zum Beispiel soziale Kompetenzen an oder werden in ihren sprachlichen Fähigkeiten oder einem anderen Bereich gefördert. Solche Programme mit klaren Zielsetzungen, die natürlich nicht nur schulisch sein müssen, fördern die Entwicklung der Kinder jeweils in einem bestimmten Bereich. Die Ergebnisse zeigen, dass man nicht einfach eine bessere Entwicklung der Kinder erwarten kann, nur weil sie eine Tagesschule besuchen, sondern, dass es geleitete, zielgerichtete, aktivierende Angebote braucht.

 

Bei der «Tagesschule 2025» kann man zwischen einem praktischen Teil, zu dem das Essen gehört, und einer Art Hausaufgabenhilfe unterscheiden. Wo sehen Sie das grössere Potenzial für Probleme?

All diese Gefässe müssen auf jeden Fall gut durchdacht sein. Gerade bei den Hausaufgaben soll es ja nicht einfach nur funktionieren, sondern die Kinder sollen davon auch profitieren können. Das heisst, es braucht entsprechend ausgebildetes Personal und nicht nur eine Beaufsichtigung. Man will die Kinder individuell unterstützen können. Ob diese Arbeit bei Lehrpersonen liegt, die sich zusätzlich engagieren, oder bei Studierenden, die so etwas als Nebenjob machen – da gibt es viele Möglichkeiten. Auch in den USA sind es nicht nur Leute mit einem Fachabschluss, die mithelfen, aber es braucht schon einen Anteil an pädagogisch ausgebildetem Personal.

 

Sie könnten sich also vorstellen, dass beispielsweise ein Zivildienstler einen Kurs an der Primarschule leitet?

Ja, warum nicht? Aber auch da kommt es darauf an, was das Ziel dieses Kurses oder dieser Arbeitsgruppe ist. Für Leseförderung würde ich vielleicht nicht einen Zivi anstellen, sondern eher jemanden mit entsprechendem pädagogischen Hintergrund. Aber wenn es sich um eine eher lebenspraktische Arbeitsgruppe handelt, zum Beispiel «Kochen in verschiedenen Kulturen», warum soll man da nicht Eltern oder eben den Zivildienstler einstellen? Es geht halt immer darum, um welches Angebot es sich handelt und welche Ziele man damit verfolgt.

 

Gibt es bei der Entstehung der Tagesschulen Probleme, die man mit dem entsprechenden Vorwissen vermeiden kann?

Man muss darauf achten, dass die Kinder wirklich profitieren können. Das ist aus einer pädagogischen Perspektive das Endziel, und nicht nur die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und dass man wieder mehr Facharbeiter in der Wirtschaft hat. All das soll natürlich auch der Fall sein, aber wichtig ist, dass die Kinder nicht nur aufgehoben sind, sondern auch Fortschritte machen können. Diesem Punkt wurde in vielen Kantonen anfangs zu wenig Augenmerk verliehen – man wollte erst einmal das Angebot möglichst flächendeckend ausbauen und war dann überrascht, dass die Kinder nicht automatisch profitierten und die Ergebnisse unserer Studien nicht ganz so positiv ausfielen, wie man es sich erhoffte. Deswegen braucht es unbedingt genügend Personal, das entsprechend ausgebildet ist, hier muss man investieren.

 

Ein weiterer Punkt sind die Kosten. Tagesschulen sind ja schweizweit kostenpflichtig, aber gleichzeitig hört man häufig, dass sie zu mehr Chancengleichheit führen sollen. Wenn aber die Eltern zahlen müssen, fragt sich schon, wie es gelingen soll, diese Chancengleichheit herbeizuführen. In unserer Studie zeigte sich, dass vor allem die Eltern mit mittlerem Einkommen die Tagesschulangebote nicht nutzen, wahrscheinlich, weil für sie die Kosten zu hoch sind: Finanzstarke Familien können es sich leisten, Familien mit wenig Einkommen müssen fast nichts bezahlen, weil sie vom Staat unterstützt werden. Für den Mittelstand aber ist der Preis recht happig.

 

Als weiteres Argument für die Tagesschulen wird behauptet, sie seien förderlich für Kinder aus sogenannt «bildungsfernen Familien». Ist das wahr?

Das stimmt leider nicht. Es ist eine der Erwartungen, die immer wieder an die Tagesschule gestellt werden, aber auch da hat sich gezeigt, dass sich solche Kinder insgesamt nicht besser entwickeln. Wir haben Kinder aus Familien mit wenig Einkommen und mit Deutsch als Zweitsprache untersucht, und in beiden Bereichen mussten wir feststellen, dass es im Hinblick auf die schulische Leistung keine kompensatorischen Effekte gab. Der grundsätzliche Anspruch an eine bessere Entwicklung von Kindern der Risikogruppe in Tagesschulen erfüllt sich nicht, auch nicht in Deutschland. Wie schon gesagt: Die Angebote sind einfach noch zu wenig spezifisch ausgerichtet. Man darf nicht denken, dass die Tagesschule die Ansprüche nicht erfüllen kann, das Potenzial – wie die amerikanischen Befunde zeigen – ist durchaus da, aber es gelingt momentan noch nicht.

 

Was würden Sie ändern, damit es gelingt?

Ich würde eine gebundene Tagesschule einführen, an der für alle Kinder feste Kernzeiten herrschen, und zwar die gleichen von Montag bis Freitag. Mit diesen Zeiten, zum Beispiel von 8:00 bis 15:30, wäre es möglich, den Tag zu rhythmisieren und eine Mischung zwischen Unterricht und individuellen Lernzeiten, aber auch Freizeitaktivitäten herzustellen. Dann würde ich Arbeitsgruppen anbieten, welche von den Kindern besucht werden können, und zwar sehr unterschiedliche: solche, die mehr in Richtung der Förderung kognitiver Fähigkeiten gehen, solche, die eher den musisch-künstlerischen Bereich abdecken oder solche, die sich auf soziale Kompetenzen konzentrieren. Die Kinder könnten sich zwischen verschiedenen Kursen entscheiden, die geleitet sind und zum Beispiel einmal wöchentlich über ein Semester laufen. Man hört von Tagesschulen häufig, dass die Kinder, die nur selten da sind, also ein-zweimal pro Woche, einfach frei spielen können, und dass das für sie interessant ist. Wenn aber Kinder die ganze Woche über täglich da sind, kann das freie Spiel plötzlich langweilig werden, weil einem die Ideen ausgehen. Je länger und öfter ein Kind den Mittag an der Schule verbringt, desto wichtiger ist es, dass es ein Angebot an geleiteten Aktivitäten gibt, das die Kinder auch gern nutzen.

 

Eine Bedingung, die gestellt wurde, war die Freiwilligkeit der Tagesschule und, dass die Eltern ihre Kinder jederzeit ohne Begründung vom Mittagstisch abmelden können. Das wäre in Ihrem Modell eher unvorteilhaft, oder?

Wenn alle Kinder immer da sind, hat man einfach mehr Möglichkeiten. Was ich hier beschrieben habe, ist eine gebundene Tagesschule, die über den Mittag hinausgeht. Diese bietet mehr Möglichkeiten, den Tag zu rhythmisieren und zu gestalten. Im offenen Modell hingegen, wie es beispielsweise in Basel-Stadt oder im Kanton Bern durchgeführt wird, können die Eltern jederzeit entscheiden, ob sie ihre Kinder an einem bestimmten Angebot teilhaben lassen wollen. Sie können modulweise wählen, ob ein Kind zum Beispiel dienstags und mittwochs über Mittag da ist, und vielleicht einmal noch nach der Schule. Auch dort ist es möglich, Arbeitsgruppen anzubieten und zielorientiert zu fördern. In Deutschland wurde festgestellt, dass es in der Entwicklung der Kinder zwischen diesen beiden Modellen keinen Unterschied gibt. Ein Grund dafür könnte sein, dass sich beide Formen noch zu sehr im Aufbau befinden, sie sich in der Praxis kaum unterscheiden und das Potenzial noch zu wenig genutzt wird. Wenn Zürich also eine gebundene Tagesschule durchführen will, dann klingt das so neu und anders, aber wenn man alles genauer betrachtet, sind die Unterschiede gar nicht so signifikant.

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