Staatskunst

Auf die Manifesta hatte ich mich enorm gefreut und bin nun hinterher entsprechend gefrustet. Sie war, sorry für die knappe Hinrichtung, der bare Jammer. Kein Vergleich mit vergleichbaren Veranstaltungen wie etwa der Biennalen in Venedig. Es gab häufig schlechte Kunst, eine komisch verzettelte Standort-Strategie, eigenartige Begleiterscheinungen wie etwa die Ausbeuter-Lohn-Debatte und eine insgesamt magere Auswahl. Die Grundidee wäre zwar toll gewesen, aber es wurde wenig draus gemacht. Am lächerlichsten, weil die Leere entlarvend, waren die Making-Ofs auf dem Floss am Bellevue. Und die grösste Resonanz hatte, wen hats wirklich gewundert, das nasenflügelerschütternde 80-Tonnen-Pfund aus dem Klärwerk. Ich möchte daher den Mantel des Schweigens darüber ausbreiten und Ihnen lieber von meiner kunstvollen Erleuchtung von vor genau einem Jahr berichten, die in einer Sensation hätte enden können. Oder noch kann.

Es war unüblich heiss in Zürich, und eine piekfeine Galerie am stinknoblen Paradeplatz hatte seit Monaten den kolumbianischen Maler Fernando Botero im Angebot. Botero kennen Sie, auch wenn Sie ihn nicht kennen. Er malt, seitdem er einen Pinsel halten kann, immer dieselbe Art von Figuren, die alle etwas gemeinsam haben: Sie sind keineswegs dürr. Eher so putenmässig. Er hat sogar mal eine Mona Lisa gemalt, die mit ihrem Pfannkuchengesicht allerliebst und wesentlich sympathischer daherkommt als das etwas säuerliche Original.

Weil die Zinsen im Keller und die Immobilienpreise jenseits sind, beschloss ich an einem schönen Sommertag, meine Ersparnisse in einen Botero zu investieren. In Zürich stellte er eine Serie von weiblichen Heiligen aus, die Santas, zehn irgendwo zwischen Kitsch, Kinderfingerfarben und Kunst steckengebliebene Gemälde, aber allerliebst und im Grossformat. Also zog ich mein feinstes Leinen an und den Scheitel grade und begab mich zur Galerie. Der adrette junge Mann dort, der mir nicht eben überarbeitet vorkam, führte mich herum, zeigte mir alles und machte mich insbesondere auf eine Santa aufmerksam, die Botero eigens für die Zürcher Ausstellung gemalt hatte: eine Heilige Regula. Prächtig in einem züriblauen Mantel, einem roten Blutfaden um den Hals, (der ihr künftiges Schicksal als Stadtheilige schon mal andeutete) und mit dem Kopf von Felix unter dem Arm, was, wie wir natürlich alle wissen, eine fiese Geschichtsklitterung ist, denn Felix war sehr wohl Manns genug, seinen eigenen Kopf nach der Hinrichtung noch etwas nordwärts zu tragen, aber hey – künstlerische Freiheit! Meine Wahl fiel also auf die Hl. Regula, aber meine total cool und beiläufig eingestreute Frage nach dem Preis des Bildes forderte dann leider meine ganze Contenance: So gegen eine Million sei jede Santa schon wert, meinte der Jüngling.

Ich ging hinaus an die Zürisonne, weinte bittere Tränen und beklagte meine Armut (das kommt übrigens total gut auf dem Paradeplatz). Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch, wie der Hölderlin zu sagen pflegte, und siehe, da wurde ich erleuchtet und die Hl. Regula sandte mir sogleich die rettende Idee, nämlich, dass die Stadt doch das Bild kaufen könnte (als Linker glaube ich ja nicht an Heilige, aber dafür an den Staat), quasi als Leitheilige fürs Kulturleitbild und als Wandschmuck im barocken Zürcher Ratssaal, wo es hinter meinem Sitz am Täfer, dort, wo ich jede Woche mein müdes Haupt abstütze, wenn ich dem munteren Geplapper der Opposition lausche, noch Platz hätte.

Daher also, Corine Mauch, falls du das hier liest: Nimm sofort den Hörer in die Hand und ruf die Galerie am Paradeplatz an! Vergiss nicht, einen zünftigen Rabatt auszuhandeln, wegen dem Pleitegeier, das müsste drin liegen. Denn wenn Botero hört, dass die Hl. Regula künftig in ihrer Heimat hängt – naja, sie wurde hier geköpft –, lässt er sich ganz sicher auf einen Deal ein. Freu mich!

nach oben »»»