«Wenn wir Blumensträusse suchen, finden wir nur Chrottebösche»

Simona Kobel ist bei Pro Natura zuständig für die Biodiversitätspolitik. Zwei neue Initiativen wollen, dass die von der Schweiz ratifizierten Ziele der Biodiversitätskonvention erreicht werden und dass ausserhalb von Bauzonen nicht noch mehr Naturland verloren geht. Thomas Loosli hat mit Simona Kobel gesprochen.

 

Können Sie unseren LeserInnen kurz und klar erklären, um was es bei der Biodiversitätsinitiative geht?

Simona Kobel: Es sind zwei Hauptanliegen: mehr Geld und mehr Fläche für die Natur. Biodiversität, Baukultur und Landschaft sind Aspekte, die im Natur- und Heimatschutzartikel der Bundesverfassung abgehandelt werden. Insgesamt geht es darum, dass diese drei Themenbereiche besser geschützt werden und für die Biodiversität mehr Geld und Fläche eingesetzt wird.

 

Um was geht es bei der Landschaftsinitiative?

Die Landschaftsinitiative will das Bauen ausserhalb der Bauzone klaren Regeln unterstellen. Wir konstatieren momentan einen regelrechten Bauboom in Zonen, in denen eigentlich nicht gebaut werden dürfte. Mit der Initiative wollen wir diesen Bauboom und die Zersiedelung im Nichtbaugebiet bremsen.

 

Biodiversität und Landschaftsschutz sind dringliche Themen. Trotzdem hört man vom Schwund an Biodiversität relativ wenig in der aktuellen Klimaschutzdiskussion. Weshalb?

Seit Ende der 1980er Jahren weiss man über die Gefahren des Klimawandels, trotzdem gelangte das Thema lange nicht in den Mainstream. Der Klimawandel wurde vor allem in der Forschung diskutiert. Bei der Biodiversität ist es ähnlich. Das Phänomen des Verlusts an Artenvielfalt ist zudem weniger greifbar. Wenn ein See wegen Verschmutzung zu stinken beginnt, merken wir das. Arten hingegen verschwinden schleichend und fast unbemerkt. Die Wahrnehmung beginnt sich aber zu ändern. Ein erster Aufschrei erfolgte durch die Studie über das Insektensterben vor zwei Jahren in Deutschland, diese wurde auch in den Medien ausführlich besprochen. Anschaulich wird es aber erst dann, wenn ich zum Beispiel einen bunten Blumenstrauss pflücken will, aber nur gelbe Chrottebösche finde.

 

Gibt es Strategien, die das Thema mehr in den Mainstream bringen könnten?

Der Klimawandel schenkt der Biodiversität mehr Aufmerksamkeit, auch weil die beiden Themen eng miteinander verknüpft sind. Wir können die Bedrohungen durch den Klimawandel und den Biodiversitätsverlust nicht isoliert bekämpfen. Wir lösen entweder beide Probleme oder keines von beiden. Viele Studien zeigen die Gefährlichkeit der aktuellen Kaskade des Artensterbens auf. Das Insektensterben führt zum Vogelsterben und das Vogelsterben führt zum Sterben von anderen Arten. So werden ganze Ökosysteme gefährdet. Diese Entwicklung müssen wir dringendst aufhalten.

 

Das Bienensterben war medial weit verbreitet. Schuld am Bienensterben sind aber vor allem Pestizide.

Ja, die intensive Produktion der Landwirtschaft führt unter anderem zum Bienensterben. Überdüngung, Monokulturen und der Einsatz von Pestiziden sind verheerend für die Bienen. Um in Zukunft den Einsatz von Pestiziden zu reduzieren oder zu verbieten, sind aktuell zwei Pestizid-Initiativen hängig.

 

Können Sie das Ausmass des Rückgangs an Biodiversität in der Schweiz in Zahlen festmachen?

Ein Drittel aller einheimischen Tier- und Pflanzenarten der Schweiz sind vom Aussterben bedroht. Zahlreiche Pflanzen- und Tierarten sind bereits ausgestorben wie beispielsweise die Grosse Zangenlibelle. Etwa 100 Arten leben ausschliesslich in der Schweiz oder im Alpenraum. Hier haben wir eine besondere Verantwortung für deren Schutz zu übernehmen. Das Aussterben dieser Arten wäre gleichbedeutend mit dem Verschwinden derselben von diesem Planeten.

 

Die Biodiversitätsinitiative sieht vor, dass der Bund und die Kantone mehr Fläche für die Biodiversität zur Verfügung stellen. Wie muss man sich das vorstellen? 

Wir haben internationale Verpflichtungen. Die Schweiz hat die Biodiversitätskonvention ratifiziert. Dort haben wir vereinbart, 17 Prozent der Landesfläche unter Schutz zu stellen, momentan verfügen wir in der Schweiz aber nur über sechs Prozent geschützte Fläche. Es braucht die Biodiversitätsinitiative, um mehr geschützte Flächen zu schaffen. Es geht aber nicht nur darum, möglichst viele Schutzgebiete zu haben. Wichtig ist genauso, dass die restliche Landesfläche biodiversitätsfreundlich bewirtschaftet wird. Alles was jetzt noch an freien zusammenhängenden Landschaften und wertvollen Lebensräumen vorhanden ist, soll in irgendeiner Art bewahrt werden. Der Bundesrat hat 2012 die Strategie Biodiversität verabschiedet. Diese fordert den Aufbau einer ökologischen Infrastruktur bestehend aus Kerngebieten und Vernetzungsgebieten. Die Vernetzungsgebiete verbinden die Schutzgebiete miteinander, denn isolierte Biotope nützen wenig.

 

Die Bauzonenordnung wird häufig nicht eingehalten, respektive, es werden viele Ausnahmen gewährt. Ist die Initiative überhaupt realistisch angesichts dieser Tatsache der Umgehung des aktuellen Gesetzes?

Wir setzen unsere Hoffnungen auf das neue Raumplanungsgesetz und dass eine strikte Trennung von Bauzonen und Nicht-Bauzonen wieder klar im Gesetz verankert wird. Für die Erhaltung unserer Lebensgrundlage müssen unsere Gesetze die Biodiversität und den Landschaftsschutz garantieren.

 

Urban gardening ist zurzeit bei StadtbewohnerInnen hip. Bringt das etwas für die Biodiversität schweizweit?

Ich glaube, dass gerade Urban gardening sehr wichtig ist, weil es sich um Bürgerinitiativen handelt. Die Leute machen das ja nicht nur, weil es hip ist, sondern weil sie das Bedürfnis haben, sich der Natur wieder anzunähern. Diese Entwicklung ist gut für den Naturschutz.

 

Was kann jeder Einzelne für den Schutz der Biodiversität beitragen?

Unterschreiben Sie die Biodiversitätsinitiative und die Landschaftsinitiative. Gehen Sie am 20. Oktober wählen und werden Sie Pro Natura-Mitglied (lacht). Engagieren Sie sich freiwillig bei einem Naturschutzeinsatz und schaffen Sie im Privaten naturnahe Flächen. Wer einen Garten hat, soll einheimische Pflanzen anbauen, kein Gift verwenden, Kleinstrukturen wie Ast- oder Steinhaufen anlegen oder einen kleinen Teich bauen. Wagen Sie mehr Unordnung im Garten. Oft haben wir das Bild, dass ein aufgeräumter Garten ein schöner Garten ist. Das sehe ich natürlich anders. Es ist gut, wenn es im Garten einen wilden Ecken hat, denn dort tummeln sich viele Lebewesen.

 

Viele Menschen stellen aktuell tatsächlich auf einheimische Pflanzen um…

Es ist ein Trend und nichtsdestotrotz verkaufen die Gartencenter weiterhin beispielsweise den Kirschloorbeer, eine exotische invasive Pflanze, die unsere einheimischen Arten verdrängt. Das ist ein Widerspruch und daran müssen wir arbeiten.

 

Im Zuge der Klimaschutz-Demonstrationen wird der Ruf nach einem System Change laut. Wie stehen sie dazu? Braucht es einen radikalen politischen Wandel, um überhaupt noch die Kehrtwende zu schaffen, auch betreffend Artenschutz?

Ein System Change ist eine radikale Forderung, die das Paradigma des geldgetriebenen Wirtschaftswachstums, wo alles grösser und besser werden muss, durchbrechen würde. Die Klimaschutz-Bewegung hat es richtig formuliert: Ich allein kann die nötigen Veränderungen nicht herbeiführen. Es braucht einen Systemwandel, der von oben kommt und Politik und Wirtschaft umfasst, aber der Wandel muss zuerst in den Köpfen stattfinden. Man muss bereit sein, seine Geschäftsmodelle, sein Verhalten so zu ändern, dass sie der Gesellschaft einen Mehrwert bringen, nicht dem Einzelnen. Viele Firmen denken zwar um, doch das reicht nicht. Bis jetzt reden wir hier von Nischenprodukten. Das sieht man beim Bio-Segment in den Supermärkten. «Bio» verkauft sich zwar immer besser, aber die Zunahme erfolgt nicht schnell genug.

 

Der System Change in den Köpfen reicht nicht?

Gesellschaftliche Entwicklungen verlaufen über eine lange Zeit. Diese Zeit haben wir nicht. Die Politik muss einen radikalen Wandel vorschreiben, auch wenn dieser in unserer direkten Demokratie nur langsam umsetzbar ist. Ich denke, dass die Dringlichkeit bei den Menschen spürbar sein muss. Der Sommer 2018 hat die Leute aufgerüttelt, die Wiesen waren braun, die Bäume abgestorben. Das hat bei den Menschen etwas ausgelöst und zur aktuellen Klimaschutz-Bewegung beigetragen. Nun gilt es diesen Schwung zu nutzen. Menschen beginnen bewusst aufs Fliegen zu verzichten. Praktiken, die man lange nicht hinterfragt hat, werden jetzt kritisiert. Schlussendlich geht es darum, welche Welt wir den nächsten Generationen hinterlassen wollen.

 

Was sind die nächsten politischen Schritte, die jetzt hinsichtlich der Initiativen folgen müssen? Wird es einen Gegenvorschlag geben? Gibt es schon Ideen für Kampagnen?

Das sind auch bei uns Fragen, die wir aktuell diskutieren. Wir sind gespannt auf alles, was kommt, zuerst müssen wir aber noch die restlichen Unterschriften sammeln. Aktuell haben wir rund 90 000 Unterschriften für die Biodiversitätsinitiative und 85 000 für die Landschaftsinitiative. Wir befinden uns also im Schlussspurt.

 

Welchen Beitrag leistet Pro Natura zur Verbesserung der Umwelt?

Pro Natura ist die älteste Schweizer Naturschutzorganisation und fokussiert sich hauptsächlich auf den Naturschutz in der Schweiz. Pro Natura hat den Nationalpark wesentlich mitbegründet. Wir betreuen rund 700 eigene Schutzgebiete und führen ein Dutzend Naturschutzzentren in der ganzen Schweiz.Mit unseren Sektionen sind wir in allen Kantonen regional und mit dem Zentralverband national aktiv.

 

Die Schweiz ist aktuell keine Vorreiterin im internationalen Vergleich. Wo steht die Schweiz in Sachen Umweltschutz?

Die Schweiz steht leider nicht gut da. Mit sechs Prozent geschützter Landfläche sind wir das Schlusslicht unter den dreissig OECD-Ländern. Wir sind schon lange keine Musterschülerin mehr in Sachen Naturschutz und haben einiges aufzuholen.

 

Können die kommenden Wahlen eine Veränderung für die blockierte Umweltpolitik bewirken?

Wir setzen natürlich grosse Hoffnungen in die Wahlen, auch im Hinblick auf unsere Initiativen, denn das neue Parlament hat über diese zu befinden. Ich hoffe auf einen deutlichen Ruck innerhalb der Politik und in der Gesellschaft. Die Leute müssen sich bewusst werden, dass die Biodiversität unsere Lebensgrundlage darstellt. Technologische Lösungen alleine können unsere Lebensgrundlage nicht sichern. Wir sind auf eine gesunde, intakte Natur und eine reiche Biodiversität in der Schweiz und überall auf der Welt angewiesen.

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