Fundamentale Erschütterung

Faszinierend und abstossend, frei von Gewissheit über Zeit, Raum, Wirklichkeit und Wahn, schwebt die zentrale Figur in Antonio Tabucchis «Für Isabel» im Nichts, getrieben von einem genauso rätselhaften Antrieb.

 

Wie wenn es im Kellertheater Winterthur nicht schon dunkel genug wäre, baut Elisa Alessi eine auf kreisrunde Schwärze hinein, die optisch flauschig wirkt, haptisch jedoch kratzt. Udo van Ooyen inszeniert darin den posthum erschienenen Roman «Für Isabel» Antonio Tabucchis als irrlichterndes Solo für Christian Kerepeszki. Unterstützt von den Videoarbeiten Elvira Isenrings glückt es dem Team innert kürzester Zeit, einem Publikum ein Lockvogelangebot grösstmöglicher Spannung zu unterbreiten und ihm zeitgleich den Boden bezüglich irgend einer Gewissheit komplett unter den Füssen wegzuziehen. Waclaw könnte ein polnischer Mann sein, der seine frühere Geliebte in Lissabon sucht, nachdem er gerüchteweise erfahren hat, sie habe ein Kind geboren, worüber er vermutet, der Vater sein zu können. Antrieb Nummer eins wäre also egogetriebener Machismo. Waclaw könnte aber auch als eine überirdische Erscheinung vom Stern Sirius nach Portugal gelangt sein, wo er sich auf die Suche nach einem Ausdruck für die umfassende Verunsicherung einer ganzen Bevölkerung macht, die jahrzehntelang unter einer Diktatur leidet und darüber das Menschliche im Dasein zu verlieren droht. Antrieb Nummer zwei wäre also eine humanistisch-aufklärerische Bewusstwerdung. «Sie sind frei in ihrer Interpretation», sagt einer der Figuren gegen Ende. Einer Reise, die sich kreisförmig zuspitzend immer geschwinder dreht, dass es einem gar in einem physisch stabilen Stuhl sitzend, schwindlig werden könnte. Die augenscheinlichste Parallele dieser parabelhaften Kunstumsetzung eines Lebensgefühls besteht in der Komplettverunsicherung, die eine hart durchgreifende Diktatur in der gesamten Bevölkerung mittels Einschüchterung eines Repressionsapparates auslöst. Von Isabel ist nur bekannt, dass sie der kommunistischen Partei nahestand und ihrem ganzen Wesen nach nicht dazu prädestiniert war, sich einer Unterdrückung widerstandlos zu beugen. Unter dem Kampfnamen Magda wird eine Frau als Heldin verehrt, die Isabel aufs Haar gleicht und derweil in der auflagenstärksten Zeitung Isabels Todesanzeige veröffentlicht wurde. Waclaw, genauso wie die ehemalige Kinderfrau und Isabels beste Freundin bezweifeln die Echtheit dieses Nekrologs. Viel wahrscheinlicher, diese Deutung wird klar auch vom letzten Strohhalm der menschenüblichen Hoffnung in Zeiten durchdringender Hoffnungslosigkeit getragen, ist Isabels Verschwinden im Untergrund des Widerstandes. Nichtsdestotrotz reist der Mann, der Geist, das Wesen, die Wahrheit auf die portugiesische Gefängnisinsel auf den Kapverden in den Jahren der Salazar-Diktatur oder in die Schweiz, wo seltener Menschen, dafür umso häufiger deren Vermögen eine Zuflucht suchen. Allein: Das Suchen bleibt ergebnislos. Nicht aber die Folge. Mit jedem Suchansatz in sich steigernder Geschwindigkeit meldet ein Defätismus seine Hoheitsansprüche mit wachsender Eindringlichkeit an und fordert damit alle menschlichen und schon kaum mehr menschenmöglichen Kräfte heraus, endlich jeden Widerstand aufzugeben. Beide Antriebe, der egoistische wie der humanistische, sind für sich stehend vergleichsweise schwach für ein endlos hochzuhaltendes Parieren solch perfider Angriffe. Aber, so zumindest könnte eine der Interpretationen lauten, sie bleiben in ihrer Maximalkraft weit unterschätzt. Selbst wenn es die letzte Kraft kostet, bildet die Alternative keine Offerte für ein würdiges Dasein. Zurück in der noch sonnigen Marktgasse scheint der Boden zu schwanken wie nach einer mehrwöchigen Seereise. Die Erschütterung dieser geliehenen Erfahrung war folglich fundamental.

 

«Für Isabel», bis 14.4., Kellertheater, Winterthur.

nach oben »»»