«Die Wirtschaft kann nur gewinnen»

Franziska Barmettler vertritt als Geschäftsführerin des Verbands Swisscleantech die Wirtschaft im Initiativkomitee für eine Grüne Wirtschaft. Was es mit einer ökologischeren Wirtschaft auf sich hat, verriet sie uns bei einem Kaffee.

 

mit Franziska Barmettler sprach Tobias Urech

 

Trinken Sie gerne Kaffee?
Franziska Barmettler: Ja, sehr.

 

Ich frage deshalb, weil die Economiesuisse momentan Stimmung macht gegen die Initiative für eine grüne Wirtschaft mit der Behauptung, sie verbiete das Kaffeetrinken. Ist da was dran?
Nein, die Behauptungen vom Konsumverzicht sind quasi ein Witz. Wir glauben, es gibt auch die Möglichkeit, nachhaltig zu konsumieren.

 

Sie sind Geschäftsführerin von Swisscleantech. Was macht dieser Verband genau?
Wir sind die politische Stimme der nachhaltigen Wirtschaft und vertreten Unternehmen, die sich dafür einsetzen, ressourcenschonend zu produzieren, weniger CO2 auszustossen und dabei trotzdem – oder gerade deswegen – erfolgreich sind. Unsere Haupttätigkeit ist demnach die politische Arbeit; wir setzen uns für Rahmenbedingungen ein, die dafür sorgen, dass auf dem Markt die nachhaltigeren ProduzentInnen gewinnen und nicht die ‹Schmutzigen›.
Daneben bieten wir für unsere Mitglieder Dienstleitungen an, das heisst, wir sorgen vor allem für eine gute Vernetzung, damit sich die Unternehmen untereinander kennen lernen und Partner finden. Zudem stellen wir Nachrichten zusammen und bilden branchenübergreifende Arbeitsgruppen zu Zukunftsthemen.

 

Sie haben unter anderem auch recht prominente Mitglieder wie die Ikea oder Tesla. Läuft das immer reibungsfrei, wenn so viele Unternehmen miteinander zu tun haben?
(lacht) Nein, natürlich nicht. Wir sind ja kein Branchenverband, vertreten also nicht nur die Solarenergie oder die Recyclingindustrie, sondern treten für eine nachhaltige Wirtschaft im Gesamten ein. Deswegen müssen wir stets die verschiedenen Interessen austarieren. Da unterscheiden wir uns aber nicht gross von anderen Verbänden.
Dieses Abwägen der Interessen ist sehr spannend, besonders wenn wir in den Arbeitsgruppen verschiedene Bereiche zusammennehmen und die Themen an den Schnittstellen bearbeiten. Wenn Hersteller von Solarzellen mit Elektrizitätsversorgerinnen zusammenkommen und die wiederum mit jemandem sprechen, der eine neue Speichertechnologie entwickelt hat, merken alle, dass sie einen Schritt aufeinander zugehen müssen, um ein funktionierendes Energiesystem zu gestalten. Wenn alle auf ihrem Standpunkt beharren, kommen wir nicht zum angestrebten System. Natürlich ist das nicht einfach, aber der Erfolg ist umso grösser, wenn uns eine Einigung gelingt.

 

Wie schon angetönt, kommen in Ihrem Verband viele verschiedene Unternehmen zusammen, darunter auch einige grosse. Können Sie sich erklären, warum denn Economiesuisse gegen die Initiative für eine grüne Wirtschaft ist?
Nein, ich kann da nur Vermutungen anstellen. Wenn wir den ökologischen Fussabdruck von einer Erde erreichen wollen, müssen wir unsere Lebensqualität vom Ressourcenverbrauch unabhängiger machen. Wir wollen die Lebensqualität ja nicht einschränken – im Gegenteil. Dafür braucht es allerdings sehr viel Innovation, mit dem Ziel, gleich gute Produkte zu schaffen, die weniger Ressourcen verbrauchen. Das ist eine riesige Veränderung, an die sich die Wirtschaft anpassen muss. Diese Anpassung fällt vielen schwer. Die Economiesuisse fungiert oft als Sprachrohr für jene, die sich verändern müssen, aber nicht wollen. Und wir vertreten oft die anderen, die bewusst nachhaltiger werden, weil sie das als Chance betrachten. Und dieser Teil ist wohlgemerkt meist der grössere.
Schlussendlich sind nämlich nur wenige Unternehmen von einer grundlegenden Veränderung betroffen. Wir sind auch dazu bereit, Ausnahmen zu machen oder den Einzelfall genauer zu betrachten, wenn einige dieser wenigen Unternehmen in eine schwierige Lage geraten. Wir sind nicht der Meinung, dass diese Unternehmen wegziehen müssen.

 

Sie haben vorhin den ökologischen Fussabdruck angesprochen. Was hat es mit dem auf sich?
Der Fussabdruck ist eine Art Natur­bilanz. Er wiegt die zur Verfügung stehenden Ressourcen gegen den Ressourcenverbrauch auf. Ideal wäre ein Fussabdruck von eins, was heisst, dass wir die Ressourcen einer Erde verbrauchen und nicht über unsere ökologischen Verhältnisse leben. Momentan ist die Bilanz in der Schweiz allerdings alles andere als ausgeglichen. Das wieder auszugleichen, ist kein Spaziergang. Unsere Einstellung dazu ist aber: Wenn wir wollen und an Innovation glauben, schaffen wir das.

 

Wie sieht der Schweizer Fussabdruck im internationalen Vergleich aus?
Weltweit braucht man die Ressourcen von 1,6 Welten – die Schweiz von 3,3. Der Fussabdruck von eins entspricht übrigens dem Ziel des Pariser Klimaabkommens, wo beschlossen wurde, dass die Klimaerwärmung nicht um mehr als zwei – wenn möglich 1,5 – weitere Grad steigen soll. Konkret bedeutet das, dass wir in der Mitte dieses Jahrhunderts CO2-neutral werden müssen. Vergleicht man das, kommt man zum Schluss, dass diese Ziele übereinstimmen mit einem Fussabdruck von einer Erde. Mit der Initiative für eine grüne Wirtschaft wagt die Schweiz also keinen Alleingang, sondern setzt lediglich ein internationales Abkommen um, zu dem sie ein Versprechen abgegeben hat.

 

Die GegnerInnen der Initiative argumentieren aber vor allem auch damit, dass eine Überregulierung der Wirtschaft entsteht. Wie sehen Sie das?
Die Initiative lässt die Massnahmen zur Umsetzung offen. Die Wirtschaft kann dem also gelassen entgegenschauen – wenn sie sich bemüht, gibt es keine Regeln. Generell sind wir aber auch der Meinung, dass die Wirtschaft von guten Regeln profitiert. Gute Regeln geben Planungssicherheit und dienen als Anreiz für Innovation. Wenn sich die Wirtschaft aktiv in die Gestaltung dieser Regeln einbringt, kann sie nur gewinnen.

 

Die Bürgerlichen rufen aber bestimmt, dass die liberale Marktwirtschaft eingeschränkt wird.
Das sehen wir anders, und wir denken auch liberal. Keine Marktwirtschaft funktioniert ohne Regeln. Auch der freie Wettbewerb würde gar nicht funktionieren.
Zudem wollen wir keine Vielzahl an Regeln schaffen, sondern wenige, dafür sehr klare. Dass beispielsweise der CO2-Ausstoss einen Preis hat, ist eine simple Regel, die dafür enorm viel bewirken kann, was Nachhaltigkeit anbelangt. Solche Regeln schränken die freie Marktwirtschaft nicht ein – innerhalb des Marktes spielt nämlich immer noch der Wettbewerb: Es gewinnt, wer am wenigsten CO2 ausstösst und am nachhaltigsten wirtschaftet.

 

In welchen Bereichen müssten denn Regeln entstehen?
Besonders im Bereich Mobilität und Wohnen muss einiges unternommen werden. In zweiter Reihe stehen dann Bereiche wie Industrie, Landwirtschaft und Abfallbewirtschaftung. Es gibt eine Studie für die Schweiz, die ausgerechnet hat, dass die Ziele technisch möglich sind und mit vertretbaren Kosten für die Wirtschaft umgesetzt werden können.

 

Vor den Sommerferien präsentierte der Bundesrat den Vorschlag des Mobility Pricings, bei dem PendlerInnen zu Spitzenzeiten mehr für die Mobilität bezahlen sollen. Was halten Sie davon?
Das Mobility Pricing muss kommen! Wir sehen keine andere Lösung im Mobilitätsbereich. Swisscleantech hat ein Mobility Pricing mit drei Komponenten vorgeschlagen. Einerseits dient es zur Verkehrsfinanzierung. Denn die Zukunft gehört den emissionsarmen Fahrzeugen und den Elektroautos – bei diesen fällt die Mineralölsteuer als Einnahmequelle weg. Als zweite Komponente sollen der Platzverbrauch des Verkehrs und seine Emissionen wie Abgase und Lärm gedrosselt und durch das Mobility Pricing gelenkt werden. Die dritte Komponente ist die bessere Verteilung der Pendlerströme, was Frau Leuthard ja besonders anstrebt. Der Bundesrat hat das Mobility Pricing richtigerweise vorgeschlagen – unsere Ideen reichen aber weiter.

 

Sie sprachen jetzt vor allem vom Auto. Wie sieht es mit dem öV aus?
Der muss auch hinein! Den öV kann man nicht ausnehmen. Flatrate-Abonnements wie Generalabonnemente sind in Zukunft zu vermeiden. Jede und jeder soll so viel zahlen, wie er oder sie fährt.

 

Kommen wir zurück zur Initiative. Bei den Lösungsansätzen schwirrt der Begriff der Kreislaufwirtschaft im Gegensatz zur Wegwerfwirtschaft umher. Was hat es damit auf sich?
Die Wegwerfwirtschaft ist linear. Am Schluss entsteht Abfall, und der wird deponiert oder vernichtet. Die Kreislaufwirtschaft möchte diesen Stoffkreislauf schliessen. Dafür gibt es zwei Ansätze: Zum einen sollen Materialien nach dem Verbrauch wiederverwertet, also recycelt werden. Recycling ist der bekannteste Aspekt der Kreislaufwirtschaft. Viel mehr Potenzial hat allerdings zum anderen das sogenannte Eco-Design. Man versucht, Produkte so zu designen, dass auf dem gesamten Lebensweg wenig Ressourcen verbraucht werden. Die Kreislaufwirtschaft geht aber noch viel weiter und umfasst auch Bereiche wie Sharing Economy, die dafür sorgt, dass Produkte nicht immer neu produziert werden müssen, sondern geteilt werden können.

 

Das machen alle Ihre Unternehmen schon vorbildlich?
Nein, natürlich nicht. Die Unternehmen müssen nicht ‹grün› sein, damit sie bei uns Mitglied werden dürfen. Sie müssen allerdings den Willen haben, in diese Richtung zu gehen und uns dabei unterstützen, Rahmenbedingungen zu schaffen. Ihre Stimme zählt.

 

Wie könnte eine grüne Sharing Economy genau aussehen?
Als Beispiel: Man braucht nicht zwingend ein eigenes Auto, um Auto zu fahren. Es geht vor allem darum, nicht mehr so stark in Besitzeinheiten zu denken, sondern mehr in Dienstleistungseinheiten. Wichtig ist der reibungslose Transport von A nach B. Das Auto muss nicht mir gehören, ich kann es teilen oder die Dienstleistung abonnieren.
Hier müssen wir umdenken. Bei der Sharing Economy brauchen wir auf nichts zu verzichten. Lediglich die Organisation, die dahintersteckt, ist eine andere. Auch Fragen der Produktehaftpflicht spielen eine Rolle. Wenn mir der Fernseher nicht gehört, ich also nur die Dienstleistung ‹100 Stunden TV› abonniert habe, führt dies dazu, dass die Unternehmen für ihre Produkte Verantwortung übernehmen.

 

Laut Argumentarium schafft die Initiative auch Arbeitsplätze. Wo tauchen denn diese plötzlich auf?
Betrachtet man die Wachstumszahlen der einzelnen Wirtschaftsbereiche, wachsen die Cleantech-Bereiche, zu denen Energie­effizienz, erneuerbare Energien und Speicherung von Energie, nachhaltige Mobilität, Wasserwirtschaft oder Recycling zählen, besonders stark. Die weltweite Nachfrage wird stark zunehmen. Nachhaltiges Wirtschaften wird zum Megatrend der kommenden Jahrzehnte.

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