Mycelien und Menschen…

Was ist das für ein schräges Pilzjahr heuer! Den Sommer durch wars so trocken, dass die Pilze geschlossen die Köpfe eingezogen haben. Nicht mal in meinem heimischen Wald war auch nur ein einziges dürres Eierschwämmli zu finden. Dabei herrschen hier günstige klimatische Bedingungen: Es ist ständig irgendwie feucht, etwas sonnig, etwas schattig – und an den zerklüfteten Hängen staut sich allenthalben das Wasser, so dass man hier sogar Morcheln findet (wenn man weiss, wo suchen), die sonst eher in den Auenwäldern des Flachlands heimisch sind. Genaueres wird hier natürlich nicht verraten (Mykophagen-Ehrenkodex)!

 

Dann kam der Regen. Und es wäre gewiss nicht verfehlt zu behaupten: Die Pilze schossen wie Pilze aus dem Boden! In überwältigenden, nie dagewesenen Mengen! Die SammlerInnen bringen korb- und kiloweise Steinpilze, Maronenröhrlinge, Rotkappen, Ziegenlippen, Rotfüsschen, Hexenröhrlinge usw. vorbei. Aber auch Wiesenchampignons dem Teufel ein Ohr ab. Sie verlieren sogar die stets gepflegte Zurückhaltung, wenn andere Passionierte fragen, wo die denn her seien: «Auf jener Wiese dort hats noch tonnenweise – geht alle hin und nehmt, bevor sie hinüber sind. Ich kann beim besten Willen nicht mehr verarbeiten!». Sowas hört man ja selten. Auch die Kontrolleurin hätte mühelos zweimal die Woche ein Kilo geschenkte Pilze essen können. Da denken Sie wohl: «Kiloweise – darf man das?». Gute Frage! Im Kanton Zürich gibts die Beschränkung auf ein Kilo pro Tag und Person. Die Zürcherinnen waren aber brav und gingen stets im Familienverband in die Pilze. So dürfen es dann schon fünf Kilo sein. Oder sie begaben sich nach Zug, wo es keine Beschränkungen gibt, auch keine Schonzeit. Erstaunlich, was für ein extrem üppiges Pilzaufkommen dieser kleine Kanton bereithält. Da herrschen wohl ganz speziell mycelfreundliche Bodenbedingungen…

 

Wir KontrolleurInnen arbeiten zurzeit also im Akkord. Die Leute stehen in langen Schlangen an. Statt einer geht es zwei Stunden, bis alle durch sind. Ich habe kaum Zeit, vom Formularblock aufzuschauen; lächle nur flüchtig über Herrn P.s Standard-Witz, er sammle die Pilze nur, seine Frau esse sie dann; kann leider Frau F., die grundsätzlich mal abräumt und erst nachher fragt, ob das Speisepilze seien, keine Belehrungen erteilen; werfe am Ende zehn Kilo Ungeniessbares, Giftiges, Vergammeltes in die Mulde; und kann erst hinterher den antiquarischen Zeitungsartikel lesen, den Herr T. mir mitgebracht hat. (Eine gruslige Geschichte: Anfang der 1990er-Jahre vergiftete eine Frau zusammen mit ihrem Lover ihren Ehemann, wahrscheinlich wegen ihrem unehelichen Kind, einer Lebensver­sicherung und dem Erbe. Sie legte ihre grünen Knollenblätterpilze zunächst der Kontrolle vor, um ganz sicher zu sein, versaftete sie dann, betäubte ihren Mann mit Schlafmitteln und seinen Arm mit Schmerzmitteln und injizierte ihm den Pilzgift-Extrakt in x-fach tödlicher Dosis. Ein einmaliger Fall in der Schweizer Kriminalgeschichte.)

 

Das soll keine Abschreckung sein: Gehen Sie in die Pilze, kommen Sie an Bestimmungsübungen, verjüngen Sie die Vereine! Die Gelegenheit ist nie wieder so günstig wie dieses Jahr. Aber plündern Sie nicht den Wald aus. Pflücken sie nur Frisches und nur in Mengen, wenn sie die Art sicher kennen. Von unbekannten Arten reichen ein bis zwei Exemplare. Und alles schön geordnet mitbringen. Wir sehen uns!

 

Ina Müller

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